Willi-Resetarits-Hof in Wien
Bezahlbarer Wohnraum im Stadtquartier Neues Landgut
Neun Hektar groß ist das Quartier Neues Landgut, das sich in einem der letzten innerstädtischen Entwicklungsgebiete Wiens befindet. Fußläufig zum Hauptbahnhof und am Columbusplatz gelegen, realisierten Pichler & Traupmann Architekten hier den Willi-Resetarits-Hof mit 165 neuen Gemeindewohnungen. Namensgeber ist Künstler und Humanist Willi Resetarits, an dessen Schaffen die Fassadengestaltung erinnert.
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Wiener Wohnungsbau: Ein Vorbild
Wien gilt als Vorreiterin und europäisches Vorbild für den geförderten Wohnungsbau. Um langfristig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ließ die Stadt in den vergangenen Jahre viele sogenannte Gemeindewohnungen errichten. Sie sind Eigentum der Stadt Wien, verwaltet werden sie von dem kommunalen Unternehmen Wiener Wohnen. So wie beim Willi-Resetarits-Hofs, übernimmt meist die Wiener Gemeindewohnungs-Baugesellschaft (WIGEBA) den Neubau. Gemäß dem Konzept Gemeindebau NEU sollen die geförderten Wohnungen noch mehr Wiener*innen zugänglich sein und sich die Quartiere dadurch sozial stärker durchmischen.
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Städtebauliche Situation
Das städtebauliche Leitbild des ehemaligen Bahnareals entwickelte die Stadt Wien in Kooperation mit den Liegenschaftsentwicklern ÖBB Immobilien. Südlich wird das trapezförmige Grundstück von der Landgutgasse, östlich von der Laxenburger Straße und nordwestlich vom Columbusplatz begrenzt. Zusammen mit der Gösserhalle (siehe Bauwerke zum Thema) und der Inventarhalle bildet der Hochpunkt der Wohnanlage eine neue Quartiersmitte aus. Hier ist die Blockrandbebauung zehngeschossig, im Süden dagegen fünfgeschossig. Auf dieser Seite befindet sich auch die Tiefgarageneinfahrt.
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Das Erdgeschoss ist zum Columbusplatz hin mit der öffentlichen Bücherei besetzt. Daran schließen entlang der Landgutgasse Gewerbeflächen an. Mittig ist die Blockstruktur in Ost-West-Richtung aufgebrochen, sodass sich ein Zugang in den Innenhof ergibt. In den Obergeschossen reihen sich die Wohnungen den Grundstückskanten folgend aneinander. Im Norden und Süden kommt jeweils ein zweiter, hofseitiger Riegel dazu. An diesen Stellen bilden sich ab dem vierten Obergeschoss die Hochpunkte der Anlage aus.
Die beiden Erschließungskerne sind in diagonal gegenüberliegenden Ecken des Innenhofs angesiedelt. Von ihnen aus gelangt man in die sich aufweitenden Zonen zwischen den Nord- und Südriegeln sowie zu den umlaufenden Laubengängen der Hofwohnungen – eine Neuinterpretation des klassischen Wiener Pawlatschenhofs, heißt es von den Architekt*innen. Pawlatsche, aus dem Tschechischen entlehnt, nennt man in Österreich den Laubengang.
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Neben 165 neuen 1- bis 4-Zimmer-Wohnungen für bis zu 350 Bewohner*innen finden Gemeinschaftsräume mit Küchen oder Werkstätten, Kinder- und Jugendspielräume, Fahrradabstellflächen und großzügige Dachterrassen in unterschiedlicher Höhe Platz in dem Komplex.
Effiziente Grundrisse
Die Wohnungsgrundrisse sind nach einem etablierten System entworfen: Über einen kleinen Vorraum oder Windfang gelangt man in den Ess- und Wohnbereich. Ein sogenannter Intimgang erschließt Bäder und weitere Zimmer. Der Wohnungsschlüssel berücksichtigt vier Haushaltsgrößen zu je etwa gleichen Anteilen: 41 Wohneinheiten mit 40 m2, 38 mit 45 bis 65 m2, 46 mit 70 bis 85 m2 und 40 mit 80 bis 100 m2. Des Weiteren sind die Grundrisse aufgrund der wenigen tragenden Wände leicht anpassbar.
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Zusätzlich ist jeder Wohnung ein privater Freiraum zugesprochen: Einzelbalkone oder Loggien sind an den Straßenseiten platziert. Die schräg geschnittenen Einzelbalkone sind im Austrittsbereich schmal und werden in Fassadenrichtung breiter. Hinzu kommen Ausbuchtungen an den Laubengängen. Dachterrassen mit Aufenthaltsflächen, Kinderspielplätzen und Platz für Urban Gardening stehen der Gemeinschaft zur Verfügung. Vertikale Begrünung entlang der Laubengänge, Pflanztröge, die Innenhofgestaltung, Grünflächen und extensive Begrünung auf den Dächern wirken der städtischen Hitze entgegen. Die Decken- und Fassadengestaltung stammt von Johanna Kandl, die damit an das Werk Willi Resetarits erinnert, der in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen ist.
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Ansatz „BIM light“
Das Ziel, von Beginn an eine modellbasierte und disziplinübergreifende Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten mit BIM zu realisieren, war aufgrund der Budgetvorgaben nicht möglich. Die Fachplaner*innen konnten ihre Leistungen nicht vollständig gemäß einer umfassenden BIM-Planung erbringen. Stattdessen wurde mit einer vereinfachten Version geplant, quasi „BIM light“. Dabei modellierten die Architekt*innen das Gebäude vollständig in einer BIM-Software, versahen es mit allen grundlegenden Informationen und konnten so Flächen- und Massenkennwerten schnell und zuverlässig auswerten.
Das kontinuierlich fortgeschriebene 3D-Modell diente nicht nur der architektonischen Planung, sondern weiterhin auch als zentrale Kommunikations- und Abstimmungsgrundlage mit den Fachdisziplinen der Tragwerksplanung und technischen Gebäudeausrüstung. Zum Beispiel wurden Durchbruchsabstimmungen auf Basis des exportierten 3D-Modells durchgeführt, indem relevante Informationen zu Öffnungen und Leitungsführung an die Fachplanenden übergeben wurden. Potenzielle Kollisionen in der Durchbruchsplanung konnten auf diese Weise frühzeitig erkannt und vermieden werden.
Auch wenn dieser Ansatz keine vollumfängliche BIM-Planung im klassischen Sinne darstellt, profitierten die Architekt*innen doch von der frühzeitigen und modellbasierten Koordination und Kommunikation.
Bautafel
Architektur: Pichler & Traupmann Architekten, Wien
Projektteam: Peter Grandits (Projektleiter), Nikola Beim, Iris Berger, Carlos Celles M.B., Anna Gulinska, Florian Huber, Barbara Jarmaczki, Joachim Kess, Tibor Koczian, Ingrid Nunez Y., Jan N. Schöpf, Severin Türk, Emirhan Veyseloglu, Wolfgang Windt, Arkady Zavialov,
Entwurfsteam: Bartosz Lewandowski (Teamleiter Entwurf), Peter Grandits, Anna Gulinska, David Guisado, Tibor Koczian (Entwurfsteam)
Projektbeteiligte: Dorr-Schober & Partner, Wien (Statik und Bauphysik); Gebäudetechnik Kainer, Rattersdorf (Haustechnik); Elektrotechnik Wunderl, Rattersdorf (Elektrotechnik); DND Landschaftsplanung, Wien (Landschaftsplanung); Johanna Kandl, Wien (Kunst am Bau)
Bauherr*in: WIGEBA Wiener Gemeindewohnungs-Baugesellschaft
Fertigstellung: 2024
Standort: Laxenburger Straße, 1100 Wien, Österreich
Bildnachweis: Hertha Hurnaus, Wien (Fotos); Pichler & Traupmann Architekten, Wien (Pläne)
