Umgestaltung PROGR-Hof in Bern
Von der Asphaltwüste zum Begegnungsort
PROGR ist die liebevolle Abkürzung der Berner*innen für „Progymnasium“: In dem neoklassizistischen Bau aus dem 19. Jahrhundert drückten einst Gymnasiast*innen die Schulbank, heute befindet sich hier das sogenannte PROGR – Zentrum für Kulturproduktion. In mehr als 70 Räumen arbeiten rund 150 Kunstschaffende, das Erdgeschoss dient als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konzerte. In die ehemalige Turnhalle und das Lehrerzimmer sind Gastronomiebetriebe gezogen. Der auf drei Seiten von dem Bestand umgebene Hof dient dabei als zentraler Begegnungsort, für die hier arbeitenden Künstler*innen und Kulturproduzent*innen ebenso wie für die Stadtgesellschaft. Um diesen öffentlichen Kommunikationsort und Treffpunkt inklusiv und zukunftstauglich zu gestalten, lobte die PROGR-Stiftung als Trägerin des Zentrums ein Planerwahlverfahren aus. Den Zuschlag erhielten das Zürcher Architekturbüro Salewski Nater Kretz gemeinsam mit der bildenden Künstlerin Miriam Sturzenegger und bbz landschaftsarchitekten.
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Seit 2009 leitet die gemeinnützige Stiftung PROGR das Kulturzentrum, mit dem Ziel, zeitgenössisches Kulturschaffen zu fördern. Zuvor war das ehemalige Schulgebäude fünf Jahre als ebensolcher Ort für kreatives Arbeiten zwischengenutzt worden; dank einer Volksabstimmung konnte diese Nutzung verstetigt werden. Der Betrieb finanziert sich ausschließlich aus Mieteinnahmen und kommt ohne kommunale Förderung aus. Im Zuge der Baurechtsverlängerung der Stadt Bern bis 2089 und der Übernahme des gastronomischen Betriebs der Turnhalle entschied sich die Stiftung, den zentralen Hof umzugestalten. Im Fokus stand die Entsiegelung des asphaltierten ehemaligen Pausenhofs, auch, um für den Erhalt der gartendenkmalgeschützten Bäume zu sorgen. Zudem sollte eine barrierefreie Erschließung für die nichtkommerzielle Stadtgalerie und den Gebäudekomplex insgesamt geschaffen werden.
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Ausstrahlendes Scharnier
Der von den drei Gebäudeflügeln umgebene Hof ist nicht nur zentraler Treffpunkt für das PROGR und die Berner Kulturszene, sondern auch ein wichtiger öffentlicher Freiraum in der oberen Altstadt, die tagsüber wie nachts stark belebt ist: Hier finden sich Läden, Restaurants, Cafés und Kneipen. Der sozial und atmosphärisch durchlässige Charakter des öffentlichen PROGR-Hofs sollte bei der Umgestaltung erhalten bleiben. So trennt zwar eine kniehohe Mauer mit Zaun den Bereich vom Straßenraum der Speichergasse, doch führen an beiden Seiten Tore in den Hof. Mittig befindet sich ein Trinkbrunnen. Dieser wurde zu einem wichtigen Ankerpunkt der Neugestaltung. Als sogenanntes „ausstrahlendes Scharnier“ entwarfen Salewski Nater Kretz gegenüberliegend innenseitig einen neuen Pavillon mit skulpturalem Dach. Dieses wurde von der bildenden Künstlerin Miriam Sturzenegger entworfen und umgesetzt und markiert den PROGR-Hof im Stadtraum. Die mittige, aber randseitige Platzierung des Pavillons spielt den Raum des Hofes frei für eine flexible Organisation und Aneignungsmöglichkeiten und bietet Platz für ein kleines gastronomisches Angebot im Außenraum.
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Offene Mitte: Entsiegelte Flächen und Begrünung
Die Mitte des Hofes ist in doppelter Hinsicht offen: Sie ist programmatisch flexibel und zugleich wasserdurchlässig. Hierfür sahen die Planungen von bbz landschaftsarchitekten die Entfernung des bestehenden Asphalts sowie die Ersetzung des belasteten Bodens vor. Regenwasser kann nun dank der neuen wassergebundenen Decke versickern und den geschützten Ahornbestand versorgen. Zusätzlich angelegte Retentionsflächen strukturieren den Freiraum, die als grüne Inseln den Innenhof bei Hitze kühlen und das Mikroklima verbessern. So wird Niederschlagswasser temporär gespeichert, die Regenwasserinfrastruktur entlastet und auch die Vegetation profitiert. Ein neuer Bereich mit Stauden ist mit lokal vorkommenden Sträuchern und klimaresilienten Arten wie Erdbeerbaum und Feige bepflanzt. Randseitig blieben Asphaltflächen erhalten, um die Zuwegung der Gebäude barrierefrei zu halten.
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Unter einem skulpturalen Dach vereint
Der sogenannte „Sandstein“ vereint verschiedene Gestaltungselemente wortwörtlich unter einem Dach: Die Dachskulptur von Miriam Sturzenegger erhebt sich auf zwei Betonpfeilern und einer Betonscheibe als frei geformtes, topographisches Gebilde, das trotz seiner Monumentalität schwebend anmutet. Straßenseitig überragt der „Sandstein“ den Brunnen und verbindet den Hofraum physisch mit der Straße. Hofseitig hebt er sich in einer leicht sattelförmigen Krümmung und bedeckt den Pavillon, der dieses jedoch nicht berührt, sondern als eigenständiges darunterliegendes Volumen gestaltet ist. Im Gegensatz zur rauen Materialität des „Sandsteins“ ist der Pavillon ein Holzbau, der zu einem großen Teil aus ochsenblutrot lasierten, teils lackierten Dreischichtbrettern besteht. Diese prägen im geschlossenen Zustand die Erscheinung des Bar-Kiosks und bilden Bänke aus.
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Zur Öffnung des Betriebs lassen sich die Bretter paketweise zur Seite schieben. Dahinter zeigen sich die in grün-grauem Ton lasierten Pfosten und Riegel der Primärkonstruktion. Die sich vertikal aufschiebenden Fenster öffnen einen umlaufenden Tresen, von dem aus in Richtung aller drei Hofseiten Getränke und einfache Speisen serviert werden können.
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Materialgedächtnis und Topographie: Mit dem Wasser gestaltet
Im Gegensatz zu den umgebenden, streng strukturierten neoklassizistischen Sandsteinfassaden zeigt das Dach mit seiner freien Formgebung eine wild erscheinende Eigenlogik. Dabei fügen sich die unregelmäßigen Auskragungen in die Baumkronen, mit denen sie sich im Sommer zu einer schattenspendenden Ebene verbinden. Hinter Sturzeneggers Entwurf und Ausführung steht eine lange Material- und Konstruktionsrecherche, bei der auch Wasser eine Rolle spielt. Die Künstlerin erklärte die Ufer der unweit des PROGR fließenden Aare zum geographischen Referenzraum ihrer Intervention und bezog zudem das Rückzugsgebiet des Aaregletschers ein. Denn zur letzten Kaltzeit war der Boden des Hofes selbst einst von diesem Gletscher bedeckt und steht damit auf dem Sediment des Moränenmaterials. Als Zeugnis dieses Materialgedächtnisses sammelte Sturzenegger Materialproben in Sandablagerungen und Gruben.
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In Anwendungstests suchte sie nach dem passenden Sand für die Modellierung der Negativform, in der das Dach schlussendlich gegossen wurde. Dies geschah in aufwendiger Handarbeit: Sechs Monate dauerte der Bau des Daches.
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Hydrologische Aspekte prägten nicht nur die Materialität, sondern auch die Dachform. So ist die Oberseite derart modelliert, dass die Topographie aus Vertiefungen, rückhaltenden Erhöhungen und kontinuierlichen Neigungen das Regenwasser ableitet. Das Wasser läuft in Richtung einer trichterförmigen Vertiefung, fällt von dort aus kurz frei und wird anschließend in einem Rohr in der darunterliegenden Betonscheibe aufgefangen und in den sickerfähigen Belag abgeleitet. So schlägt die Verbindung von Topografie und Entwässerung eine Brücke zum hofeigenen Wasserhaushalt und der landschaftsarchitektonischen Planung. Eine derart poetische und ästhetische Bearbeitung und bauliche Umsetzung vielfältiger Aspekte des Wasserkreislaufs sieht man selten – möge sie nicht nur Berner*innen bei einem Kaltgetränk im PROGR-Hof zur Nachahmung inspirieren. -hs
Bautafel
Architektur: Salewski Nater Kretz, Zürich
Projektbeteiligte: Miriam Sturzenegger (Urheberin Dachkörper „Sandstein“, bildende Kunst, künstlerische Gesamtleitung Dachkörper, Ausführung Dachkörper); bbz landschaftsarchitekten (Landschaftsarchitektur, Bauleitung und Kostenplanung, Umgebung, Gesamtkoordination Baustelle); Dr. Neven Kostic (Tragwerksplanung Pavillon inkl. Dachkörper); Bürgin Creations (Betonexpertise in der Planungsphase, Ausführung Dachkörper)
Bauherrschaft: Stiftung PROGR – Zentrum für Kulturproduktion, Bern
Standort: Waisenhausplatz 30, 3011 Bern, Schweiz
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: David Aebi; Jana Leu; Miriam Sturzegger; Kevin Cilurzo; Vanessa Vogel; Teo Petruzzi (Fotos); Salewski Nater Kretz; bbz landschaftsarchitekten (Pläne)
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