Justizvollzugsanstalt Heidering in Großbeeren

Zäune, Gitter und Verglasungen sichern Gefängnis auf der grünen Wiese

Gallerie

Wenige Wochen vor Belegungsbeginn der Justizvollzugsanstalt Heidering in Großbeeren bei Berlin dürfen wir, drei Mitarbeiterinnen der Baunetz-Wissen-Redaktion, die riesige Anlage besuchen. Ende März 2013 liegt noch Schnee, der im Zusammenspiel mit den hohen, metallisch glänzenden Zäunen des modernen Gefängnisbaus das Sonnenlicht vielfach reflektiert. Auch in die Innenräume des Komplexes auf dem 15 Hektar großen Areal dringt jede Menge Tageslicht – Glasflächen, Gitter und Zäune ersetzen traditionell hohe Gemäuer. Die JVA Heidering liegt inmitten einer kaum besiedelten Feld- und Wiesenlandschaft zwischen den beiden brandenburgischen Ortschaften Großbeeren und Ludwigsfelde, südwestlich von Berlin. Geplant wurde der Gefängnisbau vom Grazer Architekturbüro Hohensinn.

Kompakte Baukörper, geringe Weglängen und eine möglichst kurze Außensicherheitslinie waren entscheidende Parameter der Planung. Dabei sollten räumliche Bedingungen für einen sicheren, humanen Strafvollzug mit guten Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Die Insassen sollen den Wandel der Jahreszeiten erleben, differenzierte Freibereiche ermöglichen Bewegung und Erholung. Ihre Wege sind konsequent von denen für Lieferanten, Angestellte und Besucher getrennt.

Das separate Eingangsgebäude samt Torzufahrt liegt im Norden, Besucher gelangen zu Fuß von einem großräumigen Parkplatz über eine kurze geschwungene Straße dorthin. Südlich abgerückt, erstrecken sich von Ost nach West die anderen Gebäudeteile des Ensembles. Verbunden werden sie durch die sogenannte „Vollzugsmagistrale“, einen überdachten, aber nicht beheizten, 260 Meter langen Glasgang. Das Empfangsgebäude mit temporären Hafträumen, Besucherwartezone und Langzeitsprechbereich bildet den Auftakt, weitere Verwaltungsräume schließen südlich an. Nördlich der Magistrale und aufgrund der Topografie etwas höher gelegen, folgen die drei X-fömig angelegten, dreigeschossigen „Teilanstalten“. Die (ausschließlich männlichen) Gefangenen sind dort in Wohngruppen von jeweils 18 Personen untergebracht: Jeder Insasse verfügt über eine knapp 10 m² große Zelle mit räumlich abgetrenntem WC und Waschbecken. Duschen werden gemeinschaftlich genutzt, ebenso die Küchen mit Aufenthaltsbereichen. Die Wohngruppen münden dort, wo sich die Gänge überschneiden und die verglasten Büros der Justizbeamten positioniert sind.

Südlich der Magistrale folgen im Anschluss an das Verwaltungsgebäude weiträumige Arbeits- und Produktionsstätten für die Gefangenen, die sich hier ausbilden lassen können. Der zentrale Erschließungsgang ist hell und geräumig, großflächige Verglasungen ermöglichen beidseitig Ausblicke zu kleinen und größeren Innenhöfen. An seinem westlichen Ende sind die medizinische Versorgung, der Andachtsraum, die Schule mit Bibliothek, die Sporthalle und mehrere Fitnessräume angeordnet. Ergänzt wird dieses Angebot durch drei Sportplätze im Süden der Anlage. Die ärztliche Geschäftsstelle ist rund um die Uhr besetzt, Fachärzte für Orthopädie, HNO und Zahnmedizin, Psychiater, Psychologen und Physiotherapeuten kommen regelmäßig bzw. nach Bedarf. Der ärztlichen Betreuung drogenabhängiger Insassen dient ein spezieller Substitutionsraum.

Sicherheit
Fernab kleinerer Ortschaften liegt das Gefängnisareal inselartig in der flachen Landschaft. Nur am Eingang ist ein Teil der Umfassung als Betonmauer ausgeführt – ansonsten umgibt ein 1,7 km langer und sechs Meter hoher Doppelzaun das Gelände. Die Umgebung soll dadurch für Insassen und Angestellte erlebbar bleiben – bei strahlendem Sonnenschein ist die Durchsicht jedoch aufgrund der Reflexionen der engmaschigen Metalldrähte fast unmöglich. Mit Kameras überwacht werden die Außenbereiche, die Magistrale sowie besonders gesicherte Hafträume der JVA mit einer Nutzfläche von insgesamt rund 28.000 m².

Ausgelegt ist die JVA Heidering für 648 Insassen, die höchstens noch fünf Jahre Haftstrafe vor sich haben dürfen. Gefangenentransporte passieren das Haupttor und werden dann im eigentlichen Empfangsgebäude aufgenommen. Besucher werden zweifach kontrolliert – zunächst am Haupteingang, wo es auch Schließfächer gibt, und dann ebenfalls an der Pforte (dem Empfangsgebäude mit Zugang zur Magistrale). Dafür stehen Personenschleusen mit Metalldetektoren ähnlich wie an Flughäfen zur Verfügung. Für einen Besuch über mehrere Stunden, beispielsweise der Ehefrau oder Kinder, gibt es den sogenannten Langzeitsprechbereich: Ein Zimmer mit Bad, Kochnische, Sitzecke und geräumiger, vergitterter Loggia.

Zur besseren Orientierung innerhalb der Anlage wurden die Böden, teilweise auch das Mobiliar und die Decken der Teilanstalten in verschiedenen Farben gestaltet: Apfelgrün, Brombeere und Petrolblau dominieren jeweils die Gefangenenstationen I, II und III. In jedem Haftraum lässt sich ein schmaler Lüftungsflügel des recht breiten, vergitterten Fensters öffnen. Jeder Gefangene verfügt über einen eigenen Festnetzanschluss und besitzt einen Schlüssel zu seinem Haftraum, damit er sich zurückziehen kann. Die Wärter können diesen jedoch überschließen, d. h. den Schließvorgang eines Gefangenen jederzeit aufheben oder gegen seinen Willen absperren. Unabhängig von den Schließanlagen existiert ein Transpondersystem, das einen ungewöhnlich langen Aufenthalt eines Wärters im Haftraum signalisiert, wenn dieser sich beim Betreten der Zelle mit seiner Karte registriert hat. Zentral in den X-förmig angelegten Gefangenentrakten sind die verglasten Büros der Wärter angeordnet, sodass diese die Flure gut überblicken können. Besonders gesicherte Hafträume ermöglichen die Fixierung aggressiver Gefangener mit Stahlbefestigungen am Boden.

Innerhalb der Magistrale ist ein abgehängter, orangefarbener Gang ausschließlich dem Personal zur Erschließung sämtlicher Gebäudeteile vorbehalten. Seitliche Stege führen zu den Büros, die der Überwachung der verschiedenen Trakte dienen. Die Häftlinge können durch den Glasgang beispielsweise selbstständig zum Arzt gehen. Zur modernen medizinischen Versorgung gehört auch die zentrale Erfassung aller Geräte und Patienten mit sämtlichen Bildern (Röntgen, Computertomografie etc.). Hochmoderne Ultraschallgeräte bebildern beispielsweise den Zustand eines Gebisses vor und nach der zahnärztlichen Behandlung und dienen anschließend als Beleg. Der gesamte Medikamentenbestand wird gescannt, alle ausgegebenen Medikamente registriert. Gemäß Betäubungsmittelgesetz werden substituierte Gefangene durch einen Arzt betreut und der Bundesopiumstelle gemeldet. -us

Bautafel

Architekten: Hohensinn Architektur, Graz
Projektbeteiligte:
SPM Stein Projektmanagement, Düsseldorf (Projektsteuerung); Ingenieurbüro Rathenow BPS, Dresden (Fachplanung ELT/HLS/SI/KÜ/MED); Ruffert & Partner, Berlin (Tragwerksplanung); Müller BBM, Berlin (Brandschutzkonzept)
Bauherr: Land Berlin
Fertigstellung:
2013
Standort:
14978 Großbeeren
Bildnachweis: Urte Schmidt / Baunetz (sm), Berlin

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