Historische Tragkonstruktionen

Rehm, Jörg (Hrsg.)

Von der Antike bis zur Moderne
Birkhäuser, Basel 2025
304 Seiten, rund 450 s/w-Abbildungen
21 × 28 cm, gebunden

Preis: 68 EUR

ISBN 978-3-0356-2929-3

Ob Pantheon in Rom, Dogenpalast in Venedig oder Hagia Sophia in Istanbul – irgendwann kommt sie fast allen Besuchenden historischer Bauwerke: die Frage, wie das eigentlich immer noch alles halten kann. Wer verstehen will, warum Bauwerke über Jahrhunderte bestehen konnten, ohne je eine Norm gesehen zu haben, muss sich mit ihren Tragwerken befassen. Mit Historische Tragkonstruktionen – Von der Antike bis zur Moderne legt Jörg Rehm, Professor an der TU München, gemeinsam mit einem interdisziplinären Autor*innenteam ein Grundlagenwerk vor, das die Entwicklung der europäischen Baukonstruktion von der Antike bis zur Moderne nachzeichnet. Der Band zeigt, wie Bauweisen funktionieren und was sich aus ihnen für die heutige Bestandspraxis lernen lässt.

Dass der Band im Kartoneinband und in konsequenter Schwarz-Weiß-Gestaltung ein wenig mehr sein will als ein Fachhandbuch, wird schon beim ersten Öffnen deutlich: Eine Abfolge von Fotografien und Zeichnungen, inszeniert wie grafische Drucke, führt durch berühmte und weniger bekannte Bauwerke der Geschichte. Dieser dramaturgisch kluge Einstieg funktioniert wie ein visuelles Vorspiel des Wiedererkennens und Staunens bevor sich die große Informationsfülle entfaltet. Das bringt Freude und macht vor allem neugierig. Folgerichtig ist auch das Ende des Buches entsprechend inszeniert, dieses Mal mit jüngeren Konstruktionsbauten der Geschichte.

Systematik mit Tiefenschärfe

Die vier Hauptteile sind nach Werkstoff gegliedert: Holzbau, Mauerwerksbau, Eisenbau und Eisenbetonbau. Jeder folgt derselben klaren Dramaturgie: Nach einer griffigen Einführung werden Werkstoffe, Fügetechnik, Tragmechanismen, Tragwerkstypen und Gefährdungen der jeweiligen Gattung erläutert. Abgeschlossen wird jedes Kapitel mit einigen Beispielbauten. So entsteht eine nachvollziehbare, analytische Ordnung, die das sperrige Thema greifbar macht. Mit Kapitellängen von meist unter zehn Seiten bleibt der Band trotz seiner Dichte angenehm lesbar – wer sich jeden Tag ein Kapitel vornimmt, dürfte in etwa einem Monat komfortabel durchkommen und damit das eigene Wissen verlässlich schärfen: Durch die wohlproportionierte Gliederung und die Vielzahl an Schemazeichnungen, historischen und aktuellen Fotografien sowie Schadensbildern gelingt es, Theorie und Anschauung zu verbinden.

Die Spannweite reicht vom Zelt- und Pfostenbau der Frühzeit über Gewölbe, Rippen und Bögen bis zu Gusseisenhallen, Stahlskeletten und frühen Betonbauten der Moderne. Besonders eindrücklich ist, wie Rehm und seine Mitautor*innen die historische Erfahrung sichtbar machen: Konstruktionen sind hier keine abstrakten Systeme, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses aus Versuch, Irrtum und Beobachtung.

„Die allermeisten historischen Bauwerke dürften nach aktuellen Regelwerken gar nicht existieren“, schreibt Rehm in seiner Einleitung. Im Buch zeigt er zugleich, dass sie es trotzdem tun.

Erfahrung statt Norm

Rehm beschreibt die Baugeschichte als ein Feld empirischer Erkenntnis: Handwerk, Erfahrung und Experiment bestimmten das Konstruieren, lange bevor Wissenschaft und Berechnung es erklärten. Diese Perspektive ist nicht nostalgisch, sondern erkenntnistheoretisch und sie richtet sich ausdrücklich an die Gegenwart.

Denn in der Erhaltung und Ertüchtigung historischer Tragwerke stehen Planende heute vor der Aufgabe, Systeme zu beurteilen, deren Logik sich modernen Rechenmodellen oft entzieht. Rehm plädiert dafür, Architektur und Ingenieurwesen wieder enger zu denken, als gemeinsame Sprache, die gestalterische und statische Prinzipien verbindet. Damit liefert das Buch eine Argumentationsgrundlage für eine baukulturell fundierte Bestandspraxis, die nicht nur sichert, sondern versteht.

Vier Exkurse als Werkzeugkasten

Am Ende des Buchs versammeln sich vier Exkurse, die den Transfer in die Praxis leisten:

  • Tragwerk und Innovation zeigt, wie sich Baukunst immer zwischen Experiment und Optimierung bewegt hat.
  • Graphische Statik erklärt die Beziehung zwischen Form und Kraft – von der Handzeichnung zur digitalen Simulation.
  • Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden vermittelt Techniken der Bauaufnahme und Datenerfassung.
  • Allgemeine Vorgehensweisen bei Instandhaltungs- und Instandsetzungsmaßnahmen beschreibt den Prozess der Bestandspflege als medizinische Analogie: Anamnese, Diagnose, Therapie, Dokumentation.
Damit spannt das Buch eine durchgehende Brücke von der historischen Analyse zur aktuellen Planungspraxis und ist ein Werkzeugkasten für alle, die im Bestand arbeiten.

Wissen für die Bauwende

Im Vorwort weist Florian Nagler darauf hin, dass der Band im frühen 20. Jahrhundert endet – einem Punkt der Moderne, an dem das Bauen anfing, seine ökologische Balance zu verlieren. Rehm und seine Mitautor*innen zeigen mit ihrem Rückblick zugleich einen Weg nach vorn: Sie erinnern daran, dass Nachhaltigkeit keine neue Erfindung ist, sondern in der Geschichte des Bauens immer schon angelegt war: im sparsamen Materialeinsatz, in der Dauerhaftigkeit und im Respekt vor dem Bestehenden.

Historische Tragkonstruktionen ist damit eine Einladung, Baukultur als lebendigen Zusammenhang von Handwerk, Wissenschaft und Verantwortung zu begreifen. Für alle, die im Bestand planen, lehren oder forschen, ist es eine motivierende Einführung und ein inspirierendes Nachschlagewerk. – sr

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