Reinventing Heritage

Park, Filippo Pagliani, Michele Rossi, Michele Versaci (Hrsg.)

A Design Compass on Adaptive Reuse
Park Books, Zürich 2025
320 Seiten, 280 farb. und 98 s/w Abb.
20 × 28 cm, gebunden

Preis: 48 EUR / 49 CHF

ISBN 978-3-03860-444-0

Das Bauen im Bestand ist nicht mehr nur eine ökologische Notwendigkeit. Mit Reinventing Heritage legt das Mailänder Architekturkollektiv Park ein Buch vor, das zeigt, wie Wiederverwendung zum zentralen Entwurfsprinzip einer zeitgemäßen Architektur werden kann. Statt Gebäude abzureißen und neu zu errichten, plädiert das Team um Filippo Pagliani und Michele Rossi für eine kreative Weiterentwicklung des Bestehenden und erklärt zugleich, wie sich dieses Vorgehen systematisch planen lässt. Der im Band vorgestellte „Design Compass“ ordnet Eingriffe entlang von Substanz und Nutzung und macht „Adaptive Reuse“ von einer vagen Absicht zu einem klar anwendbaren, typologisierbaren Verfahren.

Architektur als Akt der Fürsorge

Adaptive Reuse bezeichnet die gezielte Weiterverwendung bestehender Gebäude für neue Nutzungen und ist damit die wohl spannendste Sparte des Bauens im Bestand. Statt Abriss und Neubau werden vorhandene Strukturen erhalten, angepasst und neu interpretiert: technisch, funktional und gestalterisch. Ziel ist es, Lebenszyklen zu verlängern, Ressourcen zu sparen und Orte weiterzuentwickeln. Adaptive Reuse versteht den Bestand nicht als Einschränkung, sondern als Material und Inspiration für zeitgemäße Architektur.

Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes ist eine einfache, aber folgenschwere Beobachtung: Jedes Gebäude trägt eine Geschichte in sich. Wer im Bestand arbeitet, greift in diese Geschichte ein. Adaptive Wiederverwendung, so Parks These, ist kein technischer Kompromiss, sondern eine kulturelle Haltung. Sie bedeutet, den Wert des Vorhandenen zu erkennen und durch gezielte Eingriffe mit Sorgfalt, Umsicht und Neugier neu zu interpretieren.

Theorie trifft Praxis

Das Buch verknüpft theoretische Überlegungen mit konkreten Fallstudien aus der Arbeit des Büros. Gezeigt werden Umbauten und Transformationen in und um Mailand, von Nachkriegsbüros und Industriehallen bis zu modernistischen Ikonen. Beispiele wie La Serenissima, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der Campari-Gruppe aus den 1960er-Jahren, oder der Palazzo Missori, ein Blockrandbau des italienischen Rationalismus, verdeutlichen, wie sich architektonische Substanz und zeitgemäße Anforderungen zu einem neuen Ganzen fügen lassen.

Einen besonders anschaulichen Fall beschreibt der Umbau der Torre della Permanente. Das 1953 von Achille und Pier Giacomo Castiglioni entworfene Hochhaus wirkte bis vor wenigen Jahren unvollständig: Der Turm endete abrupt, als sei eine Aufstockung vorgesehen, die nie realisiert wurde. Park nahm diese Beobachtung zum Ausgangspunkt und ergänzte zwei neue Geschosse, die den Bau in seinen Proportionen ausgleichen und zugleich eine neue architektonische Präzision erzeugen. Durch die Kombination von Ziegel und Glas, leichte Rücksprünge in den Fassaden und eine fein gearbeitete Ecklösung erhält der Turm nun einen klaren Abschluss. Die Intervention respektiert die historische Gestalt, betont aber die zeitgenössische Handschrift.

Der „Design Compass“

Ein zentrales Werkzeug des Buches ist der sogenannte „Design Compass“. Er hilft, Eingriffe am Bestand systematisch zu erfassen und zu planen. Zwei Achsen strukturieren die möglichen Strategien:

  • Body beschreibt physische Maßnahmen wie Renovieren, Nachrüsten oder Umgestalten.
  • Program steht für funktionale Veränderungen wie Reaktivieren, Umnutzen oder Regenerieren.
So lässt sich jede Intervention als Kombination aus baulicher und programmatischer Transformation einordnen. Die Projekte im Buch sind anhand dieses Rasters dargestellt, mit Schwarz für das Bestehende und Rot für das Neue. Diese einfache, klar lesbare Methode macht sichtbar, wie unterschiedlich und doch vergleichbar die Herangehensweisen sind.

Stimmen und Perspektiven

Neben den Projektbeispielen enthält der Band Gespräche mit Fachleuten aus Architektur, Stadtplanung, Ökologie und Design. Zu Wort kommen unter anderem Formafantasma, Koenraad Van Cleempoel, Werner Sobek und Jorge Pérez-Jaramillo. Ihre Beiträge erweitern die Sicht auf Wiederverwendung – von Fragen der Materialkreisläufe über Energieeffizienz bis zu sozialräumlichen Aspekten urbaner Transformation.

Reinventing Heritage versteht sich nicht nur als Dokumentation, sondern auch als Werkstattbericht. Entwurfsprozesse, technische Entscheidungen und konstruktive Details werden offengelegt und grafisch präzise erläutert. Die konsequente Visualisierung mit einheitlichen Maßstäben, Explosionszeichnungen, Axonometrien und Zeitleisten vermittelt den Gestaltungsansatz unmittelbar und macht den Band zu einem praktischen Handbuch für Planende. Lohnend für Menschen, die im Bauen im Bestand arbeiten, und für alle, die besser verstehen wollen, wie sich Architektur im 21. Jahrhundert aus dem Bestehenden neu erfinden lässt. -sr

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