Umbau eines Arts-and-Crafts-Wohnhauses in San Francisco
White Cube in Schindelkleid
Das Wohnhaus Cow Hollow in San Francisco wurde 1917 von der Architektin Elizabeth Austin entworfen. Sie gehörte zu einer kleinen Gruppe weiblicher Planerinnen, die sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Berufsstand etablieren konnten. Über hundert Jahre später transformierte das Büro Mark English Architects den denkmalgeschützten Bestand für eine zeitgemäße Wohnnutzung. Der Umbau verbindet restauratorische Maßnahmen mit tiefgreifenden räumlichen Eingriffen im Inneren. Zentraler Bestandteil des Projekts ist ein zweigeschossiges Atrium, das Tageslicht bis in den Kern des Hauses führt.
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Historische Wohnarchitektur in San Francisco
Der zweigeschossige Bau gehört zu den für San Francisco typischen freistehenden Wohnhäusern des frühen 20. Jahrhunderts, die infolge des verheerenden Erdbebens von 1906 entstanden sind. Am Kopf eines tiefen Grundstücks platziert, zeigt sich zur Straße hin die schmale Stirnseite des langgestreckten Baukörpers. Sichtbare Substruktionen mit integrierter Garageneinfahrt sowie neu organisierte Wegeführungen verweisen auf den jüngsten Umbau. Oberhalb der Geländekante bleibt der Bestand dagegen historisch. Besonders deutlich wird dies nach Betreten des Grundstücks: Hier öffnet sich das Gebäude mit seiner längsseitigen Hauptfassade zu einem Gartenhof.
Trotz seiner vergleichsweise kompakten Abmessungen wirkt das Haus markant, geradezu herrschaftlich. Der Entwurf Elizabeth Austins zählt zu der sogenannten First Bay Tradition – einer regionalen Ausprägung des amerikanischen Shingle Style, die in der Bay Area zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet und Teil der Arts and Crafts Bewegung war. Charakteristisch dafür sind die Holzschindelfassade, die asymmetrische Dachlandschaft sowie die differenziert ausgebildeten Dachüberstände und Erker. Ergänzt wird dies durch Konsolgesimse, historische Ornamentdetails und asymmetrisch verteilte Fenster verschiedenster Formate. Im hinteren Grundstücksbereich befindet sich ein stilistisch verwandtes Nachbargebäude, das nicht Teil des Umbauprojekts war.
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Erhalt und Transformation des Bestands
Der historische Bestand war ursprünglich kleinteilig organisiert und verfügte über zahlreiche Räume auf zwei Hauptgeschossen sowie ein teilweise ungenutztes Untergeschoss – ein sogenannter Crawl Space mit geringer Deckenhöhe, der nur als Lager verwendbar war. Da das Haus Teil eines denkmalpflegerischen Schutzsystems ist, musste der Umbau eng mit den Anforderungen der kommunalen Vorgaben für Bestandserhaltung abgestimmt werden. Die Fassade blieb darum weitgehend erhalten. Während der Bauarbeiten wurden sämtliche äußeren Ornamentteile demontiert, dokumentiert, restauriert und anschließend wieder eingesetzt.
Im Inneren erfolgte dagegen eine umfassende Neuorganisation. Die Architekt*innen öffneten den zentralen Bereich des Hauses und entfernten große Teile des Obergeschosses. Dadurch entstand ein zweigeschossiger Essbereich mit großformatigen Oberlichtern, der heute den Mittelpunkt des Hauses bildet. Eine filigrane Galerieebene aus Stahl und Glas im Obergeschoss flankiert den Luftraum und verbindet die privaten Räume miteinander. Die frühere Folge aus separatem Esszimmer, Pantry und Flur im Erdgeschoss wurde zugunsten des offenen Raumkonzepts aufgelöst.
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Atrium und neue Tragstruktur
Um dies zu ermöglichen, wurde die bestehende Tragstruktur überarbeitet. Neue Stahlrahmen und ergänzende Holzkonstruktionen stabilisieren die Dachstruktur und unterstützen die räumliche Öffnung des Hauses. Die Oberlichter übernehmen dabei nicht nur eine funktionale Rolle für die Belichtung, sondern wirken zugleich als integrale Bestandteile der Konstruktion. Parallel dazu wurde das Untergeschoss durch Absenken des Fußbodenniveaus und Erneuerung der Fundamente zu zusätzlicher Nutzfläche umgebaut. Neben Technik- und Lagerräumen entstanden dort unter anderem ein Heimkino sowie weitere Nebenräume.
Insgesamt umfasst das Projekt rund 251 Quadratmeter Wohnfläche sowie eine Garage mit etwa 33 Quadratmetern. Die Materialität des Ausbaus verbindet historische Elemente mit zeitgenössischen Oberflächen. Im Innenraum kommen unter anderem europäische Weiß-Eiche, polierter Beton, Schiefer, Bambusoberflächen und schwarz gefasste Stahlkonstruktionen zum Einsatz. Letztere kontrastieren ebenso wie die schwarz lackierten Aluminiumrahmen der Oberlichter mit den schneeweiß getünchten Wänden des Atriums und verstärken dessen vertikale Raumwirkung.
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Kontrast aus historischen Details und zeitgenössischem Ausbau
Der Kontrast aus historischen Baudetails und zeitgenössischer Klarheit erinnert dabei stellenweise an museale Innenräume der späten Postmoderne. Während außen Holzschindeln, Ornamentik und kleinteilige Fenster dominieren, prägen innen weiße Wandflächen, Glasgeländer und dunkle Stahlkonstruktionen die Atmosphäre. Die neue räumliche Offenheit verändert den ursprünglichen Charakter des Hauses grundlegend, ohne die historische Identität des Gebäudes vollständig aufzulösen.
Auch energetische Aspekte spielten beim Umbau eine Rolle. Neue Dachmaterialien reduzieren solare Wärmeeinträge, während eine wassergeführte Fußbodenheizung mit Gypcrete-Aufbau als thermische Speichermasse zur Stabilisierung der Innenraumtemperaturen beiträgt. Die intensive Tageslichtführung über die Oberlichter reduziert zudem den Bedarf an künstlicher Beleuchtung im Gebäudeinneren.
Bautafel
Architektur: Mark English Architects, San Francisco
Projektbeteiligte: Page & Turnbull, San Francisco (Historische Recherche); GFDS, San Francisco (Tragwerksplanung); Earth Systems Pacific, San Jose (Geotechnik); West Coast Sound Solutions, San Francisco (Akustik)
Bauherr*in: privat
Standort: Cow Hollow, San Francisco, Kalifornien, USA
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: Joe Fletcher, San Francisco (Fotos) / Mark English Architects, San Francisco (Pläne)
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