Wohnen in der Vorburg von Haus Stapel in Havixbeck

Vom Stall zum historischen Wohnen

Wo einst Kühe und Kälber standen, befinden sich heute edle Wohnräume, in denen Parkettfußböden und weiß verputzte Wände mit grobem Natursteinmauerwerk kontrastieren. In der nördlichen Vorburg von Haus Stapel in Havixbeck wandelte das Architekturbüro Mensen + Zora Architekten einen historischen Stallflügel in vier Wohneinheiten um. Die Transformation ist Teil einer schrittweisen Sanierung der Gesamtanlage. Durch gezielte Eingriffe in die historische Struktur entstanden zeitgemäße Wohnräume, ohne den Charakter des denkmalgeschützten Ensembles zu überformen.

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Baugeschichtlicher Hintergrund

Haus Stapel liegt wenige Kilometer westlich von Münster und gehört zu den bedeutsamsten historischen Wasserschlössern des Münsterlands. Die Anlage wurde bereits 1211 urkundlich erwähnt und entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte zu einem weitläufigen Schlossensemble mit Herrenhaus, Vorburg, Wirtschaftsgebäuden, Park und Gräftensystem – so werden im Münsterland die Wassergräben bezeichnet, die Burgen und Schlösser umgeben. Im Mittelalter war das Anwesen über Jahrhunderte im Besitz der Familie Kerckerinck. Durch Heirat ging es im frühen 19. Jahrhundert an die Familie Droste zu Hülshoff über, die das klassizistische Herrenhaus errichten ließ.

Die Vorburganlage entstand im frühen 18. Jahrhundert und wurde 1719 vollendet. Sie bildet einen hufeisenförmigen Baukörper mit zwei flankierenden Türmen und einem repräsentativen Torhaus. In der Forschung wird die Anlage teilweise dem westfälischen Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun zugeschrieben, der als bedeutendster Baumeister des westfälischen Barocks gilt. Ursprünglich diente der Gebäudekomplex vor allem wirtschaftlichen Funktionen des Schlossbetriebs; Stallungen, Lager und Werkstätten waren hier untergebracht. Trotz dieser Nutzung weist die Anlage eine ungewöhnlich repräsentative architektonische Gestaltung auf. Das Ensemble steht heute als Baudenkmal unter Schutz und umfasst neben den Gebäuden auch Gartenanlagen, Brücken und historische Zufahrten.

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Schrittweise Sicherung des Ensembles

Die Umnutzung der nördlichen Vorburg ist Teil eines längerfristigen Sanierungsprozesses der Gesamtanlage. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Bauabschnitte umgesetzt. Zunächst erfolgte die Restaurierung des barocken Torhauses aus dem frühen 18. Jahrhundert. Parallel dazu wurden die Fassaden und Dachbereiche des klassizistischen Herrenhauses instandgesetzt, darunter auch das markante Kuppeldach mit neuer Kupfereindeckung.

Ergänzend entstand eine neue Energieinfrastruktur für die Anlage. In einer angrenzenden Scheune wurde eine Heizzentrale eingerichtet, die über ein internes Fernwärmenetz mehrere Gebäude des Ensembles versorgt. Die Anlage nutzt Holzhackschnitzel aus dem eigenen Forstbestand und ersetzt damit ältere Heizsysteme. Wie bei großen denkmalgeschützten Anlagen üblich, erfolgten die Arbeiten schrittweise und waren teilweise von Förderprogrammen abhängig. Neben den größeren Maßnahmen werden auch zahlreiche kleinere Bauabschnitte umgesetzt, um die historische Substanz kontinuierlich zu sichern.

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Nördliche Vorburg – Umbau zu vier Wohnungen

Der nördliche Flügel der Vorburg bot aufgrund seiner Gebäudetiefe und der vorhandenen Toröffnungen gute Voraussetzungen für eine neue Wohnnutzung. Ziel der Planung und auch des Denkmalschutzes war es, so viel historische Bausubstanz wie möglich zu bewahren. Statt grundlegender struktureller Veränderungen wurde der Grundriss durch gezielte Eingriffe und die Hinzufügung neuer Wände so angepasst, dass vier eigenständige Drei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen entstehen konnten.

Ein zentrales Element des Umbaus ist die Erschließung der Wohnungen über Loggien, die in den ehemaligen Torbögen der Stallungen angeordnet sind. Die Rückwände der Loggien bestehen aus neuen Wand-Türelementen, welche die Innenräume thermisch abschließen. Sie sind bodentief verglast, wodurch Innenraum und Hof fließend ineinander übergehen. Von außen sind die modernen Bauteile kaum wahrnehmbar, wodurch die ursprüngliche Wirkung der Vorburgfassade weitgehend erhalten bleibt.

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Raumordnung zwischen Hof und Gräfte

Zur Gräfte hin wurden zusätzliche Öffnungen in die Sandsteinmauern eingeschnitten, um die privaten Wohnräume besser zu belichten. Es handelt sich hierbei um den einzigen substanziellen Eingriff in die Fassade – und er bleibt subtil: Die neuen, schmalen Fenster sind so proportioniert und positioniert, dass sie sich harmonisch in das historische Mauerwerk einfügen und das Erscheinungsbild der Anlage nur minimal verändern. Im Sinne des Denkmalschutzes bleiben die Eingriffe zudem als zeitgenössische Ergänzungen ablesbar, ohne die historische Substanz zu dominieren.

Die innere Organisation der Wohnungen richtet sich nach der Stellung des Gebäudes innerhalb des Schlossensembles. Räume mit stärker gemeinschaftlichem Charakter orientieren sich zum Innenhof der Vorburg, während privatere Bereiche zur Gräfte hin ausgerichtet sind. Die Grundrisse entwickeln sich aus der vorhandenen Gebäudetiefe und den bestehenden Wandstrukturen. Küchen- und Aufenthaltsbereiche liegen überwiegend auf der Hofseite, während Schlafräume und Rückzugsbereiche in Richtung Wasser orientiert sind.

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Innenraum aus Alt und Neu

Im Innenraum verzichteten die Planer*innen auf stark überformende Eingriffe. Historische Elemente wie massive Türbögen, alte Feuerstätten oder elliptische Fenster prägen weiterhin das Erscheinungsbild der Räume. Auf den Innenseiten der Räume wurde eine zweite Fensterebene aus modernen Isolierholzfenstern ergänzt, sodass die historischen Fenster größtenteils erhalten bleiben konnten. Die neuen Einbauten sind schlicht, handwerklich solide und bestehen weitgehend aus natürlichen Materialien. Lehmverputzte, geweißte Wände und eine reduzierte Materialwahl lassen die historischen Mauern und Bauteile stärker hervortreten. Eine Ausnahme bildet die neue, fast skulptural wirkende Treppe aus Ortbeton. Sie tritt deutlich als zeitgenössische Ergänzung hervor, gliedert sich jedoch harmonisch in die historische Bausubstanz ein.

Bautafel

Architektur: Mensen + Zora Architekten, Münster 

Projektbeteiligte: Kossin + Vismann Beratende Ingenieure (Tragwerksplanung); PlanCad – Planungsteam für Haustechnik (TGA-Planung); Krämer-Evers Bauphysik (Bauphysik); Iker Lanvers Ingenieure GmbH & Co.KG (Brandschutz); LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen / Untere Denkmalbehörde Gemeinde Havixbeck (Denkmalpflege) 

Bauherr*in: Haus Stapel (privat)

Standort: Gennerich 18B, 48329 Havixbeck, Nordrhein-Westfalen

Fertigstellung: 2024

Bildnachweis: Roland Borgmann (Fotos) / Mensen + Zora Architekten (Pläne)

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Äußerlich hat sich bis auf wenige, klar als Zutat erkennbare Schlitzfenster kaum etwas an den Backsteinfassaden verändert.

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