Campus-Kindergarten in Merseburg

Umbau einer DDR-Telefonzentrale

Geprägt von seriell errichteten Hochschul- und Wohnbauten der DDR-Nachkriegsmoderne entfaltet sich der Campus der Hochschule Merseburg in klaren, rhythmischen Linien. Hier hat Aline Hielscher Architektur einen ehemaligen Technik- und Telefonzentralanbau in eine Kindertagesstätte für das Studentenwerk Halle umgebaut. Der Campus-Kindergarten nutzt einen langgestreckten Bestandsbau aus der Nachkriegszeit, der als eingeschossiger Baukörper mit teilbelichtetem Sockelgeschoss vor den mehrgeschossigen Wohnheimstrukturen der 1950er- und 1960er-Jahre liegt. Durch die Umnutzung wird ein zuvor funktional untergeordneter Zweckbau zu einer sozialen Einrichtung auf dem Campus.

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Baugeschichtlicher Hintergrund

Neben bereits sanierten oder abgerissenen Gebäuden sind auf dem Campus noch einzelne Baukörper im ursprünglichen Zustand erhalten. Der heutige Campus-Kindergarten befindet sich in einem zweigeschossigen Anbau am Wohnheim 8, dessen längliche quaderförmige Kubatur, flaches Dach und regelmäßiges Tragwerksraster typisch für die funktionalen Zweckbauten dieser Zeit sind. Ursprünglich beherbergte das Gebäude unter anderem die Telefonanlage der Hochschule, untergebracht in einem technisch geprägten Innenraum mit großer Raumhöhe, der später zur zentralen Entwurfsressource wurde.

Nord-südlich ausgerichtet, ist das Erdgeschoss von beiden Seiten gut belichtet, während das Sockelgeschoss (Souterrain) ausschließlich Tageslicht von der Südseite erhält. Mit der Umnutzung erhält das Gebäude nicht nur eine neue Funktion, sondern auch eine neue Adresse innerhalb des Campusgefüges. Ein neu formulierter Haupteingang sowie barrierearme Zugänge ordnen den Bau neu und machen ihn für Eltern, Kinder und Mitarbeitende gut nutzbar.

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Instandsetzung mit Maßstäblichkeit

Die äußere Erscheinung des Gebäudes bleibt weiterhin zurückhaltend. Entlang der Fassaden erzeugen Fenster und Türöffnungen einen gleichmäßigen Rhythmus, da sie dem konstruktiven Raster folgen. Durch neue, gezielt gesetzte Öffnungen wird die langgestreckte Kubatur des Bestands gestalterisch ergänzt, ohne ihre ursprüngliche Form zu verändern. Neue Holz-Alu-Fenster mit tiefen Laibungen sorgen für großzügige natürliche Belichtung beider Ebenen und übersetzen den Bestand in eine zeitgemäße Architektursprache.

Geschlossene Paneelfelder, integrierte Lüftungselemente und differenzierte Glasoberflächen ergänzen die Öffnungen zu einer robusten, wartungsfreundlichen Gebäudehülle. Die in warmen Tönen gehaltenen Rahmen setzen gezielte Akzente, ohne den sachlichen Charakter des Baukörpers zu überlagern. So bleibt die Maßstäblichkeit des Gebäudes klar ablesbar und fügt sich in das heterogene Campusumfeld ein.

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Räumliche Neuordnung

Das regelmäßige Stützenraster und die kompakte Grundfläche erwiesen sich als überraschend flexibel für die neue Nutzung. Anstatt die Struktur grundlegend zu verändern, entwickelten die Architekt*innen die Kindertagesstätte innerhalb der bestehenden Kubatur weiter. Die neue Nutzung für insgesamt 42 Kinder wird über beide Ebenen organisiert und folgt einer klaren funktionalen Gliederung.

Das Erdgeschoss nimmt die regelmäßig genutzten Räume des Alltags auf: Hier sind die Gruppenräume mit zugeordneten Garderoben und Sanitärräumen angeordnet. Die Erschließungszonen sind nicht als reine Verkehrsflächen ausgebildet: Tiefe Fensterbänke aus hellem Holz bieten Sitzmöglichkeiten für wartende Eltern und erweitern den Flur zu einem Aufenthaltsraum. Das Kinderrestaurant bildet den räumlichen Mittelpunkt des Erdgeschosses. Es öffnet sich sowohl zur Flurzone als auch zum Garten und ist direkt mit der Kochküche verbunden. Sie ist über eine großzügige Durchreiche visuell mit dem Kinderrestaurant verbunden. Dadurch werden Abläufe sichtbar und Essen als gemeinschaftliche Tätigkeit erlebbar.

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Toben im Sockelgeschoss

Von der größeren Raumhöhe profitieren insbesondere die pädagogischen Funktionen im Sockelgeschoss, etwa das Spielen, Tanzen, Toben und Erkunden. Über eine neu eingefügte, großzügige Treppe sind beide Ebenen verbunden; sie sorgt zudem für kurze Wege und zusätzliche Belichtung im unteren Geschoss. Herzstück des Campus-Kindergartens ist der ehemalige Technikraum im Sockelgeschoss. Mit seiner außergewöhnlichen Raumhöhe und nahezu stützenfreien Konstruktion eignete sich der Raum in besonderer Weise für die Umnutzung zum Bewegungsraum. Anstatt den Raum zu unterteilen, entwickelten die Architekt*innen eine hölzerne Spiel- und Bewegungslandschaft, die das vorhandene Volumen nutzt und vertikal bespielt. Plateaus, Stufen und integrierte Kletterelemente strukturieren den Raum, ohne seine eigensinnigen Dimensionen zu nivellieren.

Weitere Funktionen des Sockelgeschosses – darunter Personalräume, ein Schlafraum für die Kinder sowie der direkte Zugang zum Garten – sind entlang der Fassaden angeordnet. Die Orientierung des Schlafraums nach Norden sorgt für ruhiges, gleichmäßiges Tageslicht, während der Bewegungsraum von der südlichen Belichtung profitiert. So wird die ursprüngliche Belichtungslogik des Bestands funktional weitergedacht.

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Materialität, Ausbau und Ertüchtigung

Beim Innenausbau setzen wenige, konsequent ausgewählte Materialien den Ton. Einbaumöbel, Fensterbänke, Treppen und die Spieltopografie im Bewegungsraum sind aus hellem Fichtenholz gefertigt. Ergänzt wird es durch farblich zurückhaltende Wand- und Bodenflächen sowie präzise ausgeführte Fliesenarbeiten in den Sanitärbereichen. Wand- und Bodenfliesen sind dort farblich aufeinander abgestimmt und erzeugen eine ruhige, monochrome Atmosphäre. Technische Ertüchtigungen des Bestands sind sichtbar und nachvollziehbar ausgeführt. Akustisch wirksame, perforierte Deckenflächen sorgen für eine angenehme Raumakustik, während Installationsführungen in Fluren und Nebenräumen ablesbar bleiben.

Wie ein kompakter Zweckbau der Nachkriegsmoderne durch präzise Eingriffe räumlich und programmatisch weiterentwickelt werden kann, zeigt exemplarisch der Campus-Kindergarten in Merseburg. Ohne Erweiterung der Kubatur, ohne tiefgreifende Eingriffe in die Tragstruktur und mit konsequenter Nutzung vorhandener Qualitäten entstand eine leistungsfähige soziale Infrastruktur. 

Bautafel

Architektur: Aline Hielscher Architektur, Leipzig
Projektbeteiligte: Dr. Manfred Arlt, Architektur und Denkmalpflege Thomas Zaglmaier (Bauüberwachung); DSH  (Tragwerksplanung); Wohlrab, Landeck & Cie. (Wärmeschutz, HLS); Joachim Maske (Brandschutz); Schimmel + Schönemann (ELT); Triebe und Triebe (Küchenplanung); Sascha Kleine (Freianlagen)
Bauherr*in: Studentenwerk Halle AÖR
Standort: Friedrich-Zollinger-Straße 1, 06217 Merseburg
Fertigstellung: 2023
Bildrechte: Célia Uhalde

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