Umbau und Erweiterung: Kunstkraftwerk Bergson in München

Bayerns Berghain?

Wo einst Kessel Wärme für den Bahnbetrieb erzeugten, finden heute Ausstellungen, Konzerte und kulinarische Begegnungen statt. Mit dem Umbau des ehemaligen Aubinger Heizkraftwerks zum Bergson Kunstkraftwerk realisierten Stenger2 Architekten und Partner ein ambitioniertes Projekt des Weiterbauens im Bestand. Das Industriegebäude aus den 1940er-Jahren wurde behutsam saniert, ergänzt und mit einer neuen Nutzung aufgeladen – zu einem Ort für Kunst, Musik und Öffentlichkeit. Prägend für die Transformation ist neben der atmosphärischen Raumfolge auch der feinsinnige Umgang mit den hohen, vertikal gegliederten Fensterachsen, deren technische Erneuerung unter denkmalpflegerischen Maßgaben erfolgte.

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Historie und Entstehung

Das sogenannte Aubinger Heizkraftwerk geht auf Planungen der Reichsbahndirektion München aus dem Jahr 1937 zurück. Als Teil einer weitreichenden Umstrukturierung sollte es künftig den geplanten Ausweichbahnhof in Laim mit Fernwärme versorgen. Der Baustopp durch den Zweiten Weltkrieg führte jedoch dazu, dass der monolithische Ziegelbau nie vollendet wurde. Erst Mitte der 1950er-Jahre wurde er durch die Deutsche Bundesbahn als Heizwerk in Betrieb genommen.

Charakteristisch für den 47 mal 31 Meter großen Klinkerbau mit seiner 23 Meter hohen Kesselhalle sind die massiven Natursteingliederungen aus Nagelfluh – ein vulkanisches Gestein mit antikem Anklang –, kombiniert mit industriellen Stahlbetonstrukturen und vertikal aufsteigenden Fensterachsen. Diese Materialkombination markiert einen seltenen Übergang zwischen monumentalem Historismus und früher Industrie-Moderne.

Nach der Stilllegung im Jahr 1988 entwickelte sich das Gebäude zum „Lost Place“ – frequentiert von Fotografinnen, Graffiti-Künstlerinnen und der Jugendkultur im Münchner Westen. 2007 wurde es unter Denkmalschutz gestellt, 2015 begann die Planung für die heutige Umnutzung

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Erhalt und Weiterbau

Ziel der Sanierung war es, die historische Substanz weitgehend zu erhalten und zugleich eine neue funktionale Ordnung einzuführen. Die Architekten legten Wert darauf, Spuren der Nutzungsgeschichte nicht zu überdecken, sondern bewusst sichtbar zu lassen. So wurden patinierte Oberflächen freigelegt, Graffiti konserviert und die ursprüngliche Raumstruktur der Kesselhalle in das neue Nutzungskonzept integriert. Im Altbau entstanden auf einer Fläche von 1.300 Quadratmetern Räume für Gastronomie und Veranstaltungen – darunter das Atrium, die Beletage, das Restaurant Zeitlang sowie der Live-Club Barbastelle, benannt nach der dort ansässigen Fledermausart.

Im Innenausbau setzten die Planenden auf eine zurückhaltende Gestaltung, die die räumliche Qualität des Bestands betont und seine Spuren lesbar hält. Historische Oberflächen wurden gereinigt, aber nicht geglättet; die rohe Materialität bleibt spürbar. Neue Einbauten folgen einer klaren Architektursprache: Sichtbeton, schwarzgebranntes Holz, polierter Estrich und Absturzsicherungen aus dunklem Stahl bilden einen ruhigen Hintergrund für Ausstellungen und Veranstaltungen. Akustische Anforderungen wurden subtil in Wandverkleidungen und Möblierung integriert. In den Gasträumen des Restaurants Zeitlang und in den Veranstaltungssälen nehmen maßgefertigte Möbel und Lichtkonzepte gestalterisch Bezug auf die Vielschichtigkeit des Ortes.

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Neubau mit Galerie und Konzertsaal

Der rund 97 Meter lange Erweiterungsbau schließt direkt an die Nordwestfassade des Altbaus an. Er beherbergt u.a. ein großzügiges Foyer, den Konzertsaal Elektra Tonquartier mit 456 Sitzplätzen sowie Veranstaltungsräume, Atelierflächen und eine Dachterrasse. Der Neubau nimmt die Maßstäblichkeit des Bestands auf, arbeitet aber mit einer reduzierten Formensprache und klaren Linien. Die innenräumliche Verbindung zwischen Alt- und Neubau wird durch ein durchgehendes Sockelgeschoss mit Lager- und Nebenräumen sowie durch ein gemeinsames Erschließungskonzept gestärkt. Im Außenbereich ergänzt ein eigenes Ausschankgebäude samt Panorama-Dachraum den großzügigen Biergarten mit rund 500 Sitzplätzen.

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Vertikale Fensterachsen aus Stahl 

Besonderes Augenmerk lag auf der denkmalgerechten Erneuerung der großformatigen Fensteröffnungen. Diese durchziehen die Ziegelfassaden über 18 Meter Höhe und prägen das Erscheinungsbild der Kesselhalle wesentlich.

Um die historischen Proportionen zu bewahren und gleichzeitig heutigen energetischen Anforderungen gerecht zu werden, entschieden sich die Architekt*innen für das Sprossensystem Janisol Arte von Schüco. Das filigrane Stahlprofilsystem ermöglicht schmale Ansichtsbreiten und scharfkantige Übergänge – ideal für den gewünschten Industriecharakter.

Jede Fensterachse besteht aus einem Raster von zwölf vertikal gestaffelten Einzelelementen (je 0,75 mal 3,65 Meter), die in Nagelfluhrahmen gefasst sind. Statt außenliegendem Sonnenschutz, der aus denkmalpflegerischen Gründen ausgeschlossen wurde, kommt eine innenliegende Begleitheizung aus Kupferrohr zum Einsatz. Die Fenster wurden mit Sonnenschutzverglasung sowie teils absturzsichernder und schalldämmender Ausführung versehen.

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Kulturelles Zentrum mit Strahlkraft

Das Bergson Kunstkraftwerk ist ein vielschichtiger Kulturort mit überregionaler Ausstrahlung. Mit seinem breit gefächerten Programmangebot – von bildender Kunst bis zu Livemusik – soll es zum Kristallisationspunkt für ein neues urbanes Zentrum im Münchner Westen werden.

Statt musealer Konservierung wurde hier ein lebendiger Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschaffen: Die industrielle Herkunft des Gebäudes bleibt spürbar, wird aber durch eine zeitgenössische Nutzung aufgeladen. Architektur, Technik und Atmosphäre verbinden sich zu einem Gesamterlebnis, das Bestand weiterdenkt.

Bautafel

Architektur: Stenger2 Architekten und Partner, München
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Aster, Seefeld (Tragwerksplanung); Arnold/Werner Architekten, München (Innenarchitektur), Ohnes & Schwahn, München (Landschaftsarchitektur), IVM Gebäudetechnik, Ebersberg / Müller-BBM Building Solutions, Planegg bei München (Bauphysik), Ingenieurbüro J. Schneider (Elektro), Bartenbach, Wattens (Licht), Metallbau Knöpfle, Krumbach (Metallbau); Schüco Stahlsysteme Jansen, Bielefeld (Fenster, Produkt: Janisol Arte 2.0)
Bauherr*in: Allguth, München
Standort: Am Bergson kunstkraftwerk 2, 81245 München-Aubing
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Laura Thiesbrummel / Markus Huber / Sascha Kletzsch / Grauwald Studio

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