Museum für Textil- und Industriegeschichte in Forst
Weiterbauen am industriellen Bestand
Forst in der Lausitz war einst ein Zentrum der industriellen Textilproduktion. Das heutige Museum für Textil- und Industriegeschichte ist Teil dieses materiellen Erbes: Die Gebäude wurden 1896 und 1897 für die Tuchfabrik der Familie Noack errichtet und gehören zu einem historischen Industrieareal. Nach einer ersten Umnutzung zum Museum Anfang der 1990er-Jahre machten ein gewachsenes Raumprogramm sowie veränderte Anforderungen an Betrieb, Erschließung und Technik eine erneute bauliche Überarbeitung notwendig. Krekeler Architekten sanierten, ergänzten und erweiterten das denkmalgeschützte Ensemble zwischen 2018 und 2025 grundlegend. Ziel war es, die industrielle Substanz zu erhalten, funktional weiterzuentwickeln und das Ensemble städtebaulich neu zu ordnen.
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Historischer Bestand und Ausgangslage
Das Ensemble der ehemaligen Tuchfabrik steht unter Denkmalschutz und wurde denkmalgerecht saniert. Entsprechend orientierten sich die Eingriffe am Erhalt der historischen Bausubstanz sowie an der Ablesbarkeit unterschiedlicher Bauphasen. Rund 200 Tuchfabriken prägten im 19. Jahrhundert die Stadt und ihren wirtschaftlichen Aufstieg. Das heutige Museumsensemble entstand als zusammenhängender Fabrikkomplex mit Hauptgebäude, Maschinen- und Kesselhaus, Arbeits- und Lagergebäuden sowie einem Dampfschornstein. Die Architektur ist typisch für die wilhelminische Industriearchitektur: mehrgeschossige Ziegelbauten mit klar gegliederten Fassaden, gusseisernen Mauerankern und ausgeprägten Gesimszonen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Ensemble teilweise zerstört, insbesondere ein Lagergebäude ging verloren. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu funktionalen und baulichen Überformungen, die die ursprüngliche Ensemblelogik zunehmend beeinträchtigten. Mit dem Erwerb durch die Stadt Forst im Jahr 1993 begann die Nutzung als Textilmuseum. Nach rund dreißig Jahren Museumsbetrieb waren jedoch sowohl die bauliche Substanz als auch die räumliche Organisation nicht mehr ausreichend, um den aktuellen Anforderungen eines zeitgemäßen Museums gerecht zu werden.
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Städtebauliche Neuordnung und Ergänzungen
Ein zentrales Anliegen der Planung war die Wiederherstellung des historischen Hofcharakters, der das Ensemble ursprünglich strukturierte. Anstelle des im Krieg zerstörten Lagerhauses errichteten die Architekt*innen einen Neubau, der die frühere Kubatur aufnimmt und den Hof wieder räumlich fasst. Ergänzend wurde ein teilweise zerstörtes Nebengebäude in seiner historischen Volumetrie wiederhergestellt und das ehemalige Heizhaus unter Berücksichtigung seiner ursprünglichen Kubatur und Materialität um ein zusätzliches Geschoss aufgestockt. Gleichzeitig wurden spätere Einbauten wie Garagen und ein Lastenaufzug zurückgebaut, um den Hof als zusammenhängenden Außenraum wieder erfahrbar zu machen.
Der Neubau übernimmt neben dem neuen Foyer eine zentrale Ausstellungsfunktion. Hier ist die historische Lokomotive „Schwarze Jule“ untergebracht, das letzte erhaltene Fahrzeug der Forster Stadteisenbahn, die von 1893 bis 1965 den innerstädtischen Güterverkehr bediente. Historische Gleisreste im Hof wurden ergänzt und bis in den Neubau weitergeführt. Sie dienen sowohl der Bewegung der Lokomotive bei besonderen Anlässen als auch der Besucherführung und verbinden Außenraum, Erschließung und Ausstellung.
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Fassaden und Materialkonzept
Ornamentale Ziegelarchitektur prägt die historischen Fassaden des Ensembles. Gelbe Ziegel dominieren die Flächen, während Sockel, Gesimse und Fensterstürze aus roten Ziegeln hervortreten. Diese Gliederung verleiht den Bestandsbauten eine repräsentative Wirkung, die über eine rein funktionale Industriearchitektur hinausgeht.
Die neuen Bauteile greifen das Material Ziegel auf, entwickeln es jedoch zeitgenössisch weiter. Anstelle ornamentaler Gliederung tritt eine flächige Rasterstruktur, die aus Vor- und Rücksprüngen einzelner Steine gebildet wird. Diese Struktur verweist auf textile Muster und nimmt Bezug auf historische Musterbücher der ehemaligen Fabrik. In den aufgestockten Bereichen wird die Ziegelfassade als lichtdurchlässiges Filtermauerwerk ausgebildet, das Tageslicht in die dahinterliegenden Räume lenkt und zugleich den Fassadenausdruck des Ensembles wahrt.
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Umnutzung und funktionale Organisation
Das erweiterte Museumsprogramm umfasst Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, Schauwerkstätten, Verwaltungsbereiche sowie Depot- und Archivflächen. Die Herausforderung bestand darin, diese Nutzungen innerhalb des heterogenen Bestands so zu organisieren, dass ein klarer, durchgängiger Rundgang über Erd- und Obergeschoss entsteht. Dabei wurden die unterschiedlichen Gebäudeteile funktional neu zugeordnet, ohne ihre historische Identität zu verlieren.
Besondere Anforderungen ergaben sich aus dem Brandschutz und der Barrierefreiheit. Zur Erfüllung der geltenden Vorschriften wurden ein zusätzliches Fluchttreppenhaus sowie zwei Aufzüge ergänzt. Die Eingriffe sind klar ablesbar, ordnen sich jedoch dem Gesamtgefüge unter und vermeiden eine Überformung der historischen Substanz.
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Tragwerk und bauliche Ertüchtigung
Für die Umnutzung zum Museum waren umfangreiche statische Maßnahmen erforderlich. Die historischen Holzbalkendecken der oberen Geschosse wurden durch den Einbau von Stahlträgern ertüchtigt, um die höheren Verkehrslasten aus Museums- und Archivnutzung aufnehmen zu können. Die Eingriffe erfolgten gezielt und beschränkten sich auf die konstruktiv notwendigen Bereiche. Ziel war es, die Tragstruktur zu sichern und zugleich möglichst viel der bestehenden Bausubstanz zu erhalten.
Ein eigenständiger Veranstaltungsraum entstand im Obergeschoss eines Nebengebäudes. Um einen zweigeschossigen Raum zu realisieren, wurde das Gebäude aufgestockt. Das neue Dachtragwerk aus Holz bleibt im Innenraum sichtbar und prägt dessen Charakter. Historische Stahl-Sprossenfenster sowie offen geführte technische Installationen verweisen weiterhin auf die industrielle Vergangenheit des Gebäudes.
Bautafel
Architektur: Krekeler Architekten Generalplaner GmbH
Projektbeteiligte: Krekeler Architekten (Tragwerksplanung, Bauphysik); Heimann Ingenieure (Technische Gebäudeausrüstung HLS / TGA); Gunnar Lange Landschaftsarchitekten (Freianlagen); Planungsbüro Jan Michel (Verkehrsanlagenplanung, Gleisanlagen); Büro für Brandschutz & Denkmalrecht (Brandschutzplanung); Duncan McCauley (Ausstellungsplanung, Planung und Realisierung bis zur vollständigen Museumseröffnung 2026)
Bauherr*in: Stadt Forst (Lausitz)
Standort: Sorauer Str. 37, 03149 Forst (Lausitz), Brandenburg
Zeitraum: 2018–2025
Bildrechte: Gregor Schmidt (Fotos); Krekeler (Pläne)
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