Schweizer Haus in Potsdam
Aufwendige Restaurierung mit neuem Schieferdach
Als würde man durch die Schweiz nach Italien reisen – in diesem Sinne entstanden ab 1863 die sogenannten Schweizer Häuser im Potsdamer Stadtteil Klein Glienicke. Sie befinden sich auf dem Weg von Schloss Babelsberg zum Schlossgarten Glienicke, dem „Italien an der Havel”. Mittlerweile gehören sie zum UNESCO- Weltkulturerbe. Neun Häuser wurden bis 1867 im Auftrag von Prinz Carl von Preußen für die Bediensteten des Jagdschlosses Glienicke errichtet. Entworfen hat sie der Architekt und Schinkelschüler Ferdinand von Arnim. Eines von ihnen wurde bis 2023 nach Plänen von Linie Creutzfeldt Architekten restauriert.
Dass nur vier der einst zehn Schweizer Häuser (1874 kam ein weiteres hinzu) erhalten blieben, ist dadurch begründet, dass sie zu DDR-Zeiten im Grenzgebiet lagen. Nach erfolgreichen, aber auch missglückten Fluchtversuchen wurden Häuser abgerissen, um die Grenze besser absichern zu können. Das nun restaurierte Haus steht in einer Talsenke am Bäkegraben, welcher den Griebnitzsee und die Havel verbindet.
Typische Merkmale des Schweizer Stils
Zu den charakteristischen Merkmalen des sogenannten Schweizer Stils gehören das auskragende Dach über dekorativ geschwungenen, verschnörkelten Konsolen, gedeckte Lauben und aufwendige Verzierungen der hölzernen Brüstungen. Die konstruktiven Holzelemente sind durch Schnitzereien verziert, die dekorativen Einfassungen mit der Laubsäge ausgeführt. Typisch ist auch der aus Feldsteinen gemauerte Sockel (ein Zyklopenmauerwerk) und darüber ein helles Eingangsgeschoss, von dem sich Ober- und Dachgeschoss klar absetzen.
Zur tragenden Holzkonstruktion des gemauerten, mit Verzierungen versehenen Blockhauses gehören außer dem Dach die Balkonkonstruktionen und Decken. Den Zustand des Hauses vor Beginn der Arbeiten beschreibt Architekt Magnus Creutzfeldt als „malerisch, aber mit massiven Schäden”. Das Dach war mehrlagig mit Bitumen gedeckt, Ortgang und Traufe mit Kunststoffleisten versehen. Die Fassaden zeigten Bewuchs, die Farbe blätterte ab, es gab Risse und Fehlstellen im Putz. Der Sockel war von einer Zementputzschlämme überzogen.
Bewahren und Ergänzen
Der Welterbe-Status machte die Abstimmung mit den Denkmalbehörden anspruchsvoll. Durch eine sorgfältige restauratorische Untersuchung ließ sich die mehrfach übermalte, bauzeitliche Fassadengestaltung ermitteln. Alle Sanierungsschritte folgten der Prämisse, so weit wie möglich die Originalsubstanz zu erhalten. Waren zerstörte Bauteile nicht mehr zu retten, wurden sie originalgetreu nachgebaut: Schmückende Holzelemente ebenso wie aus Putz geformte Blockhausbohlen oder Stuckdekore beispielsweise rund um die Fenster.
Hinterlüftete Dachkonstruktion und Schieferdeckung
Anstelle der bituminösen, nicht bauzeitlichen Dacheindeckung erhielt das Gebäude ein neues Schieferdach, welches das restaurierte Schweizer Haus in besonderem Maße prägt. Die Dachneigung beträgt 22°; einige Dachbalken mussten erneuert werden. Die hinterlüftete Dachkonstruktion besteht aus einer Sichtschalung aus Kiefernholz, einem naht- und perforationsgesicherten Unterdach, einer 30 x 50 mm starken Konterlattung mit Nageldichtbahn und einer weiteren Lattung (40 x 60 mm). Die Schieferplatten im Format 30 x 60 cm sind als Rechteck-Doppeldeckung mit 12 cm Höhenüberdeckung verlegt. Lediglich fünf Millimeter sind die Platten dick, im halben Verband angeordnet und mit mindestens zwei Schiefernägeln befestigt. Bereits vorhanden war die Dachgaube, die an beiden Seiten verputzt wurde.
Dachanschlüsse für schmale Ansichtskanten
Um trotz eines hinterlüfteten Dachaufbaus schmale Ansichtskanten zu erzielen, sind die Dachanschlüsse zum Teil speziell: Ein vom Ortgang eingerückter Lüfterfirst soll das ursprüngliche Erscheinungsbild von der Giebelseite wiederherstellen. Im Bereich der Dacheinschnitte läuft das Regenwasser über Ableitbleche auf das Hauptdach. Die Schieferplatten an Traufe und Ortgang sind mit möglichst großen Überständen verlegt. Dank der großen Dachüberstände ließ sich die Regenrinne dem bauzeitlichen Zustand entsprechend zurückbauen. Weit überstehende Schieferplatten überlagern heute das Abtropfblech an einer Traufbohle, darunter folgen ein Lüftungsgitter und ein weiteres Abtropfblech in Lage der Unterspannbahn. Die weitere Entwässerung erfolgt über eine Bodenrinne mit Gefälle und Einläufen in den Bäkegraben. -us
Bautafel
Architektur: Linie Creutzfeldt Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: Hirsch Rütt & Partner, Berlin (Restaurierung); HBS Bauwerk, Berlin (Fassadenarbeiten); Blank Dachdeckerei, Schwielowsee (Dacharbeiten); Zimmerei Schmiechen & Grüber, Nuthetal (Holzarbeiten); Gerüstbau Tisch, Berlin (Gerüstarbeiten); Rathscheck Schiefer, Mayen (Hersteller Schiefer InterSIN)
Bauherr: privat
Fertigstellung: 2023
Standort: Stadtteil Klein-Glienicke von Potsdam
Bildnachweis: Peter Thieme und Rathscheck Schiefer, Mayen (Fotos); Linie Creutzfeldt Architekten, Berlin (Baustellenfotos und Pläne)
Fachwissen zum Thema
Rathscheck Schiefer und Dach-Systeme, Mayen | Kontakt 02651 955 0 | www.rathscheck.de