Defensionskaserne in Erfurt

Leuchtende Treppen zwischen alten Gemäuern

Hinter den stellenweise bis zu dreieinhalb Meter dicken Festungsmauern der Defensionskaserne auf dem Erfurter Petersberg ist ein neuer Arbeitsort für Kreative und Kulturschaffende entstanden. Das ortsansässige Architekturbüro herrschmidt architekten hat im Auftrag des privaten Bauherren Frank Sonnabend den markanten Militärriegel behutsam umgebaut. Treppen und Aufzüge in leuchtenden Rot- und Orangetönen setzen kräftige Farbakzente in dem rauen Baukörper.

Hinter den drei Eingangsportalen verbergen sich die historischen Bestandsebenen.
Rote Geländer und Aufzugtüren setzen farbige Akzente.
Im Kellergeschoss sind die Decken als Gewölbe ausgebildet.

Vom Militärstandort zum Start-Up-Campus

Die zwischen 1828 und 1831 errichtete Kaserne entstand auf dem Gelände des früheren Petersklosters. Sie diente sowohl als Soldatenunterkunft als auch der Verteidigung der hiesigen Zitadelle. Der rund 167 Meter lange Bau sollte das obere Plateau vor Einblicken von Norden schützen und innerhalb der Festungsanlage eine weitere Verteidigungsstellung bilden. Im Inneren unterteilten 1,40 Meter starke Quermauern das Gebäude in einzelne Abschnitte. Ursprünglich erschlossen drei Treppenhäuser hinter den Rundbogenportalen die Geschosse.

Nach der Reichsgründung 1871 verlor das Gebäude an militärischer Bedeutung und diente vor allem als Lager und Unterkunftsgebäude. Der erste umfassende Umbau erfolgte kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als unter anderem das mit Erde bedeckte Flachdach einem opulenten Mansarddach in neobarockem Stil wich. Im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Kaserne immer wieder militärisch genutzt, bis der Petersberg schließlich 1963 in städtischen Besitz gelangte und die Defensionskaserne zu Lagerräumen umfunktioniert wurde. Erst seit der Wiedervereinigung ist das Areal wieder für die Öffentlichkeit zugänglich und wird seitdem schrittweise saniert.

Die massive auf Trennung angelegte Gebäudestruktur stellte die Architekt*innen vor eine besondere Aufgabe. Für die neue, gemischte Nutzung sollten Wege und Blickbeziehungen entstehen, ohne die denkmalgeschützte Substanz grundlegend zu verändern. In einem dafür geeigneten Gebäudebereich öffneten sie daher stellenweise die Decke zwischen Erd- und Obergeschoss. Treppen, Galerien und die entstandenen Lufträume verknüpfen nun Bereiche, die zuvor räumlich stärker voneinander getrennt waren. Ergänzende Aufzüge ermöglichen die barrierefreie Erschließung.

Ein Mix aus Alt und Neu

Die dicken Mauern, großen Raumhöhen und tief gegliederten Grundrisse prägen die Defensionskaserne weiterhin. Auch historische Oberflächen blieben erhalten. Neue Treppen, Galerien und weitere Einbauten treten als zeitgenössische Ergänzungen hinzu, statt die Spuren der früheren Nutzung zu überdecken. Besonders an den geöffneten Decken wird dieses Nebeneinander sichtbar: Die neuen Verbindungen verändern die Wege durch das Gebäude, während seine ursprüngliche Struktur erkennbar bleibt.

Auch die Arbeiten an der Gebäudehülle folgten diesem Ansatz. Die Sandsteinfassade wurde gereinigt und an Schadstellen durch Steinmetzarbeiten ergänzt; Einschussstellen und Graffiti blieben als Zeugnisse der Geschichte sichtbar. Hinzu kamen denkmalgerechte Holzfenster, während die historischen Tore aufgearbeitet wurden. So zeigt der Umbau sowohl, was von der Kaserne bewahrt wurde, als auch, welche Eingriffe ihre neue Nutzung ermöglichen.

Treppen in kräftigem Korallrot und zartem Apricot

Neue Geschossverbindungen ergänzen in der Defensionskaserne die erhaltene Erschließung. Sanierte Bestandstreppen, orangefarbene Treppen mit brüstungshohen Stahlwangen und apricotfarbene Spindeltreppen übernehmen dabei unterschiedliche räumliche Rollen. In den Eingangsbereichen bleiben die sanierten Bestandstreppen Teil der Erschließung. Ihre breiten, sichtbar gealterten Stufen heben sich von den erneuerten Oberflächen ab und machen den historischen Bestand erkennbar. Zugleich wurden hier Abschnitte der Decken geöffnet, sodass Blickbeziehungen zwischen den Geschossen entstanden. Korallrote Geländer sichern die Ränder der Deckenöffnungen; die Aufzugstüren greifen denselben Farbton auf. 

Neue, orangefarbene Treppen kommen an vier Stellen im Gebäude zum Einsatz. Ihre geraden Treppenläufe mit insgesamt 19 Auftritten führen über ein halbkreisförmig gerundetes Zwischenpodest vom Erd- ins Obergeschoss. Die Stufen sind rund 1,00 Meter breit und haben einen Auftritt von 30 Zentimetern. Brüstungshohe Stahlwangen fassen Läufe und Podest zu einem skulpturalen Körper zusammen und dienen zugleich als Absturzsicherung. Ein hölzerner Handlauf bildet ihren oberen Abschluss. Vor den hellen Wänden und den erhaltenen Oberflächen sind die Treppen klar als neue Bauteile ablesbar.

Apricotfarbene Spindeltreppen verbinden das zweite Obergeschoss mit dem Dachgeschoss. Ihre faltwerkartig ausgebildeten Stufen winden sich um eine Mittelstütze und führen durch kreisförmige Deckenöffnungen. Schlanke, dicht gesetzte Geländerstäbe bilden die Absturzsicherung, ohne den Blick auf den Treppenlauf zu verstellen. Die gefaltete Form gibt den Treppen trotz ihrer filigranen Einfassung eine plastische Wirkung; die helle Farbigkeit hebt sie von den zurückhaltend gestalteten Räumen ab.

Bautafel

Architektur: herrschmidt architekten, Erfurt
Projektbeteiligte: Stahlbau Egstedt, Christian Börner (Stahlbau); Ingenieurbüro für Baustatik, Ludger Hottenrott (Tragwerksplanung); Landschaftsarchitektin Aischa Vogel (Landschaftsarchitektur); IBS Planungsbüro für Haustechnik, Christoph Steube (TGA/Energieplanung); Carsten Eichholz – Architektur – Energieberatung (Bauphysik); FIREHEYER, Maik Heyer (Brandschutz); Wilfried Lorenz (Ausführung); LDA Licht (Lichtplanung); Konzept-Los Möbelwerkstätten (Einbauten)
Bauherr: Frank Sonnabend
Fertigstellung: 2025
Standort: Petersberg 15, 99084 Erfurt
Bildnachweis: Steven Neukirch (Innenaufnahmen); Susann Nürnberger (Außen- und Vorher-nachher-Aufnahmen)

BauNetz Architekt*innen

Fachwissen zum Thema

Podeste dienen als Ruhe-, Ausweich- und Sicherheitsebenen zwischen den Treppenläufen und am An- und Austritt, hier eine zweläufige, gerade Treppe mit drei Zwischenpodesten im Firmengebäude DSV in Krefeld.

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Treppenelemente

Podest

Spektakulär an einer Stange schwebend: Das ist die Spindeltreppe im Axel-Springerhaus, die eine Abkürzung zwischen den Geschossen und ein bisschen Sky-Walk-Gefühl bietet.

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Treppenformen

Spindeltreppen

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