Mehrfamilienhaus Miller Apartment in Maastricht

Expressionistisches Sichtmauerwerk und Farbenmut im Inneren

Der Backsteinexpressionismus scheint in den Niederlanden – glücklicherweise – nie so ganz aus der Mode zu kommen. Eines der jüngeren Beispiele für ein solches Bauwerk ist das Miller Apartment im Maastrichter Stadtteil Wyckerpoort aus der Feder des Büros Martens Willems & Humblé Architecten.

Schmale gemauerte Lisenen brechen die homogene Ziegelhülle in den beiden obersten Geschossen auf und verleihen dem Baukörper Struktur und plastische Tiefe. Das turmartige Bauteil beherbergt das Treppenhaus.
Das Mauerwerk wurde aus rotbraunen, strangepressten Klinkern (Normalformat) im Wilden Verband erstellt und gleichfarbig verfugt. Für die Lisenen wurden übereinanderliegende Binder um eine halbe Steinlänge vorgezogen.
Hinter den großen Fensteröffnungen der langen, zum Ring gelegenen Nordfassade befinden sich nicht etwa die Wohnzimmer, sondern die Hausflure.

Eingekeilt zwischen Bahngleisen, Industriegebiet und der Autobahn A2 galt Wyckerpoort trotz seiner zentrumsnahen Lage lange Zeit als wenig attraktiv. Um das Viertel aufzuwerten, die Lebensqualität zu verbessern und die getrennten Stadtteile wieder miteinander zu verbinden, beschloss die Stadtverwaltung die Autobahn in einen unterirdischen Tunnel zu verlegen. Seit 2016 führt sie nun durch den sogenannten Koning-Willem Alexander-Tunnel. Darüber, entlang des einstigen Straßenverlaufes, wurde eine 2,3 Kilometer lange begrünte Promenade für Fußgänger und Radfahrer angelegt: De Groene Loper – der grüne Teppich. Im Rahmen dieses Stadtentwicklungsprojektes entstanden auch zahlreiche Neubauten; darunter das Miller Apartment.

Vielschichtiges Wohnensemble

Der Name ist etwas irreführend, denn es handelt sich streng genommen um ein Ensemble unterschiedlicher Bauten: je einer zweigeschossigen Reihe von Doppelhäusern an der Kolonel Millerstraat im Osten und der Genreraal Eisenhowerstraat im Westen sowie einem fünfgeschossigen Riegel mit 38 Wohneinheiten, der das einstige Arbeiterviertel nach Norden in Richtung Maastricht-Ring abschließt. Den Maßstabsprung begründen die Architekt*innen damit, dass der große Baukörper das Viertel vor dem Lärm der Ringstraße und der Tunnelöffnung schütze.

Lärm draußen, Ruhe drinnen

Da fragt man sich natürlich unwillkürlich, was denn mit den Bewohner*innen des Hauses sei. Doch auch diese sind durch die kluge innere Organisation des Gebäudes vom direkten Straßenlärm abgeschirmt: Hinter den großen Fensteröffnungen der langen, zum Ring gelegenen Nordfassade befinden sich nicht etwa die Wohnzimmer, sondern die Hausflure, die die Architekt*innen Wohnstraßen nennen. Diese sind mit kleinen Bänken neben den Wohnungstüren als kommunikative Orte gestaltet. Damit die Wohnungen nicht nur von einer Seite Tageslicht erhalten, haben die Wohnungstüren Fenster. Und selbst die offenen Wohnküchen besitzen große Fenster, die sie visuell mit den Wohnstraßen verbinden. Jeder Einheit verfügt außerdem über einen kleinen Südbalkon.

Riegel mit Rundung

Schwung erhält der Baukörper durch einen runden, turmähnlichen Abschluss an der Nordostecke. Dort liegt das Haupttreppenhaus. Von dieser Seite zeigt sich auch, dass der Riegel einen Höhenversatz hat und die Dachfläche leicht abgeschrägt ist. 

Plastisch gestaltetes Sichtmauerwerk

In der Gestaltung des markanten, dunklen Sichtmauerwerks wird die Liebe der Architekt*innen zum Detail deutlich: Schmale gemauerte Lisenen brechen die homogene Ziegelhülle in den beiden obersten Geschossen auf und verleihen dem Baukörper Struktur und plastische Tiefe. Am abgetreppten Teil der Stirnseite sind die Lisenen sogar über die gesamte Höhe ausgebildet. Die aufwendig gestalteten Bereiche sind zudem oben und unten durch eine Grenadierschicht aus glänzend rot glasierten Steinen gefasst, die wie Fliesen anmuten und die Gestaltung durch ihre andersartige Oberfläche um eine haptische Komponente erweitern. Das Rot der Glasur findet sich auch in den Fensterrahmen, Türen und Balkongeländern wieder.

Das Mauerwerk wurde aus rotbraunen, stranggepressten Klinkern (Normalformat) im Wilden Verband erstellt und gleichfarbig verfugt, wodurch die Fläche trotz der changierenden, rauen Oberfläche der Steine sehr homogen wirkt. Für die Lisenen wurden übereinanderliegende Binder um eine halbe Steinlänge vorgezogen. 

Farbe und Ausführung des Mauerwerks erinnern nicht zufällig an den Backsteinexpressionismus der 1920er-Jahre: Als Vorbilder nennen die Architekt*innen mehrere Beispiele der Amsterdamse School.

Fugen verändern alles

Spannend ist auch der Kontrast zu den Reihenhäusern, deren Verblendmauerwerk mit den gleichen Klinkern erstellt wurde – allerdings weiß verfugt. Dadurch entsteht vor allem aus der Ferne eine völlig andere Farbwirkung der Fassaden. Dies machte man sich auch zunutze, um den Bereich rund um die Haustür des Apartmentgebäudes farblich abzusetzen: Hier wechselt der Mauerwerksverband zu einem Stapelverband und wurde ebenfalls weiß, statt braun verfugt.

Die Außenwände sind zweischalig und setzen sich aus einer mineralischen Kerndämmung und einer tragenden Struktur aus Beton zusammen.

Innenräume voller Farbkontraste und raffinierter Details

Im Inneren setzt sich die Detailverliebtheit der Planer*innen fort: Das eigens angefertigte rote Treppengeländer aus Stahl (das Rot, dem wir schon draußen begegnet sind) folgt in seiner Linienführung exakt dem Unterzug der Betontreppe mit ihren verspielt geschwungenen Setzstufen. Zu dem Rot gesellen sich apricotfarbene Wandflächen, die in den Wohnstraßen durch Mint- und Smaragdgrün abgelöst werden. Die kleinen Sitzbänke jeder Wohneinheit sind in fest verbaute abschließbare Garderobenschränke integriert – Details, die den Alltag erleichtern. Schön, wenn es das häufiger gäbe. -sas

Bautafel

Architektur: Martens Willems & Humblé Architecten, Maastricht
Projektteam: Maikel Willems, Rik Martens
Projektbeteiligte: Laudy Bouw (Bauunternehmer)
Bauherr*in: Laudy Bouwontwikkeling / Ballast Nedam Development
Standort: Kolonel Millerstraat, 6224 XP Maastricht, Niederlande
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Arjen Schmitz

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