Geschosswohnungsbau Valckensteyn in Rotterdam

Holzhochhaus auf dem Fundament eines Vorgängers

Das zwölfgeschossige Wohngebäude Valckensteyn ist das erste Bauwerk in Massivholzbauweise in Rotterdam, das vollständig dem geförderten, bezahlbaren Mietsegment vorbehalten ist. Mit einer Höhe von 40 Metern setzt der Entwurf von Powerhouse Company in dem von Nachkriegsbauten geprägten Stadtteil Pendrecht ein starkes Zeichen für kreislauffähige und soziale Architektur im urbanen Raum.

Während der Sockel mit historisierendem Travertin verkleidet ist, schützen in den Obergeschossen demontierbare Faserzementplatten in Anthrazit- und Brauntönen das Holz vor der Witterung.
Laubengänge dienen der Erschließung der Wohnungen.
Die zweiflügelige Konzeption ist angelehnt an den Vorgängerbau.

Architektur und städtebaulicher Kontext

Der Stadtteil Pendrecht im Süden Rotterdams hat eine bedeutende architektonische und soziale Vorgeschichte. Er entstand im Zuge des Rotterdamer Wiederaufbaus nach Entwürfen der Architektin und Stadtplanerin Lotte Stam-Beese. Ihr urbanes Konzept basierte auf einer offenen Anordnung von Hoch- und Flachbauten um gemeinschaftliche, großzügige Grünräume – eine Struktur, die das Viertel bis heute prägt. 

Auf dem Grundstück stand ursprünglich das 1971 fertiggestellte „Valckensteyn“-Wohnhochhaus des Architekten J. Kranendonk. Es hatte zwei gestaffelte Flügel mit zehn und vierzehn Geschossen und diente zur Bekämpfung der akuten Wohnungsnot. Nach dem Abriss im Jahr 2012 blieben lediglich die Fundamente zurück. Der Neubau von Powerhouse Company knüpft an diese Historie an: Er greift die charakteristische, gestaffelte Silhouette des Vorgängers auf und nutzt die alten Betonfundamente. Dies war aufgrund des geringen Eigengewichtes der Massivholzkonstruktion möglich. So ließen sich erhebliche CO₂-Emissionen einsparen und auf Material- und Erdaushubarbeiten für eine Neugründung konnte verzichtet werden. Mit 82 bezahlbaren Wohnungen für mittlere Einkommen führt das Projekt den sozialen Auftrag der Nachkriegsmoderne fort, übersetzt ihn jedoch in die Anforderungen des ökologischen Bauens der Gegenwart.

Materialität, Vorfertigung und Freiraum

Bis auf das Erdgeschoss und den zentralen Aufzugs- und Treppenhauskern besteht die gesamte Tragstruktur aus Massivholz. Insgesamt wurden rund 1.500 Kubikmeter Brettsperrholz (CLT) und 250 Kubikmeter Brettschichtholz verbaut. Die Konstruktion basiert auf einem rigiden 7,20-Meter-Raster, das exakt auf die Wohnungsgrundrisse abgestimmt ist. Die Standardisierung minimierte den Materialverschnitt und erlaubte einen extrem effizienten Bauablauf mit hohem Vorfertigungsgrad.

An der Fassade bleibt die Konstruktion geschützt: Während der Sockel mit historisierendem Travertin bekleidet ist, schützen in den Obergeschossen demontierbare Faserzementplatten in Anthrazit- und Brauntönen das Holz vor der Witterung. Die Platten lassen sich im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu Wartungszwecken einzeln austauschen, ohne das dahinterliegende Tragwerk zu beschädigen. An den Westbalkonen – konzipiert als knapp zwei Meter tiefe „Freiluftzimmer“ – und an den östlichen Laubengängen bleibt das Massivholz in Form von sichtbaren CLT-Unterseiten und Leimbinder-Stützen erlebbar. Das Gebäude ist Teil einer parkartigen Gartenanlage, in der Versickerungsflächen und integrierte Nistkästen gezielt die urbane Biodiversität fördern.

Brandschutzaspekte

Massivholzbauten dieser Größenordnung erfordern eine präzise Abstimmung zwischen Architektur, Tragwerksplanung und Brandschutz; die Ausarbeitung des Brandschutzkonzeptes erfolgte in enger Abstimmung mit den Behörden. 

Rechtlicher Rahmen des Brandschutzes in den Niederlanden

In den Niederlanden ist das Bauordnungsrecht zentralisiert geregelt. Zum 1. Januar 2024 trat das neue „Besluit bouwwerken leefomgeving“ (Bbl) in Kraft, welches das langjährige „Bouwbesluit 2012“ ablöste. Das Bbl definiert leistungsorientierte Schutzziele unter anderem für die Tragfähigkeit im Brandfall, für Brand- und Rauchabschnitte und für die Fluchtwege. Es lässt Planern über sogenannte gleichwertige Lösungen jedoch einen gestalterischen Spielraum für innovative Bauweisen wie den mehrgeschossigen Holzbau. 

Ein wesentliches Merkmal des niederländischen Rechts ist zudem eine strikte, gesetzlich verankerte Sorgfaltspflicht für Gebäudeeigentümer. Diese besagt, dass brandschutztechnische Einrichtungen und Bauteilqualitäten nicht nur am Tag der Bauabnahme, sondern über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes hinweg voll funktionsfähig bleiben müssen. Der Brandschutz wird im Bbl primär über europäische Normen wie die DIN EN 13501: Klassifizierung von Bauprodukten und Bauarten zu ihrem Brandverhalten – Teil 1: Klassifizierung mit den Ergebnissen aus den Prüfungen zum Brandverhalten von Bauprodukten bzw. die REI-Kriterien und spezifische niederländische Richtlinien wie die NEN 6075 für die Rauchdurchlässigkeit gesteuert.

Tragfähigkeit im Brandfall (REI 120)

Aufgrund der Einstufung als Hochhaus mit zwölf Geschossen und rund 40 Metern Gesamthöhe lag die statische Anforderung an den Feuerwiderstand der raumbildenden und tragenden Bauteile bei REI 120 – also eine zweistündige Widerstandsdauer bezüglich Tragfähigkeit, Raumabschluss und Wärmedämmung. Um eine sichere Evakuierung und einen stabilen Brandabschnitt zu gewährleisten, sind sowohl das Erdgeschoss als auch der zentrale Erschließungskern mit Treppenraum und Aufzugsschacht massiv in Beton ausgeführt. Die ungeschützten Brettsperrholz-Elemente verfügen über ein nachgewiesenes Brandverhalten von REI 90. Die Erhöhung auf das geforderte Schutzziel von 120 Minuten gelang durch eine Brandschutzbekleidung aus hochfeuerfesten Gipsfaserplatten.

Bei der Brandschutzbeurteilung wurde ein additives Verfahren ausgeschlossen, sodass die Bemessung stattdessen die zeitliche Verzögerung der Hitzeeinwirkung durch die Gipsbeplankung einkalkuliert. Erst nach deren partiellem Versagen wird das berechenbare, schützende Verkohlungsverhalten des massiven Holzes von etwa 0,65 Millimetern pro Minute zur rechnerischen Abdeckung der restlichen Feuerwiderstandszeit herangezogen.

Vorfertigung und Detailpunkte

Ein kritischer Fokus des Brandschutzkonzepts lag auf den Fugen und Durchdringungen: insgesamt wurden 61 Wohnungstrennwände als hochgradig vorgefertigte Elemente angeliefert. Diese kamen bereits ab Werk inklusive Dämmung, Gipsfaserbekleidung, Elektroinstallationen und integrierten Brandschutzschaltern beziehungsweise Brandschutzdosen direkt auf die Baustelle. Da der Feuerwiderstand immer für das Gesamtsystem gilt, wurden sämtliche Stoßfugen, Leitungsdurchführungen und die Übergänge zwischen den Holz- und Betonbauteilen mit zertifizierten Brandschottungen und im Brandfall quellfähigen Materialien ausgeführt. Dies verhindert im Schadensfall effektiv den vertikalen und horizontalen Rauch- und Brandübertrag in benachbarte Nutzungseinheiten.

Fassadenkonstruktion und Brandüberschlag

Elementarer Bestandteil des Sicherheitskonzepts bei einem 40 Meter hohen Massivholzbau ist der Schutz vor einem vertikalen Brandüberschlag über die Außenhülle. Um zu verhindern, dass Flammen, die im Ernstfall aus den Fenstern einer Nutzungseinheit schlagen, ungehindert auf die darüberliegenden Geschosse übergreifen können, wurde die hinterlüftete Fassade konstruktiv streng unterteilt. Die demontierbaren Faserzementplatten leisten dazu einen entscheidenden Beitrag, da dieses Bekleidungsmaterial als nichtbrennbar klassifiziert ist und der Außenhaut eine hohe thermische Widerstandskraft verleiht. 

Da hinterlüftete Außenwandbekleidungen durch den sogenannten Kamineffekt in den Hohlräumen eine schnelle Ausbreitung von Feuer und Rauch begünstigen können, wurden in regelmäßigen Abständen horizontale Brandsperren und Brandriegel aus Stahlblech oder mineralischen Dämmstoffen mit einem Schmelzpunkt von über 1.000 Grad Celsius integriert. Diese Barrieren begrenzen den vertikalen Luftstrom im Brandfall und unterbrechen die Flammenweiterleitung innerhalb der Fassadenkonstruktion.

Ergänzend dazu wirken die tiefen, horizontal auskragenden Westbalkone konstruktiv als bauliche Schürzen. Durch ihre weite Ausladung lenken sie die thermische Strömung sowie die Flammen im Schadensfall effektiv vom Gebäude weg nach außen ab – und verlängern den geometrischen Weg, den ein Brand nehmen müsste, um die Fensterfront des nächsten Obergeschosses zu erreichen.

Fluchtwege und Abschottung

Die Erschließung der Wohnungen erfolgt im Sinne des traditionellen niederländischen Wohnungsbaus über offene Laubengänge. Einer der Vorteile ist, dass im Brandfall Rauchgase aus einer Wohnung direkt ins Freie abziehen und die Fluchtwege weitgehend raucharm bleiben. Ein zweiter, unabhängiger Rettungsweg wird über die großzügigen Westbalkone im Zusammenspiel mit einer anleiterbaren Rettungszone im Außenbereich – beziehungsweise über den zentralen, rauchfrei gehaltenen Sicherheitstreppenraum – für alle Bewohner lückenlos gewährleistet.

Bautafel

Architektur: Powerhouse Company, Rotterdam
Projektbeteiligte: LAP Landscape & Urban Design, Rotterdam (Landschaftsarchitektur); Pieters Bouwtechniek, Rotterdam (Tragwerksplanung); Linkwood, Rotterdam (Holzbau-Beratung); Nieman Raadgevende Ingenieurs, Utrecht (Brandschutz); Buro Bouwfysica, Capelle aan den IJssel (Bauphysik) 
Bauherr/in: Wohnungsbaugesellschaft Woonstad Rotterdam, Rotterdam
Standort: Pendrecht, 3085 Rotterdam
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Sebastian van Damme, Rotterdam; Koen Meershoek, Den Haag; Powerhouse Company, Rotterdam

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