Wohngebäude Bremer Punkt

Serieller Holzbau zur Nachverdichtung

Ein durchgrünter, standardisierter Wohnungsbau mit viel Licht, Luft und erschwinglichen Mieten war ein Ideal der 1950er- und 60er-Jahre. So entstanden zahlreiche Zeilen- und Punktbauten auf der grünen Wiese, oftmals am Stadtrand. Heute bieten die meist großzügig angelegten Wohnsiedlungen ideale Bedingungen für eine Nachverdichtung – vor allem in Großstädten, wo der Bedarf an Wohnraum besonders hoch ist. Eine flexible Möglichkeit der Nachverdichtung entwickelte das Berliner Büro LIN Architekten Urbanisten für die Bremer Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA. Das Ergebnis ist der sogenannte Bremer Punkt, ein Solitär mit 14 x 14 Meter Grundfläche, der als serieller Holzbau bis zu elf Wohnungen auf vier Geschossen beherbergen kann. Er eignet sich optimal für städtebauliche Nischen, ist flächenschonend und variabel hinsichtlich Wohnungsangebot und Erschließung.

Die potenzielle innere Vielfalt dieses zeitgenössischen Stadtbausteins lässt sich an den frei angeordneten quadratischen Öffnungen erahnen
In den farbig gestalteten Loggien ist auch die Holzbauweise erkennbar
Die Erschließung aus Stahlbeton mit Laubengängen

Nachdem im Februar 2017 die ersten drei Punkthäuser in der Bremer Gartenstadt Süd fertig gestellt waren, konnten die im Zuge der Realisierung gewonnenen Erkenntnisse in die Weiterentwicklung künftiger Bauten einfließen. Zwei der Prototypen beinhalten kommunal geförderte Zwei- und Dreizimmerwohnungen mit 44 bzw. 58 Quadratmetern Wohnfläche. Sie sind barrierefrei konzipiert und stehen in erster Linie Anwohnern der umliegenden Zeilen- und Reihenhäuser als altersbedingtes Ausweichquartier zur Verfügung. Mit der Holzbauweise ist für ein angenehmes Raumklima gesorgt, die Fassadenöffnungen sind ebenso wie die privaten Außenflächen großzügig, die Wohnungen richten sich nach Süden und Westen. Neue Impulse in der Siedlung setzen die Nutzer des dritten Bremer Punktes, der ein gemeinschaftliches Wohnprojekt mit einer inklusiven Wohngruppe beherbergt.

Nach dem Vorbild der ersten drei Gebäude entstehen weitere Häuser in den Bremer Ortsteilen Neustadt, Kattenturm und Schwachhausen. Für nachfolgende Bauten wurde die Variabilität der Grundrisse ebenso wie der Anteil der Wohnfläche insgesamt erhöht. Möglich ist die Konzeption mit vier bis elf Wohnungen – vom Einzimmerapartment mit 30 Quadratmetern bis zur 138 Quadratmeter großen Sechszimmerwohnung. Die Wohnungstypen lassen sich in mehr als 60 Geschossvarianten kombinieren, die nahezu beliebig vierfach stapelbar sind (Abb. 25-29). Sie werden unterschiedlichen Nutzergruppen gerecht und sind durchgängig barrierefrei; zwei der Wohnungstypen sind rollstuhlgerecht konzipiert. Außerdem gibt es die Option, ein Punkthaus durch brückenartige Verbindungen mit dem Bestand zu verknüpfen, um diesem gleichfalls einen barrierefreien Zugang zu verschaffen. Von insgesamt 22 Wohnungstypen erfüllen 19 die Anforderungen des Bremer Wohnraumförderungsprogramms.

Durch minimierte Verkehrsflächen und die Überlagerung von Funktionen wie beispielsweise Wohnen, Essen und Kochen gelingt eine effiziente Flächenausnutzung, die bezahlbare Mieten gewährleistet. Die Qualität leidet darunter aber nicht. Raumhohe Verglasungen zu den Loggien beispielsweise sorgen für komfortable helle Räume, große Schiebetüren zwischen den Wohnräumen vermitteln Weitläufigkeit und erlauben verschiedene Nutzungsmöglichkeiten. Der Laubengang ist Begegnungszone und Übergang zwischen innen und außen. Die potenzielle Vielfalt des zeitgenössischen Stadtbausteins lässt sich an frei angeordneten quadratischen Öffnungen erahnen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist anstelle einer verputzten Außenhaut auch eine Fassade aus Holz realisierbar. Gemäß dem Prinzip „Serie in Vielfalt“ können farbige Akzente gesetzt und verschiedene Brüstungsmaterialien eingesetzt werden.

Nachhaltig Bauen
Der Gebäudetypus erfüllt verschiedene Kriterien der Nachhaltigkeit. Die serielle Konzeption eines kompakten Wohnhauses mit verschiedenen Grundrisstypen für unterschiedliche Bedürfnisse ist ein kosten- und energiesparender sowie langlebiger Planungsansatz. Der Systembau aus Holz mit überwiegend vorgefertigten Bauteilen ist energetisch günstig und ressourcenschonend. Einrichtung und Dauer der Baustelle sind minimiert, ebenso wie die (Lärm-) Belastung des Wohnumfelds.

Die tragenden Außenwandelemente sind in Holzrahmenbauweise gefertigt. Zwischen den Holzbalken sorgt ein komprimierter, nichtbrennbarer Dämmfilz aus Steinwolle für wirksamen Wärme- und Schallschutz. Die Deckenelemente können in Stahlbeton oder als Holz-Beton-Verbundsystem ausgeführt werden. Die Erschließung aus Stahlbeton dient der Aussteifung und bildet den ersten Rettungsweg – sie befindet sich im Gebäudekern oder ist als Laubengang an einer Außenseite angeordnet.

Das Gebäude hat ein günstiges A/V-Verhältnis mit einer durchgängig hochwertig gedämmten Gebäudehülle, die nahezu dem Passivhausstandard entspricht. Damit ist der Energiebedarf gering. Zur (fast vollständigen) Abdeckung des Strom- und Wärmebedarfs dienen eine hauseigene Photovoltaikanlage sowie eine Luft-Wasserwärmepumpe mit Pufferspeicher. Für die Lüftung sorgt eine zentrale Abluftanlage auf dem Dach, in den Falzen der Fenster sind Nachströmöffnungen. Die Brauchwassererwärmung erfolgt über elektronische Durchlauferhitzer in den jeweiligen Wohneinheiten. Für Behaglichkeit in den Wohnungen sorgen Fußbodenheizungen, deren niedrige Vorlauftemperaturen den Energieverbrauch gering halten. Das Wohngebäude Bremer Punkt erfüllt den Standard KfW Effizienzhaus 55.

Bautafel

Architekten: LIN Architekten Urbanisten, Berlin
Projektbeteiligte: Architektin Corinna Bühring/GEWOBA (Projektleitung); Kahrs Architekten, Bremen (Ausführungsplanung); Pirmin Jung Ingenieure für Holzbau, Sinzig (Statik, Schallschutz); Kahrs Architekten, EKM Partner, Bremen (Technische Gebäudeausrüstung, Schallschutz); Dehne, Kruse Brandschutzingenieure, Gifhorn (Brandschutz); Hersteller: Egger, St. Johann (Holzbauteile); Rockwool, Gladbeck (Steinwolledämmung Außenwand); Bauder, Stuttgart (Dachdämmung)
Bauherr: GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen, Bremen
Fertigstellung: 2016/17
Standort:
Friedrich-Wagenfeld-Straße, Gartenstadt Süd, Bremen u.a.
Bildnachweis: Nikolai Wolff & Kay Michalak, Fotoetage, Bremen; LIN Architekten Urbanisten, Berlin; Pirmin Jung Ingenieure für Holzbau, Sinzig

Baunetz Architekten

Fachwissen zum Thema

Das Hochhaus Bolueta im spanischen Bilbao entspricht dem Passivhaus-Standard.

Das Hochhaus Bolueta im spanischen Bilbao entspricht dem Passivhaus-Standard.

Einführung

Energieverbrauch und Baustandards

Je größer die Kantenlänge eines Würfels, umso kleiner sein A/V-Verhältnis

Je größer die Kantenlänge eines Würfels, umso kleiner sein A/V-Verhältnis

Planungsgrundlagen

Gebäudeform

Fachwerkbau aus Holz und Ziegelausfachung n Norddeutschland (um 1800)

Fachwerkbau aus Holz und Ziegelausfachung n Norddeutschland (um 1800)

Baustoffe/​-teile

Holz

Durch innerstädtische Verdichtung und Aufstockung werden vorhandene Strukturen genutzt und Freiflächen geschont (Abb.: Paragon-Apartments in Berlin-Prenzlauer Berg)

Durch innerstädtische Verdichtung und Aufstockung werden vorhandene Strukturen genutzt und Freiflächen geschont (Abb.: Paragon-Apartments in Berlin-Prenzlauer Berg)

Einführung

Nachhaltigkeit im Gebäudebestand

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Holz sponsored by:
SenerTec - Kraft-Wärme-Energiesysteme GmbH, Schweinfurt
www.senertec.de