Wasserturm des Bahnbetriebswerks Berlin-Schöneweide

Kegeldach mit Altdeutscher Schieferdeckung

Wer im Südosten von Berlin an der S-Bahn-Station Johannistal aussteigt, sieht ein im Wandel befindliches Gebiet mit industriellen Brachflächen, gewerblichen Neubauten und weiten Grünanlagen. Der südlich gelegene Landschaftspark Johannistal/Adlershof verknüpft das überwiegend nach der Jahrtausendwende entstandene Adlershof als Quartier für Wissenschaft, Forschung und Industrie mit alten und neuen Wohngebieten. Unweit der S-Bahn-Station bildet der Wasserturm des Bahnbetriebswerks Berlin-Schöneweide eine Landmarke. Als Teil einer größeren Bahnhofsanlage wurde er um 1904 errichtet. Das rund 28 Meter hohe Bauwerk mit kegelförmigem Dach und einer Laterne (oder Dachreiter) als Turmspitze ist auch dank der neuen Schiefereindeckung ein Blickfang. Die Sanierung erfolgte bis 2024 durch die Berliner Richter + Wittenbecher Architekten.

Der Wasserturm im August 2017 vor der Sanierung
Historisches Foto des Wasserturms (erschienen 1905) mit Bildunterschrift: Wasserstation auf Verschiebebahnhof Niederschöneweide
Während der Bauarbeiten: Sanierung Dachtragwerk im August 2020

Bahnbetriebswerk damals und heute

Sinn und Zweck des im frühen 20. Jahrhundert entwickelten Bahnbetriebswerks im Bezirk Treptow-Köpenick waren die Reparatur und der Unterhalt von Lokomotiven. In dem historischen Lokschuppen nordwestlich des Wasserturms befanden sich 1982 noch 60 Dampflokomotiven. Bis heute ist der halbkreisförmige Bau als Werkstatt der Eisenbahn in Betrieb; zugleich ist er Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Die gesamte Anlage ist mittlerweile Teil eines festgesetzten Bebauungsplanes. Eigentümer und Betreiber ist der gemeinnützige Verein Dampflokfreunde Berlin. Er hat den Erhalt des Bahnbetriebswerks als Standort für Eisenbahngeschichte, städtebaulicher Akzent, Treffpunkt und technisches Denkmal zum Ziel. Dank Fördergeldern des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, des Landes Berlin, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Vereins selbst waren ab 2019 die Bestandserfassung und anschließende Sanierung aller Fassaden und Dächer des Wasserturms möglich.


Zustand vor der Sanierung

Der rötlich-braune Mauerwerksschaft mit schmalen, einfach verglasten Fenstern war in seinem Ursprungszustand erhalten. Die Fassade um den Wasserbehälter und die Dachbekleidungen waren nach mehrfachen Instandsetzungen verändert und teils stark geschädigt. Ein Anbau am Fuße des Turmes in Form eines Kreissegments umfasst drei gleich große Räume. Das deutlich höhere, daran anschließende Treppenhaus erschließt zwei Ebenen innerhalb des Wasserturmes. Dessen weitere vertikale Erschließung befindet sich im Turm selbst. Alle Dächer waren mit Bitumenschindeln gedeckt; bauzeitlich zu erwarten war jedoch eine Deckung aus Schiefer. Die Restauratoren begaben sich auf Spurensuche und fanden Überreste der ursprünglichen Schieferdeckung in verdeckten Winkeln und einer Schürfe am Turmfuß.


Historisches Tragwerk und Altdeutsche Schieferdeckung

Die bestehende hölzerne Tragkonstruktion der drei Dächer – oberhalb des Wasserbehälters, des Treppenturms und des Anbaus – wurde nur ergänzt und blieb erhalten. Vollständig erneuert wurden die Schalungen, Dachdeckungen, Entwässerungen und der Blitzschutz. Die Schiefer auf den überwiegend kegelförmigen Dächern sind als Altdeutsche Deckung ausgeführt. Die Deckweise erfordert eine Mindestdachneigung von 25°. Darunter liegt nur die Dachneigung des Anbaus mit 18°, sodass hier ein Unterdach erforderlich war. Im Übrigen variieren die Dachneigungen zwischen 36° und 69°. Die Sparren des Kegeldaches sind radial angeordnet. Darüber folgen eine 24 mm starke Holzschalung und eine besandete Bitumenbahn als Vordeckung. Entsprechend den Dachgeometrien wurden Platten zwischen 61/41 bis 25/25 cm verbaut. Die Schiefer stammen aus Spanien, aus der galizischen Grube Valdeorras.

Der Wasserturm Schöneweide erhielt eine Auszeichnung beim Denkmalpreis Berlin 2024. -us

Bautafel

Sanierung (2024): richter+wittenbecher.architekten, Berlin (Ausführungsplanung); Planung (1903): Biedermann, Königliche Eisenbahndirektion Berlin
Projektbeteiligte Sanierung: Ch.Bode, Berlin (Restauratorische Bestandserfassung); BeSoTech, Schöneiche (Zimmermanns- und Dachdeckerarbeiten); Gerüstbau Tisch, Berlin (Gerüstbauerhandwerk); DIM Industrieservice Nord, Wildau (Metallbauerhandwerk); Fensterhandwerkstatt Tischlerei Näther, Berlin (Tischlerhandwerk); Rathscheck Schiefer und Dach-Systeme, Mayen (Schiefer Monumentum)
Bauherr: Dampflokfreunde Berlin
Standort: Wagner-Régeny-Allee 9, 12487 Berlin
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: richter+wittenbecher.architekten, Berlin

Fachwissen zum Thema

Rathscheck Schiefer, Mayen

Das Dominikanerkloster Paradies in Soest stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist heute ein medizinisches Zentrum

Deckungsarten

Altdeutsche Schieferdeckung

Umbau und Erweiterung eines landwirtschaftlichen Gebäudes im belgischen Amel mit Schiefer in Rechteck-Doppeldeckung

Umbau und Erweiterung eines landwirtschaftlichen Gebäudes im belgischen Amel mit Schiefer in Rechteck-Doppeldeckung

Konstruktion

Dachkonstruktionen

Dachkonstruktion mit Vollschalung bei einem Bürohaus in Köln

Dachkonstruktion mit Vollschalung bei einem Bürohaus in Köln

Konstruktion

Deckunterlage

Regeldachneigung der Deckungsarten

Konstruktion

Regeldachneigung der Deckungsarten

Bauwerke zum Thema

Bahnhof Neuenmarkt: Empfangsgebäude

Bahnhof Neuenmarkt: Empfangsgebäude

Sonderbauten

Deutsches Dampflokomotivmuseum – Revitalisierung des Bahnhofs Neuenmarkt

Coal Drops Yard lautet der Name des Einkaufszentrums, das 2018 in den historischen Lagerhallen an der King's Cross Station in London eröffnet wurde.

Coal Drops Yard lautet der Name des Einkaufszentrums, das 2018 in den historischen Lagerhallen an der King's Cross Station in London eröffnet wurde.

Sonderbauten

Einkaufszentrum Coal Drops Yard in London

Außenansicht: deutlich erkennbar sind die neuen Fensteröffnungen

Außenansicht: deutlich erkennbar sind die neuen Fensteröffnungen

Hotel/​Gastronomie

Hotel im Wasserturm in Hamburg

Vom Architekturbüro AAg Loebner Schäfer Weber behutsam saniert und umgebaut ist aus dem Tankturm unweit des Heidelberger Bahnhof in ein Zentrum für Kulturschaffende geworden.

Vom Architekturbüro AAg Loebner Schäfer Weber behutsam saniert und umgebaut ist aus dem Tankturm unweit des Heidelberger Bahnhof in ein Zentrum für Kulturschaffende geworden.

Kultur

Tankturm in Heidelberg

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Schiefer sponsored by:
Rathscheck Schiefer und Dach-Systeme, Mayen | Kontakt 02651 955 0 | www.rathscheck.de