Umbau der Zentrale Pratteln bei Basel
Re-Use-Fassade mit gedrehten Profilblechen und wiederverwendeten Fensterrahmen
Pratteln – der Ortsname klingt nicht nur nach Rütteln und Rattern, die Kleinstadt südöstlich von Basel ist tatsächlich von Industrie und Gewerbe geprägt. Direkt nördlich des Bahnhofs wurde nun die Zentrale Pratteln – eine frühere Coop-Verteilzentrale – nach Plänen von Stereo Architektur umgebaut. Wo einst Warenströme zwischen Schiene und Straße bewegt wurden, entsteht mit sechs gemeinnützigen Bauträgerinnen ein durchmischtes Quartier mit Kultur, Gastronomie und Gewerbe sowie rund 470 Wohnungen. Der Bezug ist für Ende 2026 geplant.
Entgegen anderer Gebäude auf dem Areal blieb der rund 150 Meter lange, parallel zu den Gleisen stehende Gewerberiegel als Zeitzeuge und prägende südseitige Raumkante erhalten. Äußerlich scheinbar zweigeteilt, handelt es sich tatsächlich um ein über vier Phasen gewachsenes Konglomerat mit unterschiedlichen Tragsystemen. Der westseitige, insgesamt achtgeschossige Kopfbau wurde 1907 als Lagerhaus des COOP-Vorgängers VSK fertiggestellt. Mit seinem drei Geschosse hohen Mansardwalmdach, Quaderlisenen und Eckrustizierungen ist er eine imposante Erscheinung. Das Tragwerk weist längsseitig acht Stützenachsen auf. Zentral an der Nordfassade ist das Haupttreppenhaus angeordnet, ein weiteres befindet sich an der Westfassade.
Ab den 1950er-Jahren folgten östlich drei viergeschossige Erweiterungen von insgesamt 100 Metern Länge. Der erste Anbau verfügt über ein Skeletttragwerk mit Stahlstützen, der zweite mit simplen Betonstützen und der dritte mit pilzförmigen Betonstützen. Zwischen den Abschnitten befinden sich durchgesteckte Treppenhäuser – erkennbar an den Aufzugsüberfahrten, die aus dem flachgeneigten Satteldach ragen. Hinzu kommen jeweils zwei bis drei Untergeschosse.
Learning from Zwischennutzung
Nach dem Auszug der Coop 2017 wurde der Gewerberiegel über fünf Jahre hinweg zwischengenutzt. Die dabei gemachten Erfahrungen flossen in den Planungsprozess ein. Die Gewona Nord-West Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten, die das Gebäude übernommen hatte, vergab den Auftrag direkt an das Büro Stereo Architektur. Dadurch waren die Planenden bereits früh eingebunden und konnten auf den Erfahrungsschatz der Zwischenmieter*innen zurückgreifen und das Projekt in stetem Dialog mit der Bauherr*in weiterentwickeln. Die Pläne sahen vor, die Verteilzentrale mit ihrem denkmalgeschützten Kopfbau weiter gewerblich zu nutzen. Das Wohnen sollte ich dagegen in Neubauten auf dem nördlichen Nachbargrundstück konzentrieren.
Entrümpelt und Ertüchtigt
Im Rahmen des Umbaus mussten Altlasten entsorgt, die Haustechnik von den übrigen Gebäudeteilen entkoppelt sowie Fluchtwege und Tragstruktur an heutige Anforderungen angepasst werden. Bestehen blieb die vorhandene Erschließung. Die Treppenhäuser erhielten provisorisch anmutende Leuchten zur Inszenierung minimalinvasiver Haustechnik sowie unterschiedliche Farbfassungen, die in den teils in Lichtschächte eingefügten Nasszellen aufgegriffen werden.
Kostspielig war die Erdbebenertüchtigung: An manchen Stellen waren zusätzliche Aussteifungen und Verbindungen erforderlich, an anderen Stellen wurden Bauteile getrennt. Punktuell fügte man Stahlfachwerke ein, die von Brandschutzanforderungen befreit als „lesbare Baukunst“ sichtbar belassen wurden.
Die rückgebauten Gebäude wurden zur lokalen Bauteilmine. Beispielsweise schnitt man aus den Tanks im Untergeschoss großformatige Betonstücke und gestaltete mit ihnen den Wohnhof auf dem nördlichen Nachbargrundstück. Neue Verwendung fanden auch Gipsfaserplatten, Metallständer von Leichtbauwänden und Brandschutztüren aus der Zwischennutzungsphase sowie Profilbleche und Aluminiumfenster. Letztere sind nun an den neuen Fassaden der drei östlichen Anbauten zu sehen.
Fassade: lokal wiederverwendet
Die Wiederverwendung der vor Ort rückgebauten Bauteile war ein maßgebliches Kriterium bei der Fassadenplanung. Zugleich sollte im Zuge der energetischen Ertüchtigung der gewerbliche Charakter des östlichen Gebäudeteils verloren gehen. Schließlich mussten alle Arbeitsplätze genügend Tageslicht erhalten. Die dazu nötigen, größeren Fassadenöffnungen unterbrechen die bestehenden Fensterbänder und rhythmisieren dadurch die langen Fronten. In den Bestandsöffnungen sitzen neue Fenster, bei den vergrößerten Öffnungen kamen dagegen aus dem Nachbargebäude ausgebaute, aufbereitete Aluminiumrahmen mit neuer Dreifachverglasung zum Einsatz.
Die Trapezbleche der vorgehängten hinterlüfteten Fassade stammen von einer benachbarten Halle. Ursprünglich stehend montiert wurden sie beim Wiedereinbau um 90 Grad gedreht, um die Horizontalität des Gewerberiegels zu unterstreichen. Die Bleche wurden auf eine Unterkonstruktion aus Holzlatten, die auch die Dämmplatten aufnimmt, montiert. Dabei ließ man Überstände und Überlappungen zu, um die Blechbahnen möglichst wenig anpassen zu müssen.
Im Erdgeschoss wechselt die Fassade. Auf der Nordseite, zum neuen Quartier hin, wurden sägeraue Gerüstbretter mit Fenstertüren und einem Blechvordach kombiniert. Gleisseitig, wo eine bestehende Laderampe weitergenutzt wird, ist die Erdgeschosszone mit großformatigen, nicht brennbaren Holzplatten verkleidet. Die darüberliegenden Geschosse wurden mit rotvioletten Ausstellmarkisen als außenliegendem Sonnenschutz ausgestattet.
Bautafel
Architektur: Stereo Architektur, Basel
Projektbeteiligte: Jonathan Hermann, Claudio Meletta, Martin Risch, Michaela Maibach, Marcel Wagner, Nadja Furler, Paul Althaus, Lukas Kobel, Kezia Huber, Anna Caviezel (Projektteam Architekturbüro), Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel (Ingenieurwesen), Gartenmann Engineering, Basel (Brandschutz, Bauphysik), RMB Engineering, Basel (Gebäudetechnik), HKG Engineering, Basel (Elektroplanung)
Bauherr*in: GEWONA NORD-WEST Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten, Basel
Fertigstellung: 2025
Standort: Gallenweg 2, 4133 Pratteln, Schweiz
Bildnachweis: Halmes Kobel, Basel; Piotr Latak, Basel (Fotos); Stereo Architektur, Basel (Pläne)
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