Stammhaus in Gossau

Ein Atrium wie ein Baum

Computergestütztes Design ersetzt Handwerkstradition? Nicht so im schweizerischen Gossau. Hier eröffnete kürzlich der Hauptsitz eines traditionsreichen Holzbauunternehmens, der in enger Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster IntCDC der Universität Stuttgart konzipiert wurde. Das Forschungsstudio ergänzte den gerasterten Hybridbau um ein freigeformtes Atrium aus Fichtenholz. Damit lieferte es weitere Erkenntnisse für die feuchtebasierte Herstellung gekrümmter Holzwerkstoffe.

Der Neubau von K&L Architekten besetzt eine ehemalige Lagerfläche auf dem Werkhof.
Die Grundstruktur des Baukörpers beruht auf konsequenter Orthogonalität.
Das Skelett ermöglicht eine flexible Einteilung der Büroräume.

Symbiose aus Handwerk und Materialforschung

Das 1875 gegründete Unternehmen Blumer Lehmann arbeitete schon zuvor mit der Universität Stuttgart zusammen. 2024 hatte es gemeinsam mit dem Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) und dem Institut für Tragkonstruktion und konstruktives Entwerfen (ITKE) einen Pavillon mit geschwungenem Dachtragwerk für die Landesgartenschau in Wangen realisiert. Parallel gründete sich an der Universität das Exzellenzcluster Integrative Computational Design and Construction (IntCDC), das seitdem die computergestützte Herstellung von Werkstoffen erforscht. 

Für den Großteil des Gebäudes zeichneten K&L Architekten verantwortlich. Ihr viergeschossiger Holzhybridbau besetzt eine ehemalige Lagerfläche auf dem Werkhof des Holzunternehmens und dient künftig rund 180 Mitarbeitenden als Arbeitsplatz. Im Erdgeschoss öffnet eine Cafeteria mit benachbartem Veranstaltungsraum auch für externe Gäste. Die Skelettstruktur mit vorgehängter Fassade und aussteifendem Betonkern ermöglicht eine flexible Einteilung der Büroräume in den Obergeschossen. Gleichzeitig war eine gewisse Grundflexibilität des Hauses essenziell, um den passgenauen Einbau des Atriums zu koordinieren, das dem Gebäude als Haupterschließung dient.

Ein identitätsstiftendes räumliches Erlebnis

Die raumgreifende Skulptur heißt Besucher*innen im Eingangsbereich mit ihren weichen Wölbungen willkommen. Um ein kreisrundes Treppenauge entwickelt sie sich bis zum Dach und durchwindet dabei die orthogonale Struktur des Bürobaus. Das innere Geländer folgt der Treppensteigung und bildet auf dem Weg nach oben intime Sitznischen aus. Laut Achim Menges, Leiter des IntCDC, ziele der Entwurf des Atriums darauf ab, „aus den architektonischen Eigenschaften gekrümmter Holzflächen ein einzigartiges und identitätsstiftendes räumliches Erlebnis zu schaffen“.

Der Korpus besteht aus gekrümmten Brettsperrholzelementen mit zwei wechselnden Radien. Diese schalenartigen, teils raumhohen Puzzleteile setzte man vor Ort zu einer freitragenden Wendeltreppe zusammen. Die gebogenen Bauteile entstanden nicht im Pressverfahren – denn tatsächlich arbeitet das Exzellenzcluster an einer Methode, mit der sich Holz gewissermaßen selbst in Form bringt. Ähnlich wie Nadelholzzapfen auf Feuchtigkeit reagieren und sich zusammenziehen oder öffnen, kann auch Brettsperrholz mittels sogenannter aktiver und restriktiver Schichten seine Form verändern. Der Clou liege in der genauen Berechnung der erforderlichen Wassermengen, um durch den natürlichen Schwindprozess den gewünschten Biegungsgrad zu erhalten, so die Forscher*innen.

Eindrucksvolle Effizienz

In Wangen hatte das Team 2024 mit ähnlichen Methoden gearbeitet. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse flossen wiederum direkt in den Planungsprozess des neuen Hauptsitzes in Gossau. Auch hier erfüllt die beeindruckende Skulptur neben ihrer optischen und funktionalen Rolle eine tragende Funktion. Mit maximal 130 Millimetern Wandstärke wirkt das Konstrukt aus Fichtenholzplatten recht schmal für ein statisch wirksames Bauteil. Doch kann es durch seine gewundene Struktur problemlos die eigenen Lasten, das Gewicht der Geschossdecken, des Dachs und des Oberlichts tragen. Die Vielzahl der Verschneidungen sorgt zudem für eine mustergültige Aussteifung.

Die Zusammenarbeit am neuen Stammhaus, wie der Name des Bürobaus in Anspielung auf die baumartige Erschließung lautet, war eine echte Symbiose. So zieht das Exzellenzcluster aus dem Forschungsprojekt weitere wichtige Erkenntnisse für die computergestützte Bearbeitung von Holzwerkstoffen. Für das Unternehmen Blumer Lehmann ist nicht nur ein neuer Firmensitz entstanden. Auch dient das Atrium künftigen Kunden als eine Art Showroom, denn seit Neuestem ergänzen die gebogenen Brettsperrholzelemente das Repertoire der Traditionsfirma. -tg

Bautafel

Architektur Bürogebäude: K&L Architekten (Thomas Lehmann, Johanna Deinet)
Projektbeteiligte: Exzellenzcluster Integrative Computational Design and Construction (IntCDC): Prof. Achim Menges, Martin Alvarez, Laura Kiesewetter, David Stieler, Dr. Dylan Wood; mit Unterstützung von: Edgar Schefer, Lena Strobel, Alina Turean (Entwurf Atrium); Katharina Lehmann, Martin Looser, David Riggenbach, Ursula Frick, Bertie Hipkin, Benedikt Schneider (Projektleitung); SJB Kempter Fitze: Stefan Rick (Tragwerksplanung Bürogebäude)
Bauherr*in: Blumer Lehmann
Fertigstellung: 2025
Standort: Gossau, Schweiz
Bildnachweis: Jan Thoma, Blumer Lehmann (Fotos); IntCDC Universität Stuttgart (Pläne)

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