Seminarhaus im thüringischen Kriebitzsch
Dacheinschnitte und Laubengang für ein transformiertes Wirtschaftsgebäude
Mit der Transformation eines ehemaligen Wirtschaftsgebäudes zum Seminarhaus schreiben Heim Balp Architekten in der Gemeinde Kriebitzsch im thüringischen Landkreis Altenburger Land ländliche Baukultur zeitgenössisch fort. Der langgestreckte Bestandsbau war Teil eines vor rund 150 Jahren errichteten Vierseithofs und schließt daher mit unterschiedlichen Dachkonstruktionen ab – nach Osten mit einem Giebel und Satteldach, während er nach Westen als Walmdach in Erscheinung tritt.
Mitten im Kern der knapp 1.000 Einwohner*innen zählenden Gemeinde im Osten Thüringens sticht das Gebäude nach dem Umbau nicht nur durch das Dach, sondern auch aufgrund eines weiteren prägnanten Merkmals heraus: Auf der Langseite nach Süden ist nun ein tiefer Laubengang vorgelagert, der das regionaltypische Holzfachwerk prominent inszeniert.
Neue Nutzung auf drei Geschossen
Hinter dem Bestandsmauerwerk wurden Elemente behutsam saniert
und Räume für die neuen Funktionen hineinmodelliert. Im Erdgeschoss
sind rund um ein historisches Gewölbe mit vier Säulen ein
Veranstaltungs- und Essraum, die Küche und ein Badehaus entstanden.
Im ersten Obergeschoss sind die kleineren Gästezimmer
untergebracht, die über den Laubengang erschlossen werden. Das
Dachgeschoss beherbergt unter dem offenen Dachtragwerk einen großen
Yoga- und Meditationsraum. Darüber hinaus findet sich dort ein
gemeinschaftlicher Schlafraum.
Ein Dach wie ein Vorhang
Das Dach zeugt von einem der wichtigsten – wortwörtlichen – Einschnitte in die Bestandsstruktur. Leicht von der Mitte nach Westen abgerückt stehen sich zwei Dachloggien versetzt gegenüber. Diese bilden in die jeweiligen Dachflächen Aussparungen, die die Form rechtwinkliger Dreiecke haben. Das zur Eindeckung verwendete Trapezblech, das ansonsten ein ruhiges, homogenes Bild erzeugt, weist dabei links und rechts der Einschnitte eine unterschiedliche Verlegerichtung der Profile auf. Während zum rechten Winkel der Dreiecksöffnung die Profile in orthogonaler Richtung zur Traufe verlaufen, sind sie auf der anderen Seite parallel zur Hypotenuse. So scheint es, als würden sich das Dach und seine feingliedrige Profilierung wie ein Vorhang öffnen.
Konstruktion und Reuse-Elemente
Durch die Einschnitte wird Einblick in ein lebendiges
Fassadenbild dahinter gewährt. Zahlreiche Fenster, die aus
Fehlproduktionen aufgrund falscher Formate für andere Projekte
aussortiert wurden, sind hier zum gläsernen Raumabschluss über- und
nebeneinander verbaut. Konstruktiv fängt den Einschnitt jeweils
eine Stahlstrebe außen und eine Holzstütze auf. Innen generieren
die Einschübe willkommenen Lichteinfall in die langgestreckten,
tiefen Räume. Lediglich am Walm ist ein Dachflächenfenster eingebaut. Zum Reuse-Konzept
gehören außerdem wiederverwendete Türen innen, die aus einem Umbau
im Center am Potsdamer Platz in Berlin stammen, das unter dem
ehemaligen Namen Sony Center bekannt ist.
Das sichtbar belassene Dachtragwerk im Multifunktionsraum verweist auf die gekonnte Fügung aus alt und neu. Konstruktiv handelt es sich um ein Kehlbalkendach und Pfettensparrendach mit liegendem Stuhl. Die ersetzten Sparren bilden sich über der Bestandskonstruktion ab, wobei Gebäudehöhe und Dachneigung beibehalten wurden.
Funktionale und gestalterische Entlastung durch den Laubengang
Der Laubengang mit dem markanten, filigranen Fachwerk löst neben der Erschließung eine weitere, gestalterische und funktionale Anforderung. Um die mit 45° geneigte Dachfläche des Haupthauses von Photovoltaik freizuhalten und damit optisch nicht zu beeinträchtigen, sind die Module stattdessen auf dem mit 23° flacher geneigten Dach des Laubengangs montiert. Die Dachflächen gehen dabei nicht nahtlos ineinander über. Während das Hauptdach über den neuen Dachkasten entwässert und den Niederschlag in eine Zisterne leitet, wird das PV-Dach über dem Laubengang frei entwässert. Ein bis zu 1,20 Meter tiefer Dachüberstand, der auch seitlich über die Gebäudelinie hinausreicht, schützt die Fachwerkkonstruktion und unterstützt die nach Süden hin notwendige Verschattung.
Bautafel
Architekten: Heim Balp Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: Studio C (Tragwerksplanung), L&F Metallbau (Metall- und Stahlbau), BBIG Berliner Brandschutz Ingenieurgesellschaft (Brandschutzplanung)
Bauherr: Müller Gebhardt Heim GBR
Standort: Mittelstraße 13, 04617 Kriebitzsch
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Luca Girardini (Fotos), Heim Balp Architekten (Pläne)
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