Prinzipien für die Wiederverwendung von Dämmstoffen
Kreislaufwirtschaft statt Entsorgung
In Anbetracht der großen Mengen von Dämmstoffen, die seit einigen Jahrzehnten verbaut werden, drängt sich die Frage auf: Wie lang ist ihre Nutzungsdauer und was passiert danach? Jährlich fallen in Deutschland über 200.000 Tonnen Dämmstoffabfälle an, wie die Deutsche Umwelthilfe in ihrer Broschüre Innovationen in der Wärmedämmung von 2021 schreibt. Der größte Teil wird verbrannt oder deponiert. Wäre es auch möglich, die Materialien wiederzuverwenden oder zu recyceln? Damit dies gelingt, gilt es, technische und rechtliche Hürden zu meistern.
Ressourcen und Energien bei der Herstellung und Nutzung
Für Dämmstoffe gilt in der Regel: Die Energiemenge für die Herstellung ist um ein Vielfaches geringer als die Energiemenge, die über die Nutzungsphase hinweg eingespart wird. Nachlesen lässt sich das etwa in der 2013 erschienenen Publikation Das Energie-Sparschwein des Umweltbundesamts. Dabei kann die Höhe des Primärenergiebedarfs für die Herstellung sehr unterschiedlich ausfallen: Für lose Zellulose werden höchstens 60 kWh/m3 benötigt, für Polyurethan hingegen bis zu 1.500 kWh/m3. Im Gegenzug beträgt die Wärmeleitfähigkeit von loser Zellulose λ = 0,040 bis 0,045 W/(Km), die von PUR-Hartschaumplatten λ = 0,025 bis 0,035 W/(Km).
Nicht nur der hohe Energieeinsatz, sondern auch der Abbau und die Verarbeitung mineralischer und petrochemischer Rohstoffe – wie sie etwa für Mineralwolle, EPS und PUR benötigt werden – sind mit schwerwiegenden Eingriffen in Lebensräume und hohen CO2-Emissionen verbunden. Es gibt also gute Gründe, Dämmstoffe möglichst lange zu nutzen. Welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Einbau: nicht kleben!
Egal wie dauerhaft die Dämmmaterialien an sich sind, für eine Wiederverwendung ist entscheidend, wie gut sie sich wieder von anderen Bauteilschichten trennen lassen. Daher ist spätestens bei der Ausführungsplanung auf eine sogenannte rückbaugerechte Verbauung zu achten. Das heißt: Dämmstoffe sollten entweder lose eingebracht, geschraubt oder geklammert werden – und nicht verklebt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen zerstörungsfreien und sortenreinen Rückbau am Ende der ersten Nutzungsphase. Schließlich entscheidet der Reinheitsgrad der rückgebauten Materialien, ob und wie sie recycelt oder gar wiederverwendet werden können.
Nutzungsdauer verlängern oder ausbauen?
Wie lange können Dämmstoffe im Gebäude oder Bauteil verbleiben? Zu dieser Frage veröffentlicht das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die Tabelle Nutzungsdauern von Bauteilen für Lebenszyklusanalysen nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB). Sie wird regelmäßig aktualisiert – zuletzt im November 2025 – und zeigt, dass bei vielen Dämmstoffen von einer Nutzungsdauer von über 50 Jahren ausgegangen werden kann.
Um den Zustand der Dämmstoffe zu ermitteln, sind Erkundungen und Deklarationsanalysen nötig. Lassen die Schadstoffgehalte und Baukonstruktionen es zu, so „sollten intakte Dämmstoffe im und am Gebäude belassen werden und durch neue Dämmschichten ergänzt werden“, empfiehlt das Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in seiner 2022 veröffentlichten Studie Der Gebäudebestand steht vor einer Sanierungswelle – Dämmstoffe müssen sich den Materialkreislauf erschließen. Diese Methode verbessert nicht nur die Dämmleistung, sondern ist auch kostengünstiger als ein Austausch der Dämmschicht.
Recycling und Wiederverwendung
Ist der Dämmstoff noch brauchbar, kann aber aus anderen Gründen nicht am Gebäude verbleiben, dann könnte er wiederverwendet oder recycelt werden. Die Wiederverwendung ist die energieärmste und somit ökologisch vorteilhafteste Variante – und die bevorzugte, gemäß der Abfallhierarchie des EU- und Bundeskreislaufwirtschaftsrechts. Beträchtliche Hürden sind jedoch die Regelungen und Prüfverfahren, mit denen die Wiederverwendung zugelassen und die Qualität des wiederverwendeten Dämmstoffs festgestellt und bescheinigt wird. Schließlich muss auch dieser Produktnormen erfüllen.
Bei der stofflichen Verwertung – im Sprachgebrauch Recycling genannt – werden alte Dämmstoffe sowie der Verschnitt von Baustellen und die Produktionsreste zur Herstellung von neuen Dämmstoffen oder von Sekundärprodukten genutzt. Das praktizieren heute bereits einige Mineralwollehersteller; auch EPS- und Holzwolleplatten werden schon großmaßstäblich recycelt. Ganz ohne Kontrollen geht es auch hier nicht: Aussortiert werden müssen Verunreinigungen und Dämmstoffe mit unzulässigen Flammschutzmitteln – etwa das früher bei EPS verwendete HBCD. Bei Mineralwolle ist entsprechend relevant, um welche Fasertypen es sich handelt und ob sie immer noch bauaufsichtlich zugelassen sind.
Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft
Damit Wiederverwendung und Recycling zur flächendeckenden Praxis werden, ist auch die Logistik entscheidend: Die ausgebauten Dämmstoffe müssen gesammelt, sortiert, zwischengelagert und zu den Aufbereitungsanlagen bzw. Fabriken gebracht werden. Einige Hersteller haben eigene Sammelsysteme eingeführt. Wie effektvoll und praktikabel diese individuellen Lösungen tatsächlich sind, ist unklar. Idealerweise sollten Dämmstoffe – wie auch andere Rückbaumaterialien – unmittelbar vor Ort wiederverwendet werden.
Überdies gibt es bereits Versuche, die Zukunft der Dämmstoffe in der Planungsphase eines Gebäudes zu verankern. 2025 veröffentlichte die Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt das Leistungsblatt 35 der Verwaltungsvorschrift Beschaffung und Umwelt (VwVBU). Diese fordert von Bauherr*innen ein auf das Gebäude zugeschnittenes Rückbaukonzept. Später soll dieses dann Bestandteil der Ausschreibung zum Rückbau sein, damit das beauftragte Abbruchunternehmen die Maßnahmen entsprechend umsetzt. Allerdings gilt diese Vorschrift nicht für alle Bauvorhaben, sondern nur für die Vergabe von Liefer-, Bau- und Dienstleistungsaufträgen der unmittelbaren Landesverwaltung Berlins.
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