Messenachbericht Cersaie 2024
Trotz Krise zeigt die Fliesenbranche ihre Innovationskraft
Wie kein anderes Material spiegelt Travertin den derzeitigen Trend auf der Weltleitmesse Cersaie für keramische Fliesen wider. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Hersteller, die eine keramische Interpretation des hellbraunen, porösen Kalksteins in Bologna zeigten noch einmal gestiegen. Wahrscheinlich liegtseine Beliebtheit darin begründet, dass er gleich mehrere Aspekte in sich vereint, die im Trend sind: helle, warme Farbtöne, eine dezente Musterung und eine ansprechende, edle Haptik aufgrund seiner typischen Lochstruktur.
Der Naturstein wird traditionell in verschiedenen Oberflächenbearbeitungen angeboten, was sich die Fliesenindustrie abgeschaut hat. So bietet sie Fliesen in Travertinoptik gebürstet, gerillt, getrommelt oder geschliffen an. Der spanische Hersteller Porcelanosa präsentierte gleich vier neue Travertin-Kollektionen mit jeweils vier Oberflächenvarianten. Ob die Serien Aura, Santorini, Navona und Saddle aber auf den Markt kommen, hängt von den Kund*innen ab. Viele Hersteller testen sowohl auf der Cersaie in Italien als auch auf dem spanischen Messependant, der Cevisama, mögliche neue Produkte auf ihre Marktgängigkeit, bevor sie sich zur Produktion entschließen.
Der zweite Natursteinliebling
Ein weiterer perfekt nachgebildeter Naturstein ist der brasilianische Quarzit Breccia Imperiale, der auf der Cersaie mehrfach entdeckt werden konnte. Der grobkörnige braune Stein mit seiner gewolkten Struktur passt ebenfalls gut zu den warmen Erdtönen, die das Wohnambiente derzeit prägen. Zudem können die Hersteller hier mit den Struktureffekten ihrer neuesten 3D-Ink-Technologie glänzen, bei der passend zur Zusammensetzung des Steins Teilbereiche der Fliese erhaben, rau oder anpoliert sind und sich so haptisch vom Rest der Fliese unterscheiden.
Mosaikrenaissance und gleich mehrere Krisen
Nach wie vor nehmen Natursteinnachbildungen den größten Teil der Fliesenneuheiten ein. Beton-, Holz- und Terrazzo-Optiken sind nicht verschwunden, reihen sich aber immer weiter hinten ein. Stattdessen haben authentische Keramiken Konjunktur, oft uni in gedeckten Farben und mit einfallsreichen Strukturen – allerdings gilt das nur für größere Formate. Je kleiner die Fliesen werden, desto bunter werden diese und desto lebhafter wird ihr Dekor. Außerdem wächst der Formenreichtum aus der Wand heraus – zu dreidimensionalen glasierten Tonscherben.
Nach einer fast vollständigen Abwesenheit im letzten Jahr kehrten Mosaike auf die Cersaie zurück. Kleinformate mit 5 x 5 cm sind wieder beliebt – allerdings nicht mehr in bunten Glasfarben, sondern ebenfalls in warmen, terrakottaähnlichen Tönen. Der spanische Glasmosaikhersteller Onix stellte seine sechs Farbtöne umfassende neue Terra-Kollektion aus spanischem Recyclingglas sowie vier weitere neue Mosaikkollektionen vor.
Auch die Konkurrenz aus Tonscherben setzt auf Kleinformate – mal mit unregelmäßigen Kanten, mal kombiniert mit größeren Formaten und mit immer wieder neuen Oberflächen sowie Oberflächeneffekten. Neue Glasurtechniken erweitern die Gestaltungsmöglichkeiten zusätzlich. Vorlieferanten wie die spanische Esmalglass-Itaka-Gruppe spielen dabei eine entscheidende Rolle: Sie bieten eine breite Palette an Fritten, Glasuren, Pigmenten, Tinten, keramischen Zusatzstoffen und digitalen Technologien an und unterstützen die Hersteller bei der Entwicklung innovativer Produkte – doch dazu später mehr.
Fest im Griff der Krise
Francisco Pedrero, Sales Brand Manager von Esmalglass, wies darauf hin, dass die Rohstoffkrise, ausgelöst durch den Krieg in der Ukraine, die Branche fest im Griff hat. Der weltweit beste, besonders plastische weiße Ton stammt aus dem umkämpften Donbass-Becken – was bedeutet, dass die Fliesenhersteller schlechtere Qualitäten, längere Lieferwege sowie höhere Beschaffungskosten in Kauf nehmen müssen. Dies wiederum führt bei einigen Anbietern zu Qualitätsproblemen und Schwierigkeiten, bestimmte Optiken zu erzielen.
Neben der Rohstoffknappheit belasten auch die wirtschaftlichen Probleme der Bauwirtschaft in Europa die Branche. Besonders der deutsche Markt, einer der wichtigsten für viele Hersteller, ist betroffen. Produktionsrückgänge und Umsatzeinbußen in energieintensiven Industrien sowie in der Auto- und Maschinenbauindustrie tragen zur Unsicherheit bei. Somit ist nachvollziehbar, warum viele Keramikfliesen-Hersteller derzeit massiv auf der Investitionsbremse stehen.
Die Cersaie ist wieder und immer noch eine Reise wert
Die Anfahrt mit dem Auto am ersten Messetag erinnerte an die Vor-Corona-Zeit: Sowohl an der Mautstelle der Messeabfahrt als auch an der Einfahrt ins Messeparkhaus war der Verkehr genauso chaotisch und zähflüssig wie früher. Ein unglücklicherweise parallel ausgerufener Taxifahrer- und Flughafenarbeiterstreik erschwerte die Situation zusätzlich und sorgte für unerfreuliche Erlebnisse bei vielen ausländischen Besucher*innen an den beiden ersten Messetagen.
Dabei sorgte gerade die hohe Zahl von Besucher*innen aus dem Ausland (47.095 – ein Minus von nur 1 % gegenüber 2023), dass die diesjährige Cersaie fast die gleiche Besucherzahl wie im Vorjahr vermelden konnte: 95.321. Bei den italienischen Besucher*innen hingegen musste die Messe einen 6,7-prozentigen Rückgang hinnehmen (48.226 gegenüber 51.685 in 2023). Auffällig war die große Anzahl an asiatischen Gästen – vornehmlich aus Indien und China – sowie aus Australien, den USA und Kanada.
Die Besucher*innen trafen auf 606 Aussteller – davon 230 nicht aus Italien (38 %) – in 15 vollbesetzten Hallen. Dies darf getrost als Erfolg gewertet werden, warb doch etwa der weltweit größte Fliesenhersteller Marazzi einen ganzen Teil der Gäste mit seiner parallel veranstalteten Tile Week ab. Und auch die ebenfalls bedeutende Florim-Gruppe lud ihre Gäste während der Messezeit in ihr Werk in Fiorano Modenese ein. Wenn man bedenkt, dass die Werke der italienischen Hersteller nur eine knappe Autofahrstunde vom Messegelände in Bologna entfernt liegen, wird verständlich, welche Auswirkungen diese Parallel-Events haben.
Die großen Marken dominieren
Dabei zeigte die Iris Ceramica-Gruppe mit ihrem Sinfonia-Konzept wieder einmal, wie man Messepräsenz und Werksveranstaltung geschickt unter einen Hut bekommen kann. Die Gruppe präsentierte sich am Messestand als großes Musiktheater-Foyer, von wo aus man per Bustransfer zu den vier „Sinfoniekonzerten“ (an jedem Messetag eines) der einzelnen Marken gelangen konnte. Die Mitarbeitenden stellen das Orchester dar, die Produkte die Instrumente; und die Sinfonie kann nur erklingen, wenn alle im Gleichklang musizieren – was auch einen Teambuilding-Effekt unter den Mitarbeitenden der einzelnen Marken innerhalb der Gruppe hatte.
Wie auch in 2023 drückten insbesodnere italienische und spanische Firmengruppen der Messe ihren Stempel auf: Allen voran die Italcer-Gruppe, die Atlas Concorde-Gruppe, die Panaria-Gruppe, die ABK-Gruppe, die Italgraniti-Gruppe, die Fincibec-Gruppe, die Pamesa-Gruppe sowie die STN-Gruppe. Diese und weitere waren mit jeweils mehreren, zum Teil groß angelegten Messeständen ihrer einzelnen Marken vertreten. Jeweils zwei Hallen waren wie stets der Badezimmerausstattung (21 und 22) sowie Werkzeug plus Bauchemie und Zubehör vorbehalten (31 und 32). Während die Halle 33 erneut die Rohstoff-Hersteller sowie sonstige Vorlieferanten beherbergte und in Halle 28 die Showroom-Ausstatter ausstellten.
Haptik vor Farbe
Im letzten Jahr hatten wir bei den glasierten Wandfliesen-Kollektionen auffällig häufig einen blaugrünen Farbton ausgemacht. Dieser Trendfarbton hat sich ein Jahr später leicht ins Gelbgrüne verschoben. Nach wie vor aber stehen ausdrucksstarke Farben bei der Keramik für die Wand hoch im Kurs. Der italienische Hersteller Quintessenza Ceramiche beispielsweise lud auf seinem Messetand zu einem Walk into Color ein, wo er drei neue Kollektionen präsentierte, die das Konzept der chromatischen Überschneidung und Fluidität verkörpern sollen.
Ansonsten gibt die Haptik den Ton an – Oberflächen sollen sich möglichst natürlich anfühlen. Und sie müssen Rillen haben: Gerillte Wanddekorationen fanden sich nahezu bei allen Herstellern.
Das Leitformat 120 x 120 Zentimeter
Während bei der Wandkeramik die Menge der vorgestellten Formate keinen klaren Favoriten erkennen lässt, kann bei den Bodenfliesen ganz klar das Format 120 x 120 Zentimeter herausgehoben werden: Selbst Hersteller, die bislang gar nicht über derart große Fliesen verfügten, haben diese nun im Sortiment.
Erstaunliche Techniknews
Auf Messen gehören technische Neuerungen zu den Publikumsmagneten – bei einer jährlich stattfindenden Veranstaltung ist es allerdings schwierig, immer wieder neue Erfindungen aus dem Hut zu zaubern. Dennoch gelang es auch in diesem Jahr: Laminam präsentierte eine nur zwei Millimeter dünne Fliese mit dem Namen two, die speziell als Möbelverkleidung gedacht ist. Eine verkürzte Brennphase und damit ein geringerer Energieverbrauch sowie weniger Rohstoffbedarf verhelfen dem Produkt zu einer verbesserten Nachhaltigkeit. Die Florim-Gruppe begnügt sich unter der Bezeichnung Florim Skin mit einem neuen, drei Millimeter dünnen, glasfaserverstärkten Feinsteinzeug im Format 120 x 300 Zentimeter.
Was die Bruchgefahr angeht, die bei immer dünneren keramischen Materialien enorm zunimmt, gab es gleich zwei Innovationen. Zum einen ermöglichen rückseitig aufgeklebte 0,7 Millimeter dünne Bleche komplexe Ausklinkungen an den Platten, ohne dass diese beim Transport oder bei der Montage reißen. Zum anderen hat die zur Iris Ceramica-Gruppe gehörende Firma Granitech mit xslab gleich zwei Varianten einer rückseitigen Plattenstabilisierung entwickelt: Bei der einen Variante wird die Platte mit einem ein bis zwei Millimeter dünnen, hochbeständigen Mineralstoff armiert – das rund acht Millimeter dicke Komposit-Sandwich eignet sich dann etwa als Fassadenplatte. Soll die Großkeramik am Boden eingesetzt werden, kommt die andere Variante zum Einsatz, die mit einer rückseitigen Armierung in Gitterstruktur versehen ist. Laut Granitech-Angaben verstärkt xslab die sechs Millimeter dünnen Großkeramikplatten der Firmengruppe um das Fünf- bis Zehnfache. Außerdem werde ihre Biegefestigkeit im Vergleich mit den Standardwerten der unverstärkten Platten verdreifacht.
Als technische Neuerung darf auch die Keramikheizung von Mirage betrachtet werden. Elektrische Heizkörper mit einer Oberfläche aus Keramikfliesen sind eigentlich nichts Neues – bei Mirage allerdings können diese nun farblich und in der Textur passend zum Wand- oder Bodenbelag ausgewählt werden.
Technisch neu ist auch das Tiefziehen von keramischen Fliesen. Beim Projekt Elitique, das die Florim-Gruppe exklusiv mit Badmöbel-Hersteller Falper gestartet hat, werden Waschtische aus Keramik hergestellt, die zuvor im Werk des Fliesenherstellers ins Gefälle gebogen wurden.
Der Dauerbrenner: R10 B
Nicht mehr so ganz neu, aber Pflicht für alle Werke, die den deutschen Markt mit Bodenfliesen versorgen möchten, sind leicht zu reinigende und weich wirkende, aber dennoch rutschhemmende Oberflächen. R10 B scheint die magische Formel zu sein, die alle Aussteller verinnerlicht haben. Wird man als Deutscher auf einem Messestand identifiziert, so beeilt sich das Standpersonal stets darauf hinzuweisen, dass „diese neue Fliesenkollektion selbstverständlich R10 B“ habe. Softtouch, Softtec, Antislip oder non-slip heißen die Oberflächen, die idealerweise erst im nassen Zustand stumpf werden.
Die Glasur macht den Effekt
Und schließlich müssen hier noch die oben bereits angesprochenen, neuen Glasurtechniken erwähnt werden, zu denen auch Verfahren zählen, die den Fliesen zu einer erhöhten Rutschhemmung verhelfen – ohne sie wie früher massiv aufzurauen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche neue Verfahren und Technologien entwickelt, bei denen Glasuren entweder trocken aufgetragen oder mit speziell optimierten Digitaldruckköpfen aufgesprüht werden. Dadurch entstand eine beeindruckende Vielfalt an haptischen und optischen Effekten für keramische Fliesen. Natursteinanmutungen sowie Maserungen und Aderungen ohne Wiederholungseffekt etwa entstehen mit Hilfe glasartiger Keramikfritten, spezieller Granulate, Engoben oder Mikrokugeln.
Eine weitere Innovation ist ein zusätzlicher dritter Brennvorgang, der bei Temperaturen von nur etwa 800 Grad Celsius und einer Dauer von rund 30 Minuten durchgeführt wird. Dabei können Materialien in die Oberfläche integriert werden, die kurze Brennzyklen und niedrige Temperaturen erfordern, wie Glimmer, Lüsterfarben, Gold- und Silberfarben oder bunte Siebdruckfarben.