Bücherhaus am See Voxsjön
Ein Haus zum Arbeiten und Leben für ein bibliophiles Paar
Ein Haus, in dem alle Bücher Platz finden – das war der Wunsch
eines bibliophilen Paares für ihr Wohn- und Arbeitshaus am Ufer des
Sees Voxsjön in der schwedischen Provinz Gävleborgs län. Die beiden
Arbeitsräume – ein Keramikstudio und ein Anwaltsbüro – sollten
aufgrund der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder und individuellen
Tagesrhythmen des Paares separat zu nutzen sein, die Küche und die
umfangreiche Bibliothek hingegen als offene und verbindende Flächen
dienen.
Vier Baukörper um einen Innenhof
Die Architektin Hanna Michelson, Begründerin des Stockholmer Architekturbüros Fria Folket, plante vier Baukörper um einen Innenhof als Abfolge von gemeinschaftlich genutzten Wohnräumen und Arbeitstrakten. Die Bibliothek entwarf sie als quadratischen Umgang, der alle vier Bauteile verbindet und zum Innenhof mit Glasfassaden abschließt.
Während sich das Keramikstudio mit einer vollständig verglasten
Südfassade und einem den Bautrakt umfassenden Holzdeck zum See
öffnet, erscheinen die restlichen Fassaden aus unbehandeltem
Kiefernholz nach außen weitgehend geschlossen und nach innen
gekehrt. Der westliche und der nördliche Baukörper richten sich
jeweils nur mit einzelnen schmalen Fenstern oder Glastüren zum
Außenraum. Im Ostbau filtert ein vorgelagertes Glashaus den Blick
aus der Küche in die Landschaft.
Büchergalerie als innere Erschließung
Der Rundgang durch das Haus wird von der Büchergalerie geleitet. Vom Eingangsbereich im Ostbau führt der Weg, so wie der Lauf der Sonne während des Tages, erst zum Keramikstudio im Südbau, dann zum Anwaltstrakt im Westen und schließlich zu den nördlich gelegenen Rückzugs- und Ruheräumen, bis sich der Umgang im Osten wieder schließt. Neben dem Eingang liegt hier die offene Küche mit angeschlossenem Gewächshaus für Kräuter, Pflanzen und Gemüse.
Jeweils ein hohes festverglastes Fenster oder
eine Glastür gleichen Formats rahmen an den Eckpunkten der
Büchergalerie den Blick in die Landschaft. Die vier Fenster- und
Glastüröffnungen leiten durch die Büchergalerie immer zum Licht
hin. Auch die Abfolge von öffentlicheren Räumen und Privatsphäre
folgt dieser Richtung, von der Küche im Osten bis zu den
Rückzugsräumen im Norden. Der gegenläufige Weg durch die
Büchergalerie hingegen führt weg vom Licht, auf Wände oder Regale
zu.
Landschaft und Licht als Teil der Innenräume
An jedem Eckpunkt der Büchergalerie führt zudem eine Glastür in den geschützten Innenhof, der als Fortsetzung der Bibliothek erscheint. Durch die den Hof umschließenden Glasfassaden fällt Tageslicht bis in die angeschlossenen Bautrakte. Beim Blick nach innen wirken Glas- und Bücherwände wie eine mehrschichtige Fassade, in der und durch die hindurch sich die Raumbilder überlagern. Öffnungen zwischen den Bücherwänden und die verglaste Südfassade des Keramikstudios erlauben eine freie Sicht auf den See.
Kiefer, Keramikfliesen, Flachsfasern
Wenige schlichte Materialien bestimmen die Innenräume: gekalktes und naturfarbenes Kiefernholz für Decken und Konstruktionselemente, rotbraune Keramikfliesen für den Boden und weiße einfache Bücherregale von der Stange. Sämtliche Materialien sind plastikfrei, für die Dämmung des Hauses etwa wurden, wie in der Region üblich, Flachsfasern verwendet. Die Büchergalerie vor dem Anwaltsstudio kann zu beiden Seiten geschlossen und auch heizungstechnisch vom Rest des Hauses abgetrennt werden. Das verringert die Heizlast, wenn die Temperaturen sinken.
Die Fassade ist mit unbehandeltem Kiefernkernholz aus einem lokalen Sägewerk verkleidet; das betonfreie Schaumglasfundament besteht aus recyceltem Glas. Regenwasser vom Aluzinkdach wird in einen unterirdischen Tank geleitet und versorgt das Gewächshaus.
Überleitungen zwischen Innen- und Außenraum
Die Türdrücker für Außen- und Innentüren unterscheiden sich nur in der Länge der Klinken – die Griffe der Innentüren sind etwas kürzer. Sie bestehen aus massivem gebürsteten Edelstahl, haben eine schlanke geradlinige Form mit abgerundeten Kanten und ähneln traditionellen schwedischen Türbeschlägen. In ihrer Einfachheit und dem Bezug zur Alltäglichkeit entsprechen sie sowohl der Konstruktion und Materialität des Holzhauses als auch der Gesamtanlage, die einem ländlichen Vierseithof entlehnt ist. Für die Türscharniere wurde ebenfalls ein Modell verwendet, das herkömmlichen schwedischen Beschlägen ähnelt.
Alle Fenster des Hauses sind festverglast und lassen sich somit nicht öffnen. Sie rahmen dezidierte Ausschnitte der Landschaft und machen mit dem Verlauf des Sonnenlichteinfalls die Tageszeiten im Haus erfahrbar. Heraus aus der Büchergalerie, deren Ende wieder zu ihrem Anfang wird, führen die Glastüren mit ihren unprätentiösen Beschlägen als Überleitung zwischen Außenraum und Innenhof.
Denn das Gebäudegeviert macht die Natur zur Hauptsache – mit
Verbindungen zur Landschaft und dem zentralen Hof als Sonnenfalle
und windgeschützter Freisitz. Wie die Natur zum Teil der Innenräume
wird, so fügt sich auch das Holzhaus in die Umgebung ein. Diese
zurückgenommene Haltung prägt die Architektur der Baukörper und der
Räume bis zu den Türgriffen.
Bautafel
Architektur: Fria Folket, Stockholm
Projektleitung: Hanna Michelson
Projektbeteiligte: Lokale Handwerksbetriebe; Habo (Türdrücker Milano)
Bauherrschaft: privat
Fertigstellung: 2022
Standort: Provinz Gävleborgs län, Schweden
Bildnachweis: Fria Folket