Alte Scheune in Tübingen

Gemeinschaftliche Sanierung eines mittelalterlichen Denkmals

Einst Lager für die Naturalsteuer, heute gemütlicher Wohn- und Arbeitsraum: Im Tübinger Stadtteil Derendingen hat eine aus drei Familien bestehende Baugemeinschaft einer historischen Scheune neues Leben eingehaucht. Das denkmalgeschützte Bauwerk mit Krüppelwalmdach und Sichtfachwerk vereint seit 2020 zwei Familienwohnungen, eine kleine Mietwohnung und das Büro des zuständigen Architekten Christoph Manderscheid unter einem Dach.

Das denkmalgeschützte Bauwerk mit Krüppelwalmdach und Sichtfachwerk vereint seit 2020 zwei Familienwohnungen, eine kleine Mietwohnung und das Büro des zuständigen Architekten Christoph Manderscheid unter einem Dach.
Das um einen Hof gruppierte Ensemble bildete mit der gegenüber liegenden Galluskirche das frühere Dorfzentrum und steht heute vollständig unter Denkmalschutz.
Nach Jahren des Leerstands entschieden drei Familien, den spätmittelalterlichen Nutzbau gemeinsam zu erwerben und eigenständig zu sanieren.

Historischer Kontext

Am westlichen Ende der kleinen Ortschaft, entlang der Sieben-Höfe-Straße liegt die Galluskirche, deren Vorgängerbauten bis in das 7. Jahrhundert zurückreichen. Im Laufe der Zeit entstanden ihr gegenüber eine Schule, ein Back- und Waschhaus sowie die damals als Zehntscheuer bezeichnete Scheune aus dem Jahr 1500. Zehntscheuern dienten im Mittelalter der Lagerung und Verwaltung von Abgaben, insbesondere des sogenannten „Zehnts“, der in Form von Naturalien oder Geld an die Kirche oder den Grundherren abgegeben werden musste. Das um einen Hof gruppierte Ensemble bildete mit dem gegenüber liegenden Sakralbau das frühere Dorfzentrum und steht heute vollständig unter Denkmalschutz.

Leerstand und Initiative der Baugemeinschaft

Seit dem Zweiten Weltkrieg diente der Hof als Lagerort und geriet zunehmend in Vergessenheit. Die Scheune wurde nur noch als Garage genutzt und die Schäden an der Bausubstanz nahmen zu. Nach Jahren des Leerstands entschieden drei Familien, den spätmittelalterlichen Nutzbau gemeinsam zu erwerben und eigenständig zu sanieren. Eine dieser Familien ist die des Architekten Christoph Manderscheid, der die Sanierungsmaßnahmen unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer sowie baukonstruktiver Aspekte plante. Das erklärte Ziel der Baugemeinschaft war es, die wesentlichen Merkmale der alten Scheune wie etwa den charakteristischen Natursteinsockel, das dunkle Holzfachwerk und das markante Dach zu erhalten.

Wohnen im alten Scheunenlager

Die geräumigen, spiegelsymmetrischen Tennen, in denen früher Wagen entladen und Maschinen zum Dreschen aufgestellt wurden, beherbergen nun die Wohn- und Essbereiche beider Familienwohnungen. Die ehemaligen Scheunentore wurden durch großflächige Glasfenster mit schlanken Sprossen ersetzt. Sie ermöglichen den Zugang zu den Wohnungen und sorgen für eine großzügige Belichtung der Räume. Den Glasfronten mit taubenblauen Rahmen und Profilen sind flächenbündig eingelassene Sandsteinplatten vorgelagert, die als kleine Terrassenbereiche dienen.

Die luftige Höhe der Wohnräume unterteilten die Planenden mit hölzernen Galerieebenen, die über Treppen aus dem gleichen Material mit dem Erdgeschoss verbunden sind. In der südlichen Wohnung fungiert die Zwischenebene gleichzeitig als Verteiler zu Schlaf- und Kinderzimmern sowie einem Badezimmer. Das Tragwerk im Innenraum wurde instandgesetzt und an manchen Stellen verstärkt. Treppen- und Galeriegeländer greifen das Blau der Fensterrahmen auf und schaffen in Kombination mit dem hellen Holz und der pastellrosa Küche unter dem Galeriegeschoss ein harmonisches und wohnliches Ambiente. Die Wände sind hell gehalten, lediglich die Wand zu den Zimmern erhielt einen grauen Farbanstrich. Ebenfalls gräulich ist der gegossene Estrichboden.

In der nördlichen Haushälfte befindet sich eine kleine, zweigeschossige Mietwohnung, die über den hölzernen Fahrradschuppen im Innenhof zugänglich ist. Das Sichtfachwerk der alten Scheune bleibt durch einen kapillaraktiven Innendämmputz und eine angepasste Baukonstruktion im Außenraum sichtbar. An einigen Stellen wurden nachträglich neue Fassadenöffnungen in die Gefache integriert. Eine Treppenanlage auf der südlichen Seite des Hofs führt zum neuen Architekturbüro im Dachgeschoss.

Arbeiten unter historischem Eichendachstuhl

Im Büro und in den Dachräumen der nördlichen Wohnungen wird, dank einer Aufsparrendämmung, der ertüchtigte Eichendachstuhl sichtbar.  Eine auffällige gelbe Faltwerktreppe aus Stahl setzt im Architekturbüro einen farbenfrohen Akzent und dient gleichzeitig als Verstärkung des Holztragwerks. Die bunten Stufen führen zu einer weiteren Ebene, auf der sich ein kleines Bad für Büromitarbeitende sowie zwei weitere Arbeits- und Besprechungsräume befinden. Die hinzugefügten Fensterbänder an den Längsseiten des großen Daches versorgen die oberen Etagen mit ausreichend Tageslicht.

Details an Türen und Fenstern

Im Innenraum setzen schwarze Druckgussgriffe mit Rundrosetten an den hellen Holztüren effektvolle Akzente. Für die Haustüren der drei Wohnungen kamen Edelstahlgriffe mit oval geschraubter Rosette zum Einsatz. Das Material zeichnet sich durch hohe Festigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen mechanische Einwirkungen und Abrieb aus und eignet sich daher besonders gut für stärker frequentierte Gebäudeöffnungen.

Bei genauerem Hinsehen sind an den nach außen öffnenden Klappfenstern im Dachgeschoss sogenannte Kettenstellantriebe zu erkennen. Die kompakten Bauteile bestehen aus einer Antriebseinheit mit einer Kette, die in einem Gehäuse untergebracht ist und von einem elektrischen Motor betrieben wird. Durch Betätigung per Fernbedienung oder Schalter wird die Kette bewegt, wodurch sich das Fenster öffnet oder schließt. Kettenstellantriebe kommen häufig bei Kipp- oder Klappfenstern sowie bei Oberlichtern und schwer erreichbaren Fenstertypen zum Einsatz.

An der Eingangstür des Architekturbüros fällt ein weiteres Detail auf: Ein metallischer Stoßgriff in abgestufter Form ist an der Tür mit quadratischer Fensteröffnung montiert und greift in seiner Gestaltung die Form des schlichten Treppengeländers auf. Der längliche Beschlag verleiht dem Eingang einen modernen und funktionalen Touch, der subtil mit der historischen Bausubstanz der alten Scheune kontrastiert. -sms

Bautafel

Architektur: Architekturbüro Manderscheid, Tübingen
Projektbeteiligte: Dipl.-Ing. Verena Klar (Bauleitung); Ingenieurbüro Felix Mildner, Tübingen (Tragwerksplanung); Dr. Ulrike Henes-Klaiber (Beratung Abdichtung Sockelmauerwerk); Friedrich Rau, Albstadt (Energieberatung); Katja Manderscheid (Fliesengestaltung Wohnung Süd); Randi A/S, Menden (Hersteller Beschläge; Dreh-Kipp-Fenster- und Türgriffe: Randi 1743; Haustür: Randi 1010 mit ovaler geschraubter Rosette)
Bauherr*in: Baugemeinschaft Scheune
Fertigstellung: 2020
Standort:
Sieben-Höfe-Straße 147, 72072, Tübingen
Bildnachweis: Johannes-Maria Schlorke, Saarbrücken (Fotos); Architekturbüro Manderscheid, Tübingen (Pläne)

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