ZUR3 Data Center in Zürich
Verschleiert mit Steckmetallwellen
Ein Rechenzentrum in der Schweiz – wer denkt da nicht zuerst an das Swiss Fort Knox in der Schweizer Alpenfestung? Nicht versteckt in den Bergen, sondern strategisch günstig am Flughafen Zürich gelegen ist hingegen das ZUR3 Data Center. Es befindet sich nur ein paar hundert Meter südwestlich des Rollfeldes, direkt neben einem Trainingscenter der Lufthansa und einem Bürohaus der Bank UBS. 2024 wurde der von Gruner & Friends geplante Datenspeicher fertiggestellt.
Der Name ZUR3 legt die Frage nahe, ob es auch ZUR1 und ZUR2 gibt. Tatsächlich handelt es sich um einen Campus mit drei Rechenzentren. Das erste ging bereits um das Jahr 2000 in Betrieb, ZUR2 entstand rund 20 Jahre später, unter Federführung des niederländischen Colocation-Anbieters Interxion. In diesem Zuge wuchs der Standort laut Beitreiber um 12 Megawatt IT-Leistung zum „führenden Cloud-Hub“ der Schweiz, mit Direktverbindungen zu Amazon Web Services, Microsoft und Google geworden. 2020 übernahm der US-Konzern Digital Reality das Interxion-Geschäft, zu dem heute weltweit mehr als 300 Rechenzentren gehören.
Große Rechner, große Zahlen
Noch vor Fertigstellung von ZUR2 begannen die Planungen für ZUR3. Der Neubau bietet 31.000 m2 Nutzfläche, davon stehen 11.400 m2, sprich etwa anderthalb Fußballfelder, den Kund*innen zur Verfügung. 24 MW Leistung benötigt ZUR3, alle drei Rechenzentren zusammen kommen auf 40 Megawatt – etwa soviel 8.000 Schweizer Durchschnittshaushalte. Das Gebäude wird laut Unternehmensangaben „mit 100 % grünem Strom“ betrieben.
Die drei Baukörper L-förmig sind entlang der letzten scharfen Straßenbahnkurve vor dem Flughafen platziert. Im Süden steht ZUR1, mit zwei bis drei Geschossen auf einer Fläche von ca. 50 x 60 m. Nordwestlich davon folgt ZUR2, mit rund 60 x 70 m Grundfläche und fast 25 Metern Höhe. Nahezu in der Flucht, aber mit etwas Abstand, folgt das etwas niedrigere, aber doppelt so lange Volumen von ZUR3. Die beiden älteren Rechenzentren sind ebenerdig durch einen verglasten Gang verbunden, ZUR2 und ZUR3 durch eine zweigeschossige Brücke.
White Space und Grey Space
Teils eingegraben in künstlich ansteigendes Geländes hat ZUR3 im Südwesten drei oberirdische Geschosse und im Nordosten vier, zuzüglich der Technikaufbauten. Die IT-Räume weisen etwa vier Meter Deckenhöhe. Hinzu kommen die in Rechenzentren üblichen hohen Doppelböden für die Kühlung – fast 60 cm messen sie. Der Haupteingang von ZUR3 3 befindet sich an der Gebäudewestecke, gut 100 Meter von der Straßenbahnhaltestelle entfernt.
Der südwestliche, ZUR2 zugewandte Teil bildet ein drei- bis viergeschossiger Kopfbau. In den 60 m breiten und 30 m tiefen Bürotrakt ist ein länglicher Hof mit zentralem Grünstreifen eingeschnitten. Auf der übrigen Grundfläche von 110 x 60 m ist Platz für die Fein- und Grobtechnik des Rechenzentrums. Dazu gehören einerseits der sogenannte White Space mit den Server-Racks, Switches und Datenspeichern und andererseits der Grey Space mit Klimatechnik, Elektrik, Energieversorgung, Löschmitteln, Notstromaggregaten und Batterieräumen.
Fassade: durchlässiger Vorhang
Die Architekten interpretierten die Fassade als schützenden „Datenvorhang“ mit gebogenen Streckmetallpaneelen. Die geschosshohen Aluminiumgitter sind in zwei Chromtönen eloxiert. Zum Einsatz kamen sechs Typen, die sich in Breite und Profil unterscheiden, und zusammen eine lebendige, semitransparente Wellenstruktur ergeben.
Ziel war es, dem mächtigen Baukörper mit mehr als 8.000 Quadratmetern Fassadenfläche die Schwere zu nehmen: Entmaterialisierung als Ausdruck des Digitalen. Zugleich fassen die gewellten Paneele ganz unterschiedliche Bereiche wie den Büroteil und die Transformatoren des Grey Space optisch zu einer Einheit zusammen. Mit einem Öffnungsanteil von 42 Prozent gewährleisten sie Wärmeableitung und Kühlung, erlauben zudem hinreichend Durchblicke. Verglichen mit anderen Rechenzentren, mutet ZUR3 somit viel weniger als Blackbox an.
Vor geschlossenen Wandbereichen wurde standardmäßig folgender Aufbau realisiert: Die bis 260 mm tiefen Streckmetallwellen werden von 60 mm tiefen, vertikalen Z-Montageprofilen gehalten. Nach einer Hinterlüftungsebene von 30 mm folgt eine diffusionsoffene, wind- und wasserdichte Fassadenbahn in RAL 9011 (Graphitschwarz), die die 200 mm starke Glaswollschicht schützt. Zwischen den Dämmplatten verbinden horizontale Aluminiumprofile die äußeren Fassadenschichten mit der tragenden, 300 mm starken Betonwand, in der auch die Fenster sitzen. Oberhalb der Attika besteht der Aufbau hinter den Z-Montageprofilen aus feuerverzinkten Stahlprofilen und einem Dachsystem mit Mineralwoll-Dämmkern.
Glatte Paneelhaut
Laderampen, Treppen und sekundäre Ausgänge setzen sich durch schwarze, pulverbeschichtete Aluminiumpaneele von den Streckmetallwellen ab. Der Haupteingang wird durch eine breite Glasfläche markiert. Ein zweigeteiltes Vordach erweckt hier den Eindruck, als sei der Streckmetall-Vorhang durchschnitten und nach oben geklappt worden. Die hofseitigen Bürofassaden zeigen umlaufende Fensterbänder und gebürstete Aluminiumverbundplatten mit gerundeten Kanten. Dunkle Aluminiumjalousien dienen als außenliegenden Sonnenschutz.
Die äußere Erscheinung wurde, ganz im Sinne einer „Fassadenfamilie“, auf das benachbarte ZUR2 abgestimmt. Dessen drei Geschosse sind mitsamt der Dachaufbauten ebenfalls von einer Streckmetallfassade verhüllt, die allerdings eben und weit durchlässiger ist.
Bautafel
Projektbeteiligte: Patrice Gruner, Jose Javier Gonzalez Menendez, Leandro Waquim, Krzysztof Marciszewski, Nafe Nafe, Diego Martinez, Neus Perez Martinez, Sofiia Rokhmaniiko, Pablo Fernandez, Sara Del Valle, Jakub Tomaszczyk, Julienne Zürn, Bianca Arciero (Entwurfsteam); Gruner (Generalplanung, Tiefbau, Brandschutz); GRUNER&FRIENDS International, Basel (Fassadenplanung), Emch+Berger, Bern (Bautechnik), HKG Engineering, Aarau (Electroplaner), Gartenmann Enginering, Luzern (Bauphysik)
Bauherr*in: DPR Construction; Kundin: Digital Realty Switzerland, Zürich
Fertigstellung: 2024
Standort: Bäulerwiesenstrasse 6, 8152 Opfikon, Schweiz
Bildnachweis: GRUNER&FRIENDS, Basel (Fotos und Pläne)
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