Wohnprojekt Auenweide in St. Andrä-Wördern
Nachhaltiges Bauen und gemeinschaftliches Wohnen
Gemeinschaftliches Wohnen und ein nachhaltiger Lebensstil stehen im Vordergrund für eine Gruppe privater Bauherr*innen in St. Andrä-Wördern, einer Kleinstadt 30 km nördlich von Wien. Für die Umsetzung ihres Bauvorhabens gründeten sie einen Verein, finanziert wurde es über einen alternativen Vermögenspool. Die Planung der inmitten einer Flusslandschaft gelegenen Wohnanlage, die passenderweise Die Auenweide getauft wurde, übernahm das Team von einszueins architektur, das über Erfahrung mit Wohngruppen und ökologischem Bauen verfügt.
In einem partizipativen Prozess begannen die Baugruppe und die Architekt*innen 2018 mit der Zusammenarbeit. Über verschiedene Arbeitsgruppen trafen sie grundlegende Entscheidungen, etwa bei der Wahl der Baumaterialien, bis hin zu individuellen, die einzelne Wohneinheiten betrafen. Die eigentliche Bauphase reichte von 2020 bis 2022. Heute zählt die Anlage die 46 Bewohner*innen.
Integration in die Umgebung
Die Beteiligten strebten ein harmonisches Zusammenspiel von Wohnen und Natur an. Entsprechend sind die Gebäude so gestaltet, dass sie sich möglichst nahtlos in die umgebende Landschaft einfügen und einen minimalen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Auf diese Weise soll die Vision eines neuen ländlichen Zusammenlebens Wirklichkeit werden – als Alternative zum weit verbreiteten Einfamilienhaus. Durch die verdichtete Bauweise gelang es, das 1.200 m2 große Waldstück, das ein Fünftel des Baulandes ausmachte, zu erhalten und die umgebende Landschaft nicht zu dominieren. Beim Gebäudeentwurf ließen sich die Planer*innen von den Materialien und fließenden Formen der Auenlandschaft inspirieren. Große Fenster und Terrassen bieten den Bewohner*innen Ausblicke auf die Natur und ermöglichen eine direkte Verbindung zur Umgebung.
Um die grüne Grundstücksmitte, ein Platz mit Spielfläche und Feuerstelle, gruppieren sich acht Mehrfamilienhäuser und ein Gemeinschaftshaus aus Holz. Damit erinnert die Anlage an historische Dorfstrukturen. Dieser Bezug findet sich auch in der typologischen Vielfalt der Baukörper, die über unterschiedliche Geschosshöhen, Dachformen sowie Vor‐ und Rücksprünge verfügen. Zugleich bewirkt die einheitliche, vertikale Lärchenschalung, dass das Ensemble als Einheit empfunden wird.
Individuelle und gemeinschaftliche Bereiche
Die 25 unterschiedlich zugeschnittenen Wohneinheiten sind zwischen 35 und 115 m2 groß. Geachtet wurde auf Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Alle Wohnungen sind so konzipiert, dass sie sich veränderten Bedürfnissen und Lebensstilen der Bewohnenden anpassen können. Modulare Bauweisen, flexible Grundrisse und multifunktionale Räume ermöglichen es, die Wohnräume individuell anzupassen und zu gestalten.
Ein zentraler Aspekt des Projekts ist die Förderung des Gemeinschaftssinns und des nachbarschaftlichen Miteinanders. Durch die gemeinschaftliche Nutzung von zum Beispiel Gärten, Küchen und Werkstätten sowie Veranstaltungsflächen soll die soziale Interaktion und Zusammenarbeit gepflegt werden. Auch ein Co‐Working‐Space, eine Gästewohnung und das Gemeinschaftshaus unterstützen das Miteinander. Das schafft nicht nur ein Gefühl der Verbundenheit, sondern ermöglicht auch den Austausch von Wissen und Ressourcen.
Für ein nachhaltiges und leistbares Wohnen
Ein weiteres Anliegen der Baugruppe ist ein nachhaltiges Ressourcenmanagement, ohne dass dabei auf Komfort oder Behaglichkeit verzichtet werden muss. Neben dem Einsatz von erneuerbaren Energien werden ressourcenschonende Wasser- und Abfallwirtschaftskonzepte verfolgt. Eine Grundwasser-Wärmepumpe und ein Niedertemperatur-Nahwärmenetz sind vorhanden, ebenso Photovoltaikanlagen und Systeme zur Regenwassernutzung. Hinzu kommt die gemeinschaftliche Nutzung von Autos, Fahrrädern und Maschinen. Um weiter zu ermutigen, nachhaltige Lebensstile ist Bildungsarbeit, in Form von zum Beispiel Workshops und Seminaren Bestandteils des Wohnprojekts.
Besonders wichtig war der Bauherr*innen wie auch den Planer*innen, dass die ökologische Siedlung finanziell leistbaren Wohnraum bietet. Hierfür sorgt ein spezielles Finanzierungskonzept: Über einen Vermögenspool, der bereits in den ersten zweieinhalb Monaten eine Summe von 650.000 Euro generierte, konnte der Verein 2018 das Grundstück kaufen und anschließend das gesamte Bauvorhaben finanzieren. Die Bewohner*innen mieten ihre Wohnungen vom Verein, zu einem Preis von ca. 9 Euro pro Quadratmeter, inklusive Betriebskosten und Heizung.
Zur Senkung der Baukosten trug bei, dass alle Gebäude des Wohnprojektes ohne Bauträger in Selbstorganisation entstanden. Auch im handwerklichen Bereich legten die Bewohner*innen selbst mit Hand an. Überdies sorgte ein hoher Grad an Standardisierung für eine wirtschaftliche Bauweise. Zum Einsatz kamen Grundmodule mit gleichen Deckenspannweiten, die sich gedreht und gespiegelt zu ähnlichen, aber nicht gleichen Häusern zusammenfügen ließen.
Nachhaltige Bauweise
Bei den Gebäuden handelt es sich um Niedrigstenergiehäuser, die allesamt als Holzständerbauten gefertigt wurden. Ihre Außenwände sind von innen mit Lehmbauplatten und Lehmfeinputz beplankt. Gedämmt wurden die Gebäude mit Jute und Stroh. Stroh kam als Einblasstrohdämmung nicht nur im Holzständerwerk, sondern auch bei den zweischaligen Sandwich-Holzelementen der Außenwände sowie bei den Steildächern zum Einsatz. Die Jute-Dämmplatten schnitt die Bewohnerschaft selbst mit der Kreissäge zu und verlegte sie dann bei der innenliegenden Installationsebene und in den nicht tragenden Trockenbau-Innenwänden.
Außenwandaufbau (von außen nach innen):
- Holzschalung Lärche, vertikal (vier unterschiedliche Breiten) 20 mm
- Konterlattung Lärche (schwarz gestrichen) 30 mm
- Lattung Lärche 24 mm
- Holzfaserplatte, diffusionsoffen 15 mm
- Holzriegel laut Statik, dazwischen Einblasstrohdämmung 280 mm
- OSB-3-Platte (Luftdichtheitsebene, Stöße verklebt) 15 mm
- Gipskartonfeuerschutzplatte 15 mm
- Installationsebene (Dämmjute) 60 mm
- Lehmbauplatte 22 mm
- Lehmfeinputz 5 mm
- Tonziegel
- Dachlattung 40 mm
- Konterlattung 50 mm
- Nageldichtungsband 2 mm
- Schalungsbahn
- Rauschalung 24 mm
- Dachsparren (inkl. Aufdopplung),
- dazwischen Einblasstrohdämmung 340 mm
- OSB-Platte 15 mm
- Dampfbremse
- Installationsebene (Dämmjute) 50 mm
- Gipskarton 15 mm
Bautafel
Architektur: einszueins architektur, Wien
Projektbeteiligte: Thomas Bauer (Projektsteuerung); Elisa Millonig (Landschaftsplanung); Kurt Pock/KPZT (Statik); Christian Demuth/DEM (Bauphysikplanung); Lemp Energietechnik (Haustechnikplanung); Gerhard Zimmel (Elektroplanung); Bernhard Fin (Bauleitung), Lieb Bau Weiz, St. Ruprecht an der Raab (Massivbau und Holzbau); Lemp Energietechnik, Rastenfeld (HKLS); Berger Elektrotechnik, Waidhofen/Thaya (Elektro); Schinnerl Metallbau, Tulln (Metallbau); Resch Dach, Zeiselmauer (Spenglerarbeiten); Key-Project Baumanagement und Bausanierung, Weikersdorf (Lehmbauplatten/Trockenbau); Pichler Trockenbau, Wien (Trockenbau); Hasslinger Fenster & Türen, Wiener Neustadt (Fenster); Bodenholz Kurt Jelinek, Hartberg (Holzböden); Fuchsberger, Amstetten-Mauer (Fliesen); Alois & Thomas Pichler, Mariapfarr (Hauseingangstüren); ABO (Außenflächen); Haas Garten-, Dach- u. Landschaftsbau, Wallsee-Sindelburg (Gründächer)
Bauherrschaft: Verein Wohnprojekt Wördern
Fertigstellung: 2022
Standort: Etzelstraße 5, 3423 St. Andrä-Wördern
Bildnachweis: Hertha Hurnaus (Fotos); einszueins architektur (Pläne)
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