Wohnhaus Miteinander im Wiesental in Aachen
Genossenschaftliches Passivhaus
Das Mehrfamilienhaus Miteinander im Wiesental in Aachen ist alles andere als gewöhnlich: Hier leben Menschen verschiedener Generationen, die das Ziel hatten, ein sozial nachhaltiges und klimagerechtes Haus für die Gemeinschaft zu schaffen. Die dazu gegründete Genossenschaft hat das Projekt initiiert und finanziert und den Planungs- und Bauprozess bis zur Fertigstellung 2023 begleitet. Der fünfgeschossige Bau mit seinen vielen Dachterrassen und Balkonen entstand nach Entwürfen des Kölner Büros – Waldmann & Jungblut Architekten.
Genossenschaft als Bauherrin
Das Grundstück befindet sich auf einer ehemaligen Brachfläche am nordwestlichen Stadtrand, in Nachbarschaft einiger Gewerbehallen, Kleingärten und weiterer neuer Wohnhäuser. Die Baugemeinschaft erhielt das Bauland von der Stadt Aachen im Erbbaurecht, in Verbindung mit einer festen Quote sozial geförderter Wohnungen. Damit der entstehende Wohnraum langfristig bezahlbar bleibt, gründete man für Bau und Betrieb des Wohnprojekts eine Genossenschaft unter dem Dach der Ko-Operativ eG Bochum. Die Einlagen sind einkommensabhängig gestaltet und die Mieten rein kostenorientiert veranschlagt.
Ein Polygon für alle
Die polygonale Grundfläche des Baukörpers ergab sich einerseits aus dem außergewöhnlichen Zuschnitt des Baufelds, andererseits durch den Wunsch, Dachterrassen und Balkone als private Außenbereiche zu schaffen. Insgesamt 18 Wohnungen zwischen 47 und 133 Quadratmetern sind entstanden, davon 40 Prozent als geförderter Wohnraum. Grundrisse und Ausstattung wurden den Wünschen der Bewohnenden entsprechend gestaltet. Zusätzlich stehen ein Gemeinschaftsraum, ein Multifunktionsraum, eine Gästewohnung und eine Dachterrasse zur Verfügung.
Im Erdgeschoss, zwischen Eingang und Treppenhaus gelegen, sind der Gemeinschaftsraum und sein angrenzender Außenbereich ideale Treffpunkte und für externe Veranstaltungen nutzbar. Die Gäste der Hausgemeinschaft finden in der kleinen Wohnung direkt neben dem Gemeinschaftsraum Platz. Ebenfalls im Erdgeschoss befindet sich der sogenannte Multifunktionsraum, der als Waschküche, Fahrradgarage und Werkraum dient. Gemeinschaftlich genutzt wird außerdem die Dachterrasse.
An der Fassade ist die Aufteilung in gemeinschaftliche und private Nutzungsbereiche ablesbar: Das Erdgeschoss ist verputzt, die vier Wohngeschosse darüber sind mit hinterlüfteten Douglasienholzlatten verkleidet. Die Außenwände wurden in einer hochgedämmten Holzständerbauweise umgesetzt.
Bei dem Hybridbau wurden das Erdgeschoss sowie das zentrale Treppenhaus in Stahlbeton erstellt – aufgrund von Anforderungen an Schallschutz, Brandschutz sowie zur Aussteifung und Gründung. Für die Obergeschosse wählte man eine Holzständerkonstruktion. Im Vergleich zu anderen Bauweisen steckt damit deutlich weniger graue Energie in Wänden und Decken. Zudem reduzierte die Vorfertigung der Wand- und Deckenelemente die Montagezeiten auf der Baustelle. Die im Innenraum teilweise sichtbar belassenen Holzdecken sind ein Pluspunkt für den Wohnkomfort.
Passivhaus in XXL
Damit der fünfgeschossige, polygonale Baukörper den KfW-40- bzw. Passivhausstandard erreichte, mussten hohe Anforderungen an die Gebäudehülle erfüllt werden. Die Stahlbetonwände im Erdgeschoss messen 200 mm, die außenseitig angebrachte Mineralwolldämmung 240 mm. Im Obergeschoss befindet sich hinter der Schalung aus 30 mm starkem, unbehandeltem Douglasienholz eine Holz-Unterkonstruktion mit 50 mm Belüftungsraum. Die 160 bis 240 mm tiefen Zwischenräume der Holzständerkonstruktion vollständig mit Mineralwolle, Zellulose-Einblasdämmung oder Holzfaserdämmstoffen ausgedämmt.
OSB-Platten oder Dampfbremsbahnen sorgen für die geforderte Luftdichtheit im Passivhausbau und verhindern den Eintrag von Feuchtigkeit aus dem Innenraum in die Konstruktion. Raumseitig folgt eine Holzlatten-Konstruktion, ausgedämmt mit einer weichen Holzfaser- oder Hanfdämmplatte. In dieser Ebene werden Kabel und Leitungen geführt, ohne die wichtige Luftdichtheitsschicht zu verletzen. Als Innenbekleidung kamen Gipsfaser- oder Gipskartonplatten, teils auch sichtbare Holzwerkstoffplatten zum Einsatz. Auch die opaken Außenbauteile mussten sehr gute Dämmwerte aufweisen.
Zur Vermeidung von Wärmebrücken wurden kritische Detailpunkte wie Loggien, Balkone und auskragende Dachterrassen vollständig thermisch entkoppelt. Die Luftdichtheitsschicht wurde akribisch geplant und ausgeführt, sodass unkontrollierte Fugenlüftungs-Wärmeverluste verhindert und die Effizienz der Lüftungsanlage gewährleistet werden. Schließlich erreicht die Außenwandkonstruktion einen U-Wert im Bereich von 0,11 bis 0,13 W/(m2K).
Energie- und Lüftungskonzept
Herzstück der Wärme- und Kälteerzeugung ist eine hocheffiziente Sole-Wasser-Wärmepumpe. Im Vorfeld wurde eine präzise thermische Gebäudesimulation durchgeführt. Durch die Optimierung des Jahreswärmebedarfs ließen sich die Erdbohrungen von ursprünglich 14 auf vier reduzieren. Das System ermöglicht im Sommer eine latente Kühlung über die Niedertemperatur-Fußbodenheizung – sogenanntes Free Cooling.
Das Lüftungskonzept sieht vor, dass jede Wohneinheit mit einer kontrollierten Zu- und Abluftanlage inklusive hocheffizientem Wärmetauscher ausgestattet ist. Die Wärmerückgewinnung aus der Abluft sichert die Einhaltung des extrem niedrigen Passivhaus-Heizwärmebedarfs. Eine großflächige PV-Anlage liefert den Großteil des Betriebsstroms für die Wärmepumpe sowie den Allgemeinstrom des Gebäudes.
Auf dem Prüfstand
Das Regionale Netzwerk ressourceneffizientes Bauen (ReNeReb) untersuchte und evaluierte das Wohnhaus. Dabei wurde ermittelt, dass die Außenhülle zu über 80 % aus erneuerbaren Rohstoffen besteht, Tragwerk und Innenausbau zu über 50 %. Das Potenzial für eine spätere Wiederverwendung der Fassadenbauteile liegt durch die im Holzbau übliche Trennung der Konstruktionsschichten ebenfalls bei über 80 %. Bis zu 60 % der Dach- und Dachterrassenflächen sind mit einer intensiven sowie extensiven Dachbegrünung ausgeführt. Diese verbessert nicht nur den sommerlichen Wärmeschutz der obersten Geschosse, sondern dient auch der lokalen Biodiversität und der Regenwasserretention.
Bautafel
Architektur: office03 – Waldmann & Jungblut Architekten, Köln
Projektbeteiligte: DREIPLUS Landschaftsarchitektur, Aachen (Landschaftsarchitektur/Freianlagen); Walter + Reif Ingenieurgesellschaft, Aachen (Tragwerksplanung/Statik); P3 Planungsgesellschaft, Aachen (TGA-Fachplanung); Karin Hater, Aachen 8Prozessbegleitung & Gruppenmoderation)
Projektträger/Genossenschaft: Ko-Operativ NRW, Bochum
Nutzergruppe/Projektgruppe: Schöner Wohnen im Wiesental (Miteinander im Wiesental)
Standort: Burggrafenstraße 21, 52068 Aachen
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Viola Epler, Köln (Fotos); office03 – Waldmann & Jungblut Architekten, Köln (Pläne)
Fachwissen zum Thema
Deutsche Rockwool | Kontakt 02043 / 408 408 | www.rockwool.de