Wohnen im ehemaligen Weinlager in Basel

Stahlgerüste und Holzstützen ergänzen Betonstruktur

Auch in Basel sind kostengünstige Wohnungen für Familien mit geringem Budget rar. Die in der Schweizer Kulturmetropole ansässige Stiftung Habitat setzt sich dafür ein, bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum zu schaffen. Dabei zeigt sich die gemeinnützige Wohnbauträgerin mit einem offenen Ohr für Menschen mit besonderen Bedürfnissen kreativ. Sie unterstützt Familien, Alte und Behinderte, die Schwierigkeiten haben, leistbaren Wohnraum zu finden. Zudem engagiert sie sich für Quartiertreffs, Grünflächen und die Gestaltung von öffentlichem Raum, wobei sie meist im Stillen agiert.

An den Längsseiten ist dem ehemaligen Weinlager eine Stahlkonstruktion mit Balkonen vorgestellt (Blick Richtung Nordosten).
Straßenansicht des neuen Kopfbaus mit Faltmarkisen (von Norden)
Ansicht vom benachbarten Hof

Um eine lebendige Mischung aus Wohnen, Gewerbe und Kultur zu erzielen, hat sich die Revitalisierung von Industriebrachen als stadtplanerisches Mittel bewährt. So auch im Basler Stadtteil St. Johann: Auf einem ehemaligen Verteilzentrum des Großhändlers Coop, zwischen historischen Blockrandbebauungen und den Industrie-Großstrukturen des Lysbüchel-Areals, hat die Stiftung Habitat gemeinsam mit Esch Sintzel Architekten aus Zürich ein gemischtes Quartier mit bezahlbarem Wohnraum geschaffen.

Mischnutzung für ein ehemaliges Industriegebiet

Teil des Quartiers ist ein ehemaliges Weinlager, für dessen Umbau eine Mehrfachbeauftragung erfolgte mit insgesamt vier Büros. Der Entwurf von Esch Sintzel Architekten sieht ein Café, Gewerbe, ein Fitnessstudio und einen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, Wohnnutzung in den Obergeschossen und eine gemeinschaftliche Dachterrasse vor. Assoziationen zu Le Corbusiers „Unité d’Habitation“ in Marseille liegen nahe.

Der mächtige und prägnante Gebäuderiegel des Weinlagers entstand in den 1950er Jahren – mit Fasslager, Abfüllanlagen und Büroflächen. Bereits mehrfach umgebaut und auch aufgestockt, bot der erneute Umbau einige Herausforderungen – nicht zuletzt aufgrund des biegeweichen Betonskeletts, welches nach Rückbau der alten Aufstockungen aus den Siebziger Jahren verblieb.

Neue Kopfbauten und flankierende Stahlskelette

Die Pläne sahen eine Aufstockung mit drei Wohngeschossen und einem Dachgeschoss mit Gemeinschaftsräumen, Waschküche und Dachterrasse vor. Um das zu realisieren und das Gebäude heutigen Anforderungen entsprechend gegen Erdbeben zu ertüchtigen, stabilisierten die Architekten den Gebäuderiegel mit zwei massiven Kopfbauten. An den Längsseiten addierten sie eine durchlaufende Stahlskelettkonstruktion mit Balkonen. Dafür mussten massive und tragende Brüstungen entfernt werden. Heute übernehmen geschälte und getrocknete Fichtenstämme die Lastabtragung und bilden einen wirkungsvollen Kontrast zu den sichtbar belassenen, rauen Betonoberflächen des Industriebaus, insbesondere den skulpturalen und mächtigen Pilzstützen, die teils mitten im Raum stehen.

Vielfalt der Erschließung und Wohnungsgrößen

Insgesamt 64 Wohneinheiten sind neu entstanden, auf Etagen mit Mittelfluren, als Dreispänner, mit Laubengängen und als Maisonettes. Unterschiedlich sind auch die Wohnungsgrößen: von 1,5-Zimmer-Apartments bis zu 7,5-Zimmer-Familienwohnungen. So vielfältig die Erschließung und Wohnungstypologien auch sind – alle zeichnet eine schlichte und zurückhaltende Gestaltung der Innenräume aus. Der Charme der Industrievergangenheit ist nach wie vor prägend, mit rauen Stahlbetonoberflächen und Pilzstützen im Inneren der Wohnungen.

Ökologische Aspekte

Um Ressourcen zu schonen und Graue Energie zu nutzen, ist eine Umnutzung im Vergleich zu Abriss und Neubau ökologisch (und nicht selten auch ökonomisch) sinnvoll. Mehr als 40% Energie ließen sich durch Weiterverwendung der alten Stahlbetonstruktur einsparen. Dank regenerativer Energiesysteme wie einer Photovoltaikanlage und einer Grundwasser-Wärmepumpe liegt der Gesamtenergieverbrauch im Betrieb um knapp zwei Drittel unter dem eines Referenzgebäudes.

Brandschutzaspekte: Qualitätssicherungsstufen (QSS)

Ähnlich der deutschen Einordnung eines Gebäudes in eine Gebäudeklasse gemäß Musterbauordnung (MBO) bzw. der jeweiligen Landesbauordnung (LBO) erfolgt die Klassifizierung in der Schweiz in vier Stufen der Gebäudekategorie, den Qualitätssicherungsstufen (QSS). Diese sind – analog zum deutschen Baurecht – maßgeblich für die zu erfüllenden Brandschutzanforderungen. Die Einstufung erfolgt nach Nutzung, Gebäudegeometrie (Gebäudehöhe, Ausdehnung), Bauweise und besonderen Brandrisiken. Gemäß der Brandschutz-Richtlinie „Qualitätssicherung im Brandschutz” der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) ist das Gebäude in „Kategorie QSS 3” eingestuft. Allerdings nur, weil die Gesamtfläche den Grenzwert um etwa 200 Quadratmeter überschreitet; alle anderen baulichen und technischen Faktoren sprechen für eine Einstufung in „Kategorie QSS 2”.

Die Brandschutzbehörde bestimmt die Qualitätssicherungsstufe (QSS 1 bis 4) und kann bei wesentlichen Gründen oder Projektänderungen für das gesamte Gebäude oder Teile davon eine höhere oder niedrigere Stufe festlegen. Da die Flächenüberschreitung relativ gering ist und das Projekt keine besonderen Brandrisiken oder hohe Anforderungen an den technischen Brandschutz aufweist, ließ sich das Bauvorhaben letztendlich in die „Kategorie QSS 2” mit deutlich geringeren Anforderungen einstufen.

Auf Abbrand bemessene Holzstützen

Holz ist ein natürlicher und brennbarer Baustoff. Im Brandfall entsteht auf seiner Oberfläche eine isolierende Kohle- und Pyrolyseschicht, die den sogenannten Abbrand kontrolliert. Die Temperatur fällt in den ersten Millimetern schnell ab, sodass im Inneren des Holzes die Festigkeits- und Steifigkeitseigenschaften weitgehend erhalten bleiben. In Deutschland gelten für die Bestimmung des Abbrands hauptsächlich DIN 4102-22: Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen – Teil 22: Anwendungsnorm zu DIN 4102-4 auf der Bemessungsbasis von Teilsicherheitsbeiwerten sowie DIN EN 1995 Teil 1-2: Eurocode 5: Bemessung und Konstruktion von Holzbauten – Teil 1-2: Allgemeine Regeln – Tragwerksbemessung für den Brandfall.

Die Entzündungstemperatur von Holz hängt neben der Rohdichte und Feuchtigkeit auch von der Dauer der Erwärmung ab. So kann sich Holz bei einem lang anhaltenden Hitzestau bereits ab etwa 120°C entzünden. Für die statische Dimensionierung des Restholzquerschnitts nach einer festgelegten Branddauer wird zwischen einseitigem und mehrseitigem Abbrand – wie etwa bei Stützen – unterschieden. Bei Rundstützen bzw. abgerundeten Stützen wird die ideelle Abbrandrate βn verwendet, die aufgrund der Eckausrundung höhere Werte aufweist. Die neuen Holzstützen des Weinlagers (welche die ehemaligen Massivbrüstungen ersetzen) sind so bemessen, dass sie im Brandfall den Anforderungen entsprechend lange brennen, bis zu acht Zentimeter Durchmesser (also radial vier Zentimeter je Seite) verlieren und dennoch alle Lasten abtragen können.

Bautafel

Architektur: Esch Sintzel Architekten, Zürich
Projektbeteiligte: Laurent Burnand, Seraina Spycher, Laura Zgraggen, Nahuel Barroso, Andreas Hasler, Luca Helbling, Witold Kabirov, Xijie Ma, Nadja Moser, Eva-Maria Nufer, Johannes Senn, Marco Rickenbacher (Mitarbeiter); Proplaning, Basel (Baumanagement und Bauleitung); Aerni + Aerni Ingenieure, Zürich und Aegerter & Bosshardt, Basel (Tragwerksplanung); Gartenmann Engineering, Basel (Bauphysik und -akustik); Bogenschütz, Basel (HKL-Planung); Technik im Bau, Luzern (Sanitärplanung); Edeco, Aesch (Elektroplanung); Stauffer Roesch, Basel (Landschaftsarchitektur); Büro Berrel Gschwind, Basel (Signaletik); Archfarbe, Andrea Burkhard, Zürich (Farbberatung)
Bauherr/in: Stiftung Habitat, Basel
Standort: Weinlagerstraße 11, 4056 Basel
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Philip Heckhausen, Zürich

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