Wohn- und Atelierhaus Bläsi in Basel

Raumgliedernder Erschließungskern

Die Gegend um den Bläsiring in Kleinbasel ist gespickt von herausragender Architektur. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der brutalistische Bau mit halbrunden Betonbalkonen, der 1963 nach Plänen von Courvoisier Müller Storck Zurbuchen errichtet wurde. Wenige Meter weiter, am Bläsiring 124, haben Buchner und Bründler 2012 einen raffinierten Wohnturm aus Beton realisiert und an der Ecke Bläsiring/Hammerstraße erhebt sich mit der 1981 fertiggestellten Wohnüberbauung von Diener und Diener eine weitere Architekturikone. Zwischen diese markanten Gebäude reiht sich ein neues Wohn- und Atelierhaus mit Satteldach und horizontal gegliederter Fassade. Geplant wurde der viergeschossige Bau vom jungen Basler Archtekturbüro Wallimann Reichen.

Horizontale Bänder aus anthrazitfarbenem gewelltem Faserzement und große außenbündige Aluminiumfenster gliedern die minimalistische Fassade.
Von außen lässt sich bereits die Liebe zum Detail und zum rohen Material erkennen, die sich auch durch die Innenräume zieht.
Das Innere des Gebäudes gliedert sich in drei Regelgeschosse, ein Erdgeschoss mit Atelier und ein zur Maisonette ausgebautes Dachgeschoss.

Gewellte Fassade

Zur Straße hin präsentiert sich das Gebäude in zurückhaltender Simplizität. Horizontale Bänder aus anthrazitfarbenem Wellfaserzement und große außenbündige Aluminiumfenster gliedern die minimalistische Fassade. Schon von außen lässt sich die Liebe zum Detail und zum rohen Material erkennen. Etwa wurden die Fensterbleche entsprechend der welligen Gebäudehülle lasergefräst, sodass sie bündig abschließen. Die hellen Stoffmarkisen verschwinden dank einer Umlenkrolle nahezu unsichtbar im Sturz.

Aus Wohnraum wird Loggia

Die bebaute Grundstücksfläche misst gerade einmal 7,20 × 10 Meter, oder wie Christoph Reichen es in einer Präsentation bei der Swiss Live Perfomance 2022 ausdrückte: „etwas breiter als ein Bagger“. Eingeklemmt zwischen zwei Brandmauern sollte ein Wohngebäude für mehrere Parteien entstehen. Die Planenden sahen sich mit der Herausforderung konfrontiert, dass der im Grundriss prägnante Erschließungskern in einem Missverhältnis zu der nur rund 50 Quadratmeter großen Wohnfläche pro Regelgeschoss stehen könnte. Durch die bedachte Positionierung des Kerns konnte weitestgehend auf Innenwände verzichtet werden. Die vertikale Erschließung dient als raumgliederndes Element: Um die Treppe herum gehen Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad. Bei Bedarf lassen sich einzelne Räume mittels Schiebewänden abtrennen. Der Wohnbereich liegt zur Straße hin an der Südseite, das Schlafzimmer an der ruhigeren Nordseite. Werden die großen südseitigen Hebeschiebefenster geöffnet, verwandelt sich der Wohn- und Essbereich in eine luftige Loggia. So werden fehlende Balkone kompensiert.

In Abgrenzung zu den Stockwerken eins bis drei stehen das Atelier im Erdgeschoss und das ausgebaute Dachgeschoss, in dem sich eine Maisonettewohnung befindet. Sowohl die Dachgeschosswohnung als auch das Atelier reichen über zwei Ebenen: Während das Erdgeschoss partiell nach unten erweitert wurde, verfügt die oberste Wohnung über eine Galerieebene.

Raumgliedernder Erschließungskern

Die zentrale Treppe wurde vor Ort aus Beton gefertigt. Sie dient nicht nur der Erschließung, sondern teilt auch die ansonsten offenen Grundrisse in verschiedene Zonen. Umschlossen von einem massiven Betonkern und lediglich über ein Oberlicht erhellt, sind ihre charakteristischen Merkmale die halbkreisförmigen Wendepodeste, die zwischen den Regelgeschossen jeweils im Halbrund von Sichtbetonwänden umschlossen werden. Im Übergang zur Dachmaisonette bricht diese Form auf, der Radius des Treppenlaufs verjüngt sich und die Laufrichtung wird mittels einer Stufenverziehung umgelenkt, um ein Wendepodest zwischen den beiden Maisonette-Ebenen zu vermeiden.

Das Geländer in den Regelgeschossen des Treppenhauses besteht aus pulverbeschichtetem Stahl; die beidseitigen Handläufe setzen sich aus zwei standardisierten Stahlprofilen zusammen. Anders im Dachgeschoss, wo ein brettförmiges Holzgeländer der Personenführung dient. Auf den Betonstufen liegt ein grau melierter Teppich aus Kugelgarn, der für Rutschfestigkeit sorgt und der Akustik zugutekommt.

Der abgekapselte Treppenraum erhält durch die rohe Materialität der Wände und Stufen eine besondere Qualität. Ein schönes Detail ist eine kleine Ablagefläche für dekorative Objekte, die am Übergang zum Dachgeschoss zustande kommt. Die Enge des Treppenraums steht im Kontrast zum offenen Grundriss um den Betonkern herum. Dadurch entsteht trotz kleiner Grundfläche der Eindruck von Großzügigkeit. -np

Bautafel

Architektur: Wallimann Reichen, Basel
Projektbeteiligte: Caprez Ingenieure, Zürich (Tragwerksplanung); Steigmeier, Baden (Bauphysik und Akustik)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2021
Standort: Bläsiring 159, 4057 Basel, Schweiz
Bildnachweis: Rory Gardiner, London und Melbourne; Ivo Stani, Bern; Lukas Kissling, Bern; Wallimann Reichen, Basel

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