Timmerhuis in Rotterdam

Kolossaler Kistenstapel aus Isolierglas

Für eine ungewöhnliche Lösung entschied sich die Stadt Rotterdam, um dem Wohnungsmangel etwas entgegenzusetzen und gleichzeitg die Büros der Stadtverwaltung zu bündeln. Im Jahr 2009 schrieb sie einen Wettbewerb für einen Neubau aus, der beide Nutzungen unter einem Dach vereinen sollte und den das Architektenteam um OMA-Partner Reinier de Graaf mit seinem Entwurf für das Timmerhuis gewann. Wie schon bei der unweit entfernt gelegenen Markthalle von MVRDV gehen die Meinungen über das Ergebnis jedoch weit auseinander: Schrecklich und als spektakulären Fehler bezeichnen es die einen, fantastisch und bis ins Detail gelungen finden es die anderen.

Der schachtelartige Neubau erweitert das denkmalgeschütze Stadstimmerhuis, das ihn winkelförmig umschließt
In den oberen Etagen mit den Wohnungen löst sich die Gebäudestruktur des Timmerhuis pixelförmig auf
Die ungewöhnliche Mischnutzung wäre hierzulande wohl undenkbar

Was auch immer man von dem neuen Gebäude halten mag, unauffällig ist es gewiss nicht. Mit einer Höhe von 60 Metern und einer Nutzfläche von insgesamt 48.400 Quadratmetern füllt es das innerstädtische Grundstück hinter dem denkmalgeschützen Stadstimmerhuis, dem alten Gebäude des Stadtplanungsamtes, fast vollständig aus. Während der winkelförmige Bestandsbau aus dem Jahr 1953 im Rahmen der Baumaßnahmen saniert und mit dem Neubau an mehreren Stellen verbunden wurde, musste ein Erweiterungsbau aus den 1970er-Jahren weichen. An seiner Stelle stapeln sich nun Glaskisten übereinander, die im Norden einen 14-geschossigen Turm ausbilden, im Süden einen 11-geschossigen. Seine untersten fünf Etagen nehmen auf einer Fläche von 25.400 Quadratmetern die Büroräume der Behörde ein. Darüber verteilen sich auf 12.000 Quadratmetern 84 Wohnungen mit unterschiedlichen Grundrissen. Ihre Größen betragen zwischen 54 und 350 Quadratmeter, alle haben eine fast 50 Quadratmeter große Terrasse, in lediglich sechs Wohnungen sind die Grundrisse identisch.

Im Gebäudeinneren bricht die von außen erwartete Rasterung auf. Stattdessen entfaltet sich eine unerwartete Weite mit großen Atrien und einer fast 12 Meter hohen Passage. Sie verbindet den Großbau mit der Fußgängerzone Coolsingel und dient gleichzeitig als öffentlicher Platz sowie als Verteiler zu den Wohnungen. Ebenerdig befinden sich außerdem ein Café und das Museum für Stadtgeschichte, das anstelle des zunächst geplanten Bürgerzentrums eingezogen ist. Im Altbau nehmen Läden die zu den Straßen ausgerichteten Erdgeschosszonen ein. Der von Bewohnern und Behördenmitarbeitern gleichermaßen nutzbare Dachgarten befindet sich im fünften Obergeschoss. Die Bürogeschosse sind offen gestaltet und werden lediglich durch Besprechungsbereiche, Sitzgruppen und Teeküchen gegliedert; feste Arbeitsplätze für die insgesamt 1.800 Angestellten gibt es nicht. Zudem müssen sie sich 1.200 Schreibtische teilen, was durch Teilzeitbeschäftigung und Home-Office-Lösungen gelingt.

Das Primärtragwerk des Gebäudes besteht aus einem Stahlgerüst mit den Rastermaßen 7,20 x 7,20 x 3,60 Metern, das an verschiedenen Stellen in Erscheinung tritt. Es ist an nur zwei Erschließungskernen aufgehängt und kragt dort bis zu 21 Meter aus. Auf diese Weise gelang es, das Erdgeschoss komplett stützenfrei auszubilden.

Glas
Ausschlaggebend für die vielfach zitierte Pixelwolke, als die das Gebäude bezeichnet wird, ist die gläserne Rasterfassade, die von Hellblau bis Tiefgrau alle Farben des Himmels über Rotterdam aufnimmt. Bei ihr handelt es sich um eine Vorhangfassade mit Dreifach-Isolierverglasungen. Das übliche Glasformat beträgt 1.800 x 3.600 mm, die Verglasungen der Öffnungselemente sind lediglich 900 mm breit. Der Glasaufbau beträgt von außen nach innen: 6 mm TVG / 16 mm SZR / 5 mm Floatglas / 18 mm SZR / 2 x 6 mm Floatglas. Auf Position 2 und 5 sind Sonnenschutz- bzw. Wärmeschutzbeschichtungen aufgebracht. Außenseitig auf Position 1 ist zusätzlich ein keramisches Siebdruckmuster aufgedruckt.

Für Auflockerung sorgen gebogene Gläser, die in der Höhe versprigend, eine Fläche von 1.200 Quadratmetern im unteren Fassadenbereich ausbilden. Da innen keine Brüstungsriegel oder Holme gewünscht waren, mussten die Verglasungen außerdem absturzsichernd ausgeführt sein. Hierzulande wären sie entsprechend DIN 18008-4 Glas im Bauwesen – Bemessungs- und Konstruktionsregeln Teil 4: Zusatzanforderungen an absturzsichernde Verglasungen in Kategorie A einzuordnen.

Bautafel

Architekten: Office for Metropolitan Architecture / OMA, Rotterdam
Projektbeteiligte: ABT, Velp (Projektarchitekten); Scheldebouw, Middelburg (Fassadentechnik); Pieters Bouwtechniek, Amsterdam (Tragwerksplanung); Werner Sobek Green Technologies, Stuttgart (Nachhaltigkeitsbetrachtung); DGMR, Arnhem (Bauphysik, Brandschutz, Akkustik, Sicherheitstechnik); Deerns Raadgevende Ingenieurs, Rijswijk (TGA); Saint-Gobain Glassolutions – Döring, Berlin und Flachglaswerk Radeburg / Vetrotech (gebogenes Glas)
Bauherr: Stadsontwikkeling Rotterdam
Fertigstellung: 2016
Standort: Halvemaanpassage 1, 3011 AH Rotterdam, Niederlande
Bildnachweis: Sebastian van Damme und Ossip van Duivenbode für OMA

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