Sluishuis in Amsterdam

Nachhaltiges Gebäude im Wasser

Das noch junge Stadtviertel IJburg östlich der Amsterdamer Altstadt existiert erst seit der Jahrtausendwende. Durch die Aufschüttung von Land entstanden die drei Inseln Steigereiland, Haveneiland und Rieteilanden. Am westlichen Rand des Gebiets wurde jüngst der markante, elfgeschossige Wohnblock Sluishuis nach Plänen von Barcode Architects zusammen mit BIG errichtet, der mit einer einladenden Geste nicht nur einen gelungenen Abschluss des Quartiers bildet, sondern alle, die übers Meer nach Amsterdam kommen, eindrucksvoll willkommen heißt. In dem Gebäude gibt es eine vielfältige Wohnungsstruktur für unterschiedliche Einkommensschichten. Die Gebäudetechnik ist auf maximale Nachhaltigkeit, Energieeinsparung und Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner ausgelegt.

Der Strombedarf für Heizung, Wärmepumpen, Lüftungsanlage und Beleuchtung wird rechnerisch vollständig über eine 2.200 m² große Photovoltaikanlage gedeckt, die sich auf dem Dach und teilweise auf einer dem Steg vorgelagerten, schwimmenden Insel befindet.
Auf der landinneren Südseite sind an der „Schnittkante“ der keilförmig aus dem Volumen herausgeschnittenen Ecke großzügige Terrassen angeordnet
Die Treppen sind Teil eines Rundgangs über das Dach und gleichzeitig außenliegende Erschließung für die einzelnen Stockwerke.

Die formale Grundidee des Bauwerks ist im Grunde simpel: Aus einem 37 m hohen Block mit quadratischer, 86 × 86 m großen Grundfläche wurden zwei Ecken keilförmig herausgeschnitten. Auf der landinneren Südseite sind an der „Schnittkante“ großzügige Terrassen angeordnet, auf der zum Wasser orientierten Nordseite ist eine Art Toreinfahrt ins Blockinnere entstanden. Dort laden eine Treppenanlage und Stege aus Holz zum Verweilen ein. Die Fassade aus unbehandelten, matt spiegelnden Aluminiumtafeln reflektiert das Wasser, wodurch das Gebäude zu jeder Tageszeit ein anderes Aussehen erhält. Durchbrochen wird die Reflexion durch zahllose Balkone, die, angeordnet im strengen Raster, die Fassaden allseitig schuppenartig gliedern.

Große formale Geste

Rund um das Gebäude gibt es eine nach Norden spitz zulaufende Stegpromenade mit Anlegestellen für Sport- oder Hausboote, Aufenthaltsflächen und schwimmenden Gärten. Auch das Gebäude selbst ist Teil des öffentlichen Stadtraumes: Lange Treppen führen vorbei an den privaten Terrassen auf das Dach, wodurch ein der Allgemeinheit zugänglicher Rundweg entsteht. All diese Gestaltungselemente – die gestaffelten Balkone, der Weg, die Treppenanlage im Innenhof und die Stegpromenade – sollen Raum für zufällige Begegnungen schaffen und den soziale Zusammenhalt fördern, so der Wunsch aller Projektbeteiligten. Insgesamt gibt es in dem Gebäude neben Gastronomie- und Gewerbeflächen und einer Tiefgarage 442 Wohnungen, sowohl Miet- als auch Eigentumswohnungen für unterschiedliche Zielgruppen, Einkommensstufen und Altersklassen, vom kompakten Stadtstudio bis zur luxuriösen Premium-Wohnung. Über eine Besonderheit verfügen die Wohnungen am nördlichen Einschnitt, die quasi über dem Wasser „hängen“. Durch ein großes, schräges Fenster kann man direkt nach unten blicken und die vorbeifahrenden Boote beobachten.


Regenerative Wärme und Kälte

Der Einsatz eines nachhaltigen Energiekonzepts beim Sluishuis war ein wichtiger Bestandteil der Planung. Berücksichtigt werden musste neben der Heizung vor allem auch die Kühlung, da bei dem Gebäude ein hohes Überhitzungsrisiko in den Innenräumen besteht, wie Voruntersuchungen ergeben haben. So war es für die Planerinnen und Planer von Klimaatgarant die sinnvollste Lösung, mit Sole/Wasser-Wärmepumpen zu arbeiten und diese zugleich für Free Cooling zu nutzen. Spitzenlasten werden über den Anschluss an das städtische Fernwärmesystem gedeckt. Die im Gebäude zentral aufgestellten Wärmepumpen versorgen zunächst Pufferspeicher in den einzelnen Wohnungen, die die Räume dann über Fußbodenheizungen erwärmen. Die Wohnungen sind außerdem mit einem Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung ausgestattet, das über CO₂-Sensoren in den Wohn- und Schlafräumen sowie über Luftfeuchtigkeitssensoren in den Bädern gesteuert wird. Ein 150-Liter-Warmwassergerät pro Wohnung erhitzt das Wasser einmal am Tag auf 60 Grad, womit rund 250 Liter 38 °C warmes Wasser entnommen werden können. Die dezentrale Anordnung der Warmwassergeräte ermöglicht kurze Warmwasserleitungen, was den Energieverbrauch zusätzlich minimiert. Wegen der unterschiedlichen Eigentumssituationen der Wohnungen sind die Wohnungsübergabestationen für die Wärme aus den Wärmepumpen von den Fluren aus erreichbar.

Eigener Strom aus Photovoltaik

Wichtig war den Planerinnen und Planern, dass das Gebäude optimal gedämmt und mit Dreifachverglasung ausgestattet ist, um den Wärme- und den Kältebedarf durch passive Maßnahmen soweit wie möglich zu minimieren. Der Strombedarf für Heizung, Wärmepumpen, Lüftungsanlage und Beleuchtung wird rechnerisch vollständig über eine 2.200 m² große Photovoltaikanlage gedeckt, die sich auf dem Dach und teilweise auf einer dem Steg vorgelagerten, schwimmenden Insel befindet. Der so gewonnene Strom wird zunächst in das Netz des Gebäudes eingespeist, sodass sich der Verbrauch aus dem öffentlichen Stromnetz auf Spitzenzeiten beschränkt. Die PV-Module werden außerdem so oft wie nötig gereinigt, um einen gleichbleibend hohen Ertrag zu gewährleisten. So ist es den Planerinnen und Planern gelungen, im gesamten Sluishuis einen EPC (Energy Performance Certificate) von 0,04 zu erreichen. Das Gebäude erzeugt rechnerisch betrachtet und auf das Jahr bezogen sogar mehr Energie, als es verbraucht. -tg

Bautafel

Architektur: Barcode Architects, Rotterdam, gemeinsam mit Bjarke Ingels Group (BIG), Kopenhagen
Projektbeteiligte: Klimaatgarant, Rotterdam (Gebäude- und Klimatechnik); BIG, Kopenhagen (Landschaftsarchitektur); Buro Bouwfysica, Capelle aan den IJssel (Bauphysik); Van Rossum, Amsterdam (Statik);
Bauherr: Baukonsortium BESIX RED, Dordrecht, und VORM, Rotterdam
Fertigstellung: 2022
Standort: Haringbuisdijk, 1086 VA Amsterdam
Bildnachweis: Ossip van Duivenbode, Rotterdam

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