Silbernes Haus in Jihlava
Saniertes Baudenkmal mit historischen und modernen Details
An der böhmisch-mährischen Grenze, rund 100 Kilometer südöstlich von Prag, liegt die Stadt Jihlava. Im historischen Stadtzentrum, am Masaryk-Platz, befindet sich das Silberne Haus – ein Bauwerk, dessen Ursprünge bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen und das heute unter Denkmalschutz steht. Das Brünner Planungsbüro Atelier Štěpán revitalisierte das lange ungenutzte Gebäude mit großer Sorgfalt und Respekt vor der historischen Substanz. Seit 2024 vereint es Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, einen Konzertsaal sowie Büroflächen unter einem Dach. Restaurierte Elemente wie Gewölbedecken, Wandmalereien und Beschläge schaffen in Kombination mit einer zeitgemäßen Ausstattung ein vielschichtiges Raumerlebnis zwischen Geschichte und Gegenwart.
Silbernes Leitmotiv
Jihlava zählt zu den ältesten mährischen Bergstädten, in denen der Legende nach bereits im Jahr 799 Silber abgebaut wurde. Dendrochronologische Untersuchungen datieren die Ursprünge des Gebäudes in das 13. Jahrhundert – eine Epoche, die vom Silberbergbau geprägt war und der Stadt zu historischer Bedeutung verhalf. Bei archäologischen Ausgrabungen im Innenhof wurden Werkzeuge zur Prägung von Silbermünzen aus der Zeit vor 1300 entdeckt. Der historische Silberbergbau findet daher nicht nur im Namen des Projekts Ausdruck, sondern auch in Gestaltung und Ausstattung, die das Motiv in unterschiedlichen Formen aufnehmen.
Im Aufzug durch die Epochen
Die Planenden beschreiben das Gebäude als ein „historisches Sandwich“, bei dem jede Etage einer anderen Bauperiode zugeordnet ist. Besucher*innen beginnen mit der Gotik im Keller und enden im 21. Jahrhundert auf dem Dachboden. Unter der Prämisse, die ursprüngliche Raumkonfiguration erfahrbar zu machen, sind in jedem Raum die Wände und Gewölbe in ihrem ursprünglichen Zustand belassen und restauriert. Ein gläserner Aufzug wurde im Zentrum des Gebäudes eingefügt und ermöglicht eine vollständig barrierefreie Erschließung aller Ebenen. Die Wände des Aufzugsschachts blieben unbehandelt und nur leicht pigmentiert, sodass während der Fahrt ein sichtbarer Querschnitt durch die verschiedenen Bauphasen des Hauses entsteht.
Dekorative Fassade mit bauzeitlichen Details
Die historische Bedeutung des restaurierten Altbaus ist bereits von außen sichtbar: traditionelle, doppelflügelige Holzkastenfenster, die durch einen Mittelpfosten, Sprossen und einen Kämpfer gegliedert sind und dekorativer Feston prägen die hellgrau gestrichene Fassade. Besucher*innen betreten das dreigeschossige Denkmal mit Dachausbau über eine doppelflügelige, zinnbeschichtete Rundbogentür mit historischen, silbern anmutenden Zierbeschlägen.
Altbau mit Anbau
Im Kellergeschoss des Gebäudes befindet sich eine Ausstellung, in der archäologische Funde des Standorts präsentiert werden. Hinter dem unregelmäßig aufgetragenen Kalkputz zeichnet sich die ursprüngliche Strohballendämmung im mittelalterlichen Gewölbe ab. Unter der Kreuzgewölbedecke im Erdgeschoss befindet sich ein Informationszentrum mit einem ovalen Empfangstresen aus Edelstahl – eine gestalterische Referenz an das silberne Erbe des Bauwerks.
Hinter einer hölzernen, historischen Tür führt eine Treppe hinunter in den Kellerbereich. Ein weiterer Raum verbindet das Informationszentrum mit einem kubischen Anbau im Garten. Er besteht aus geschwärztem Beton und ist von einem Schleier aus Edelstahlgewebe umhüllt. Aufgrund des abfallenden Geländes liegen die erforderlichen Serviceräume im Untergeschoss des Neubaus. Das Obergeschoss liegt auf Erdgeschossniveau beherbergt Raum für Veranstaltungen sowie das Treppenhaus, das Alt- und Neubau miteinander verbindet.
Von historischen Vorbildern inspiriert
Eine Holztreppe mit türkisfarbenem Anstrich führt in das erste Obergeschoss und bildet einen fließenden Übergang zu den ebenfalls türkis gehaltenen Bodenfliesen. Neben dem farblichen Akzent prägen die Türen dieser Ebene das Erscheinungsbild: Sie sind hellgrau gefasst und greifen mit ihrer regelmäßig gerasterten Oberfläche und den metallischen Ziernieten die Gestaltung historischer, genieteter Türblätter auf, wie sie insbesondere bei mittelalterlichen Tor- und Wehrbauten oder auch Tresoren Verwendung fanden. Ein silbrig schimmerndes Kastenschloss mit sichtbarer Schlüssellochplatte ergänzt die Neuinterpretation dieser traditionellen Handwerksform.
Hinter zwei der drei Türen im Flur liegen ein Konzertsaal mit 50 Sitzplätzen sowie die Sanitärbereiche. Die dritte Tür in Richtung Garten führt zu einer Raumfolge mit historischen Wand- und Deckenmalereien, die sich aus einem großen Saal mit Keramikofen, einer kleinen Küche und einer Stube zusammensetzt.
Bad im gläsernen Kubus
Ähnlich wie im ersten Geschoss geht im zweiten Obergeschoss eine grün gestrichene Treppe fließend in die grünen Bodenfliesen über. Auch auf dieser Ebene finden sich die hellgrauen Türen mit Nietenbesatz. Hinter der Tür in Richtung Masaryk-Platz öffnet sich ein weiteres historisches Appartement mit Wandmalereien und Keramiköfen. Ergänzt wird die Wohnung durch ein Schlaf- sowie ein Badezimmer. Letzteres wurde in einem gläsernen Kubus mit silbernem Mosaikboden untergebracht, um die restaurierten historischen Wandmalereien vor Feuchtigkeitsschäden zu schützen. In allen Innenräumen lassen sich die Fenster mithilfe von klassischen Oliven öffnen und schließen.
Silbrige Treppenskulptur und Dachgeschossausbau
Das wohl auffälligste Merkmal im Silber-Look ist die Treppe, die zum Dachboden führt. Sie hat eine selbsttragende Struktur, ist U-förmig geschwungen und ihre hölzernen Stufen sind von oben und unten sichtbar. Im Dachgeschoss selbst befinden sich Räumlichkeiten für ortsansässige Initiativen und Vereine. Das ursprüngliche Dachtragwerk von 1893 war statisch unzureichend und leitete horizontale Kräfte nur begrenzt in das Mauerwerk ab. Auch die darunterliegende Decke befand sich in kritischem Zustand.
Der neue Entwurf sah eine vollständig erneuerte Dachkonstruktion vor, ergänzt durch einen horizontalen Oberlichtschlitz knapp über dem Gesims. Dieser entstand, indem die ursprüngliche Dachform beibehalten, aber leicht angehoben wurde, was einen stimmigen Übergang zwischen neuem Bauteil und historischem Mauerwerk erzeugt. Das Bandfenster wird durch dezent integrierte Dachfenster ergänzt, die flächenbündig in die Stehfalzeindeckung eingearbeitet sind.
Bautafel
Architektur: Atelier Štěpán, Brünn
Projektbeteiligte: Miroslava Staneková, Hana Arletová, Vanda Štěpánová, Jiří Neubert, Lukáš Kružík, Jan Vodička (Projektteam);
Bauherr*in: Die Stadt Jihlava
Fertigstellung: 2024
Standort: Masarykovo náměstí 636/21, 58601 Jihlava, Tschechien
Bildnachweis: Filip Šlapal (Fotos); Atelier Štěpán (Pläne)