Sanierung und Umnutzung: Nederlands Fotomuseum in Rotterdam
Goldene Krone und eine Treppe für Schwindelfreie
Das Nederlands Fotomuseum fand ein neues Zuhause im rund 120 Jahre alten Kaffeespeicher Santos im Rotterdamer Rjinhaven. Die Eröffnung ist für Anfang 2026 geplant. Einst von J.P.Stok und J.H. Kanters in Stahlbauweise und mit sorgsam gestalteter Backsteinfassade geplant, wurde das Lagerhaus nach den Plänen von WDJ Architecten und Renner Hainke Wirth Zirn Architekten denkmalgerecht saniert, umgebaut und aufgestockt. Es umfasst nun 9.800 Quadratmeter Fläche auf acht Geschossen – viel Platz für den Museumsbetrieb samt Gastronomie und Büros, sowie sechzehn Kurzzeit-Apartments.
Goldene Dachkrone
Grundlegende Entwurfsidee war es, den Bestand behutsam zu sanieren, neue Bauteile klar ablesbar zu machen und mit einem Atrium Licht ins Innere zu bringen. Zudem sollte ein neuer Dachaufbau das Gebäude um zwei neue Geschosse erweitern. Das Dach sollte in Anlehnung an die alte, aber zerstörte Dachform das Gebäude mit einer erkennbar zeitgenössischen Gestaltung krönen. Der stählerne Aufbau hat eine Glasfassade und eine vorgehängte Fassade aus goldfarbenen Aluminiumblechen, in die Dreiecke in unterschiedlicher Dichte gestanzt sind. Die Fassade filtert das einfallende Sonnenlicht und wirkt dennoch transparent. In den Innenräumen erzeugt sie eine Netzstruktur aus Licht und Schatten, während sie im Stadtraum mit ihrem goldenen Schimmer eine markante Fernwirkung erzielt.
Intaktes Tragwerk
Die zeitgemäße Nutzung und die Erweiterung waren in vielerlei Hinsicht komplex, vor allem aber unter statischen Aspekten. Dabei war die alte Stahlkonstruktion für ihre Bauzeit ungewöhnlich tragfähig. Die gusseisernen Stützen stehen im engen, nicht ganz regelmäßigen Raster von ca. viereinhalb bis knapp über fünf Metern. Die darauf aufliegenden Stahlträger tragen eine Holzbalkendecke mit einem Balkenabstand von nur 45 cm und einer doppelten, kreuzweise verlegten Dielenlage darüber. Dieses stabile und überwiegend intakte Tragwerk wird nach oben filigraner, nach unten massiver: Im Keller stützt es sich auf dick gemauerte Fundamentstützen. Stahl- und Holzbauteile waren in einem außergewöhnlich guten Zustand. Die Stützen wurden daher nur entrostet und in Braunrot neu beschichtet. Die Geschossdecke erhielt einen neuen Estrich mit Fußbodenheizung. Für mehr Licht und mehr Querbezüge zwischen den Geschossen wurde ein achtzig Quadratmeter großes Atrium in den Baukörper geschnitten; dank des soliden Bestandstragwerks brauchte es dafür keine zusätzlichen Unterzüge oder andere Verstärkungen.
Nutzungs- und Lastveränderungen
Doch der Umbau veränderte die Nutzung und die statischen Lasten und erforderte eine Ertüchtigung von Bauteilen. So mussten Kellerwände und Decken mit Beton und Stahlträgern verstärkt und gegen Feuchtigkeit geschützt werden. Zudem erforderte die Umnutzung einen Aufzug und zwei Fluchttreppenhäuser, für die ebenfalls Teile der bestehenden Geschossdecken entfernt wurden. Die Treppenhauswände wurden in einer leichten Holzrahmenbauweise errichtet, die stählernen Fluchttreppen lagern auf Stahlträgern.
Statisch besonders anspruchsvoll war der Dachaufbau. Für die zusätzliche Last wurden die Stahlstützen im fünften und sechsten Geschoss mit reversibel angeschweißten Flanschen verstärkt. Dazu wurde die oberste Geschossdecke mit Stahl- und Holzträgen verstärkt. Die neuen Stützen in den ergänzten Geschossen wurden exakt auf den bestehenden Stützen positioniert, um die Lastabtragung zu optimieren.
Einläufige Atriumtreppen
Das Atrium ermöglicht eine zentrale Erschließung über eingehängten Stahltreppen, die an den unterschiedlichen Seiten des Atriums hinaufführen. Sie wurden als einläufige Faltwerktreppen mit fest verschweißten Wangen und einer Absturzsicherung aus einem Stahlnetz vorgefertigt. Die Wangen schließen oben mit den Stufenkanten ab, ragen aber unterseitig für mehr Biegesteifigkeit über die Stufentiefe hinaus. Außen vor der Wange sind die Geländerholme als geschlossene Rahmen aufgeschweißt, was sowohl den Wangen als auch dem Geländer selbst mehr Stabilität verleiht.
Zweiläufige Dachtreppe
Die oberste Treppe ist ein Eyecatcher: Sie erhebt sich vom siebten Geschoss im schrägen Winkel in den Luftraum hinein, knickt auf einem Zwischenpodest scharf ab und steigt in einem anderen Winkel weiter zum achten Geschoss hinauf. Nichts für schwache Nerven, statisch aber eine sichere Sache: Denn auch hier wirken Faltwerk und Wangen als starre Einheit zusammen; Mittelpodest und oberes Antrittspodest sind zusätzlich mit Stahlträgern und Querrippen ausgesteift. Die Treppe lagert zudem nicht nur auf den Geschossdecken, sondern hängt zudem über zwei Stahlseile am verglasten Dachtragwerk. Die Besonderheit dieses Aufgangs in das neue Dach zeigt sich über die Wangenverkleidung: Sie besteht aus eben der goldenen Stanzfassade, die das Gebäude auch von außen krönt. -rg
Bautafel
Architektur: WDJArchitecten, Rotterdam; Renner Hainke Wirth Zirn Architekten, Hamburg
Projektbeteiligte: Pieters Bouwtechniek, Delft (Tragwerksplanung); Techniplan Adviseurs, Rotterdam (Haustechnik), Peutz B.V., Molenhoek (Brandschutz), Burgy Bouwbedrijf (Bauunternehmen); Beauraing, Rotterdam (Bauleitung Nov 2022–März 2024); Goudriaan, Oudewater (Stahlbau); Esnacom, Noordwijk (Stahlblech-Beton-Verbundplatten); Elstgeest Beton, Roelofarendsveen (Betonarbeiten); Maasdam Groep, Waddinxveen (Estrich / Deckenaufbau); Smederij Meerkerk, Meerkerk (Metallbau); ATSO, Geldermalsen (Trockenbau); JM van Delft & Zn, Drunen (Stahltüren); Metadecor, Kampen (Aluminiumfassade); Glasatelier Oud Rijswijk, ’s-Gravenzande (Außenverglasung); Glashandel Verloop, Krimpen aan de Lek (Innenverglasung); Kuyvenhoven Elektrotechniek, ’s-Gravenzande (Elektroinstallation); Technisch Bureau Massier, Den Haag (Heizungs-, Lüftungs-, Sanitärinstallation); Unica Fire Safety, Hoevelaken (Brandschutz); Orona, Alphen aan den Rijn (Aufzugstechnik); Van Kesteren Schilders, Voorhout (Malerarbeiten)
Bauherr: Stilwerk Hamburg (bis 2023), Nederlands Fotomuseum, Rotterdam (ab 2023) mit Unterstützung der Stiftung Droom en Daad
Fertigstellung: 2025 (geplante Eröffnung Februar 2026)
Standort: Brede Hilledijk 95, 3072 KD Rotterdam, Niederlande
Bildnachweis: Studio Hans Wilschut, Rotterdam
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