Sanierung und Erweiterung eines viktorianischen Reihenhauses in London

Mehr Platz und Licht mit zweigeschossigem Wohnwintergarten

Schmal, lang, Reihenmittelhaus: Durch die geschickte Neuorganisation der Innenräume und den Anbau eines gartenseitigen Wintergartens ist es dem Architekten Satish Jassal gelungen, mehr Platz und lichte Räume in dem rund 150 Jahre alten Wohnhaus im Londoner Bezirk Borough of Haringey zu schaffen.

Der Wintergarten nimmt etwa die Hälfte der Gartenfassade ein, denn er teilt zwischen den beiden eher öffentlich genutzten und den beiden privat-diskreten Ebenen.
Die zweigeschossige Pfosten- und Riegelkonstruktion besteht aus sichtbar gelassener Eiche, die farblich mit dem gelben Backstein der Bestandsfassade harmoniert.
Die Stirnseiten von Souterrain und Beletage sind zum Garten mit einem gläsernen Wintergartenanbau geöffnet, wodurch viel Licht ins Innere fällt.

Wie viele Londoner Bezirke besteht auch der Stadtteil Borough von Haringey aus Straßenzügen mit viktorianischen Reihenhäusern. Zur Zeit der langen Regentschaft von Queen Victoria (1819-1901) von 1837 bis 1901 erlebte London eine gigantische Phase des Wachstums und der Bautätigkeit, die durchaus mit dem heutigen Hochhaus-Bauboom mit The Shard, The Pinnacle, The Gherkin oder One Blackfriars als internationale Finanzmetropole verglichen werden kann. Der damals vorherrschende Architekturstil, der sich im gesamten British Empire ausbreitete, wird deshalb nach dem Namen der Queen und Empress of India benannt. Auf den ersten Blick sehen diese langen Wohnhäuserzeilen in monotaktischer Reihung annähernd gleich aus, erst auf den zweiten Blick lassen sich subtile Varianten in Höhe und Breite, bei Fensterteilungen, Farben und Mauerwerksverbänden unterscheiden, die auch differenzierte Rückschlüsse auf den sozialen Status ihrer Bewohner zulassen. Es gibt die augenzwinkernde Behauptung, dass in London nur die Queen nicht in einem Reihenhaus wohne.

Denkmalgeschütztes Ensemble

Im nördlichen Teil von London sind jedoch viele dieser Reihenhauszeilen in die Jahre gekommen und sanierungsbedürftig. Die Bezirksverwaltung von Haringey beschloss deshalb für den Bereich von Stroud Green, westlich von Finsbury Park gelegen, die Kategorisierung als Erhaltungsgebiet, um den ursprünglichen städtebaulichen Charakter als Ensemble aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zu bewahren. Der Verfall sollte gestoppt und Abrisse möglichst verhindert werden. Das Augenmerk liegt auf Instandsetzungsmaßnahmen der straßenseitigen Fassaden und deren Bausubstanz. Nicht verwendet sollen Materialien wie Beton, Kunststoff und Metall zugunsten von viktorianischer Materialien und Formen wie den traditionellen englischen Bay Windows und Eingangstüren aus farbig lackiertem Holz mit Faschen in Akzentfarben sowie rotem und gelbem Backstein.

Im Gegensatz zu den straßenseitigen Fassaden sind die gartenseitigen Rückseiten der viktorianischen Reihenhäuser normalerweise wesentlich schlichter. Sie dürfen deshalb – in Abstimmung mit den Baubehörden  – individuell  ergänzt und angebaut werden, um zeitgemäße Nutzungen für die historischen Häuserzeilen zu ermöglichen. Unter vollständigem Denkmalschutz stehen in Haringey nur einige wenige Häuser wie historische und aufwendig geschmückte hölzerne Pubs und Schaufensterfronten.

Rettung vor dem Verfall
Mit einem Eigentümerwechsel erfuhr ein eher unscheinbares, backsteinsichtiges Reihenhaus in der Stroud Green Road, zwischen Finsbury Park und Highgate und damit in guter Reichweite zur U-Bahn und zu den Hauptverkehrsstraßen gelegen, eine grundlegende Moderniesierung. Das nur knapp fünf Meter breite, jedoch viergeschossige Wohngebäude war vor dem Umbau in einem sehr schlechtem Zustand: Die Wände und Decken des rund 150 Jahre alten Baus waren feucht und muffig, die Innenräume durch Einbauten und Trennwänden eng und verwinkelt überformt. Unter Beibehaltung der straßenseitigen Ansicht gestaltete der Architekt Satish Jassal, der bereits mehrere vormals unscheinbare Häuser und sogar Garagen  zu modernen Wohnungen mit hoher Aufenthalts- und Wohnqualität umgewandelt hat, das Gebäude um. Mit einer Neuorganisation der inneren Aufteilung und einem gartenseitigen Wohnwintergarten als Erweiterung entstanden lichte Räume und mehr Platz, wodurch es vor dem Verfall bewahrt wurde.

Sanierung und Neuorganisation

Die neuen Besitzer des historischen Reihenhauses in Haringey wünschten sich eine Wohnung einschließlich Homeoffice. Die architektonischen Maßnahmen zur Umsetzung dieser Vorgaben des Eigentümerpaares gliedern sich folglich in drei Teile, nämlich: erstens die Sanierung der straßenseitigen Fassade mit zwei Erkern als Bay Windows und mehreren ebenfalls traditionellen – weil platzsparenden – Vertikalschiebefenstern. Zweitens das Aufräumen und Neuorganisieren im Inneren, und drittens das Öffnen und Erweitern der gartenseitigen Fassade mit einem zweigeschossigen Wohnwintergarten.

Im Souterrain befanden sich zwei dunkle Räume, die als Schlafzimmer genutzt wurden, eines sogar innenliegend ohne Fenster und Lüftung, weil das schmale Bad an der rückseitigen Fassade lag und damit das Fenster blockierte. Nun bilden hier Wohnzimmer, Essplatz und Küche eine durchgehende und daher großzügige räumliche Einheit. Die vorhandenen Trennwände wurde entfernt, stattdessen können mit raumhohen Schiebetüren Wohnen und Kochen flexibel getrennt oder verbunden werden. Die gesamte Stirnwand zum Garten ist mit einem gläsernen Wintergartenanbau geöffnet, wodurch das vorher düstere Geschoss viel Licht erhält. Die Treppe – nur Auftritte aus Eiche unter Verzicht auf Setzstufen für weitere maximale Transparenz – wurde seitlich in den Wintergarten verschoben, um an den Schmalseiten im Gebäudeinneren wertvollen Platz zu schaffen. Der Fußboden geht nahtlos in eine Terrasse als wind- und blickgeschützter Freisitz über.

Die Beletage, die vormals Wohnzimmer, Eßzimmer und Küche beinhaltete, bietet nach dem Umbau einfach und einladend straßenseitig zu erschließen Platz für das gewünschte Büro zu Hause. Mit einer Doppelflügeltür lässt es sich zu einem Besprechungsraum vergrößern. Der Besprechungsraum öffnet sich als Galerie zum Wohnwintergarten und kann auch anderweitig genutzt werden, da er über die Treppe mit der darunter gelegenen Küche verknüpft ist.

Die beiden oberen Geschosse, die vorher als eine zweite Wohneinheit abgetrennt waren, werden ebenfalls mit Schiebetüren und nichttragenden Wänden neu organisiert. Sie enthalten nun Schlaf- und Gästezimmer sowie zwei Bäder.

Wintergarten als Erweiterung

Der Wintergarten nimmt etwa die Hälfte der Gartenfassade ein, denn er teilt zwischen den beiden eher öffentlich genutzten und den beiden privat-diskreten Ebenen. Die zweigeschossige Pfosten- und Riegelkonstruktion ist aus sichtbar gelassener Eiche, die farblich mit dem gelben Backstein der Bestandsfassade harmoniert. Die Wahl zugunsten massiver Eiche fiel aus Gründen der statischen Stabilität, respektiert jedoch auch den städtebaulich ebenso wie denkmalgerechten Anspruch an authentische und ursprüngliche Materialien und deren Konstruktion, und zwar nicht nur an der Vorderseite des Hauses sondern auch an der Rückfront.

Die großflächige Verglasung läßt in das extrem schmale, aber langgestreckte Volumen des Hauses soviel Licht wie möglich. Außerdem wird die Küche als attraktiver Aufenthaltsbereich zum Garten vergrößert. An den oberen Glasfeldern ist ein Holzgitter abgehängt, das mit LEDs bestückt einerseits abends als Leuchte und andererseits tagsüber als Sonnenschutz dient. Die raumhohen Schiebetüren sind ebenfalls aus sichtbar gelassener Eiche, nehmen also Farbe und Materialiät der neuen Elemente auf.

Raum-, Material- und Farbkonzept bei Fenstern und Türen

Fenster, Türen und Möbel werden zugunsten einer effektiven Raum- und Flächennutzung als integrierte Bestandteile des Hauses begriffen. So sind beispielsweise die typischen innenliegenden Klappläden und die innenseitigen Profile der Bay Windows im Arbeitszimmer wie die Wände, Regale und Einbauschränke einheitlich in einer Farbe lackiert, die je nach Lichteinfall zwischen Creme, Schlamm und Hellgrau changiert, wodurch der Raum visuell einheitlich, größer und lebendiger wirkt. In England wird, ganz anders als in Deutschland, bei den Farben der Fensterrahmen zwischen den äußeren und den inneren Oberflächen unterschieden. So können die Fensterrahmen, wie hier beispielsweise beim Badezimmerfenster, außen weiß und innen nahezu schwarz sein. Damit entsteht ein wesentlich größerer Spielraum bei den Farbkonzepten für Innenräume, da diese von den Farben der Fassade getrennt sind.

In der Küche setzen sich die untersten Treppenstufen als Abtreppung eines Sideboards fort, Möbel und Treppe verschmelzen dabei wiederum in hellgrauen Farbtönen. Dieser Effekt wird auch im Gästezimmer beibehalten, bei dem die Farbe des Vertikalschiebefensters, der Wände, des Teppichbodens und des Sofabezugs ebenfalls ein gemeinsamer heller Farbton in Lichtgrau ist, wodurch sich der eigentlich winzige Raum optisch weitet. Im Bad wird dagegen mit Kontrasten gearbeitet: Das Vertikalschiebefenster, die Stirnwand und der Heizkörper sind in einem dramatischen dunklen Schwarzgrau, wodurch die schneeweiße freistehende Badewanne als eine Wellness-Skulptur betont wird.

Mit diesem Umbau im Sinne von „Renewal", „Repurposing" und „Upgrading"  wurde Satish Jassal für den Retrofit Award 2021 nominiert. -sj

Bautafel

Architektur: Satish Jassal Architects, London
Bauherr/in: privat
Fertigstellung: 2020
Standort: Borough of Haringey, London, UK
Bildnachweis: Ben Pipe, London

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