Rathaus Oy-Mittelberg

Ortstypische Merkmale in zeitgenössischer Form

Bauen in ländlicher Umgebung ist immer eine besondere Herausforderung für Architekten. Einerseits möchte man sich nicht durch „volkstümliche Kopien“ der diese Gegenden prägenden Bauwerke anbiedern, andererseits gilt es aber auch, auf den historischen Bestand und dessen Prägung des Ortsbildes zu reagieren. Mit dem Neubau des Rathauses in der bayerischen Gemeinde Oy-Mittelberg ist dem Tuttlinger Büro Muffler Architekten diese Gratwanderung bemerkenswert gelungen.

Gemeinsam mit der historischen Kirche rahmt das Rathaus den Dorfplatz.
Westansicht: Oberhalb des Betonsockels ist das Gebäude mit Holz bekleidet.
Vertikale Holzlamellen akzentuieren zurückhaltend die Fassade.

In prägnanter Lage inmitten des viereinhalbtausend Einwohner zählenden Ortes – direkt gegenüber der Gemeindekirche – bildet der Neubau den nordwestlichen Abschluss des Dorfplatzes. Die Proportionen des Gebäudes, das ländlich typische Satteldach mit großem Dachüberstand wie auch die hölzerne Fassadenbekleidung nehmen Bezug auf die ortsbildprägende Architektur.

Organisation und Innenraumgestaltung

Ein kleiner Vorplatz leitet über zum Eingang des neuen Rathauses, der in der Fassade zurückgesetzt und damit wettergeschützt ist. Das Gebäude ist mit einer Tiefgarage unterkellert, von welcher das Erdgeschoss mit seinen Servicebereichen (beispielsweise Einwohnermeldeamt und Tourismusbüro) ebenso erschlossen werden kann. Das erste Obergeschoss beherbergt der Verwaltungsbereich mit Büros und Besprechungsräumen – erschlossen über die raumprägende, offene Treppe, die in der Gebäudemitte angeordnet ist. Im zweiten Obergeschoss befindet sich der Sitzungssaal der Gemeinde mit den dazugehörigen Serviceräumen. Große Fensterflächen eröffnen Ausblick auf den Alpennordrand, sichtbar belassene Holzbinder der Dachkonstruktion und hölzerne Wand- und Deckenbekleidungen sorgen für eine ruhige und ortstypische Atmosphäre im Innern des Verwaltungsgebäudes. Die naturbelassenen Holzoberflächen in heller Weißtanne prägen den Innenraum des neuen Rathauses in Verbindung mit schlichten, geschliffenen Estrichböden mit regionalem Natursteinzuschlag.


Konstruktion und Haustechnik

Während das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss aus statischen wie auch bauphysikalischen Gründen (insbesondere Feuchteschutz) als Stahlbetonkonstruktion ausgeführt sind, ist das zweite Obergeschoss bzw. Dachgeschoss als Holzkonstruktion errichtet. Wenige großformatige Fenster gliedern die Fassade mit deren Sichtbetonsockel im Erdgeschoss und einer Holzverschalung in den Obergeschossen.

Ein Anschluss an das Nahwärmenetz, die passive Kühlung der Speichermasse des Gebäudes mittels Nachtlüftung, ein Wärmerückgewinnungssystem sowie eine Photovoltaikanlage sind wesentlicher Bestandteil des optimierten Energiekonzepts mit dem Ziel, den CO2-Fußabdruck zu minimieren.

Brandschutzaspekte

Maßgeblich für die baurechtlichen Anforderungen, Beurteilungen und daraus resultierende Maßnahmen ist zunächst die Musterbauordnung (MBO) und die daraus abgeleitete jeweilige Landesbauordnung (LBO). Das Rathaus war nach Bayerischer Bauordnung (BayBO) zu beurteilen und der Brandschutznachweis – welcher im Zuge des Genehmigungsverfahrens vorzulegen ist – entsprechend zu führen. Neben den Anforderungen aus der BayBO erfolgte eine Risikobewertung des Rathauses gemäß des Leitfaden Ingenieurmethoden des Brandschutzes – TB 04-01 der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb).

Ausgangssituation / Einstufung

Gemäß Artikel 2 (3) der BayBO ist das Rathaus in die Gebäudeklasse 5 einzustufen, da die Größe der Nutzungseinheit die Maximalfläche von 400 Quadratmetern überschreitet. Da die Nutzung des Gebäudes für weniger als 100 Personen geplant und ausgelegt ist, ist das Rathaus baurechtlich nicht als Sonderbau – für welche verschärfte Brandschutzanforderungen gelten – eingestuft.

Nicht nur aus gestalterischer und konzeptioneller Sicht ist der geschossübergreifende, offene Bau eine Besonderheit. Auch aus brandschutztechnischer Sicht galt es, auf die mittig im Gebäudegrundriss offenen Treppen bis in das zweite Obergeschoss zu reagieren. Sichtbar belassene Holzoberflächen im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss wie auch die sichtbare Holzkonstruktion im zweiten Obergeschoss erforderten zusätzlich eine genaue Betrachtung unter Brandschutzaspekten.

Das ganze Gebäude bildet hierbei einen zusammengefassten Brandabschnitt.

Flucht- und Rettungswege

Abweichend von der Bayerischen Bauordnung wurden Erdgeschoss und erstes Obergeschoss ohne die Ausbildung eines notwendigen Flures nach BayBO Art. 29 zusammengefasst. Möglich war dies durch die Konstruktion eines notwendigen Treppenhauses in feuerbeständigem Stahlbeton als erster baulicher Rettungsweg und den internen Treppenlauf als zweiten baulichen Rettungsweg. Das notwendige Treppenhaus schließt im Dachbereich mit einem „Stahlbeton-Deckel“ ab; im Bereich der Sparrenlage ist diese ober- und unterseitig mit einer nichtbrennbaren Bekleidung F90 ausgeführt, die Zwischensparrenbereiche sind hier mit Steinwolledämmung > 1.000°C dicht ausgestopft.

Eine Gefahrenmeldeanlage (GMA) mit Schutzumfang der Kategorie 1 mit Brand- bzw. Rauchfrüherkennung und Alarmierung gewährleistet eine schnelle Evakuierung über die baulichen Rettungswege. Im ersten Obergeschoss sind einzelne Büroräume zur Anleiterung mit Steckleitern der Feuerwehr vorgesehen. Durch die Beschränkung der Nutzung des Ratssaals im zweiten Obergeschoss auf weniger als 100 Nutzer fällt das Gebäude bzw. der Gebäudebereich nicht unter die Regelungen für Versammlungsstätten.

Konstruktiver Brandschutz

Die Außenwand des Rathauses ist mit einem nichtbrennbaren Vollwärmeschutz ausgeführt, außenseitig mit einer brennbaren und hinterlüfteten Holzverschalung. Um den Anforderungen nach BayBO Art. 26 zu genügen (nach welcher eine Brandausbreitung an und auf der Fassade ausreichend lange zu begrenzen ist), wurde in Anlehnung an den Leitfaden Brandsicheres Bauen mit Holz über den Geschossen EG und 1. OG ein horizontal verlaufendes verzinktes Stahlblech in drei Millimeter Stärke eingebracht. Dies erfolgte in enger Abstimmung mit örtlichem Brandschutz bzw. der Feuerwehr. Ein Feuerwehrschlüsseldepot wurde optisch unauffällig in die Fassadenverkleidung integriert.

Bautafel

Architektur: Muffler Architekten, Tuttlingen
Projektbeteiligte:
Tano Muffler, Andreas Scholl (Projektleitung); Ingenieurbüro Haug, Wertach (Tragwerksplanung); AH Landschaftsarchitekten, Stuttgart (Landschaftsplanung); Güttinger Ingenieure, Kempten  (HLS-Planung); Ingenieurbüro Lippert, Kempten (Elektro-Planung); Haug Ingenieurbüro, Wertach (Brandschutzplanung)
Bauherr/in:
Gemeinde Oy-Mittelberg
Fertigstellung:
2022
Standort:
Hauptstraße 12, 87466 Oy-Mittelberg
Bildnachweis:
Brigida González, Stuttgart

Fachwissen zum Thema

Zur Einhaltung der Anforderungen an die Standsicherheit, den Brand-, Schall-, Wärme- und Erschütterungsschutz sind nach § 66 der Musterbauordnung (MBO) geprüfte bautechnische Nachweise erforderlich.

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Grundlagen

Brandschutznachweis

Grafik: Übersicht Gebäudeklassen

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Gebäudeklassen

Nach deutschem Baurecht müssen die im Bauwesen verwendeten Produkte den technischen Regeln der MVV TB entsprechen.

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Bauprodukte

Produkte und Zulassungen

Notwendige Treppen und notwendige Treppenräume bilden zusammen das System der vertikalen Flucht- und Rettungswege.

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Flucht-/​Rettungswege

Treppen und Treppenräume

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