Quay Quarter Tower in Sydney

Upcycling statt Abriss

Sydney verbinden wohl die meisten Architekten noch immer zuerst mit Jørn Utzons Opera House, das 1959 bis 1973 an der Sydney Cove, einer Hafenbucht zwei Kilometer nördlich vom Stadtzentrum entstanden war. Zwischen Oper und Rathaus liegt das Quay Quarter, Sydneys Central Business District. Benannt ist dieses Hochhausviertel nach dem Circular Quay, einem Verkehrsknoten mit Hochstraße, Bahnstation und mehreren Fähranlegern am Südufer der Sydney Cove.

Der Umbau beinhaltete auch eine Aufstockung.
Zwei Drittel der Tragstruktur des Bestands wurden erhalten.
1976 hatte das Architekturbüro Peddle Thorp & Walker den ursprünglich 46geschossigen Tower errichtet.

Upcycling statt Abriss und Neubau

Hier haben 3XN aus Rotterdam ein Bürohochhaus des Finanzunternehmens AMP grundlegend umgebaut und aufgestockt. 1976 hatte das Architekturbüro Peddle Thorp & Walker in zweiter Reihe hinter dem bisherigen, 26geschossigen Firmensitz von 1962 den 188 Meter hohen AMP Tower mit 46 Geschossen, quadratischem Grundriss und prägenden Lisenen errichtet. Dieser Büroturm entsprach nicht mehr den aktuellen Erfordernissen. Doch statt Abriss und Neubau entschied man sich im Rahmen eines geladenen Wettbewerbs für die Transformation – ein Upcycling des Baus. Große Teile der Tragstruktur wurden in den neuen Quay Quarter Tower integriert. Zwei Drittel der Träger, Stützen und Geschossplatten sowie fast der komplette Kern blieben erhalten. Damit konnten im Vergleich zum Abbruchszenario fast 7.500 Tonnen Kohlenstoff eingespart werden.


Durch Aufstockung, abgestaffelte Geschosserweiterungen und einen neuen Gebäudesockel wurden 45.000 Quadratmeter zusätzliche Geschossfläche geschaffen. Der jetzt 206 Meter hohe Bau präsentiert sich mit nunmehr 50 Geschossen in einem völlig gewandelten Erscheinungsbild. Fünf aufeinander gestapelte Segmente mit unterschiedlichen Geschosszahlen und jeweils variierendem, trapezförmigem Zuschnitt gliedern die Baumassen und lockern den Turm in seiner Höhenentwicklung auf.

Verdrehte Fronten und Außenterrassen

Insbesondere die wasserseitige Nordansicht mit gegeneinander verdrehten Fronten und spitzen Kanten macht den Quay Quarter Tower zum dynamisch-einprägsamen Element der Skyline. Die Verdrehung gab Raum für vier begrünte Außenterrassen, während keilförmige Glasflächen als Fassadenzäsuren und abgeschrägte Dachflächen den Baukörper zusätzlich beleben. Insgesamt sind Großform und Kubatur des Hochhauses eine Synthese aus Belichtungsverhältnissen, Blickbeziehungen und baurechtlichen Auflagen.


Atrien als Gemeinschafts-, Begegnungs- und erweiterte Arbeitsräume

Innen sorgen mehrere nach Norden aufgeweitete Atrien, die über drei, sechs oder mehr Geschosse reichen, für großzügige, kommunikative Erschließungsbereiche. Sie können als Gemeinschafts-, Begegnungs- und erweiterte Arbeitsräume dienen, aber auch für Veranstaltungen genutzt werden. Gleichzeitig versorgen die Atrien die Bürozonen mit Tageslicht und Frischluft. Die rund 2.000 Quadratmeter großen Etagen haben flexible Grundrisse, möglich sind sowohl Einzel- als auch Großraumbüros.

Auch die Größe der Atrien kann durch Schließung einzelner Ebenen oder zusätzliche Verbindungen angepasst werden. So kann der Bau flexibel auf variable Mieterstrukturen reagieren. Die Sockelzone trägt mit allseitigen Eingängen, offenen Lobbys, 4.000 Quadratmetern Einzelhandel über drei Ebenen, sowie öffentlich zugänglichen Grünflächen mit einem Dachcafé zur Quartiersbelebung bei. Ein gelbes, pergolaartiges Kunstwerk von Ólafur Elíasson auf der Sockel-Dachterrasse verweist abstrahiert auf australische Korallenriffe.

Eine Herausforderung hinsichtlich der Bauabläufe stellte die Entscheidung für den weitgehenden Bestandserhalt dar. Teilabbruch und Neubau der nördlichen Erweiterungen erfolgten zeitlich parallel nebeneinander her. Alt- und Neubauteil konnten erst nach Abschluss der Setzungen miteinander verbunden werden.

Glasfassade mit selbstverschattenden Rahmenmodulen

Vor die vollflächig verglaste Fassade mit südseitig abgerundeten Kanten wurde eine Struktur aus weißen, gegeneinander versetzten Rechteckrahmen gehängt, die jeweils geschosshoch, aber deutlich breiter sind – ein Motiv, das die Architekten in unterschiedlichen Varianten auch als Balkonebene bei Wohnprojekten in Aarhus, Toronto und Lausanne eingesetzt haben. In Sydney fungieren diese Rahmen als außenliegender Sonnenschutz. Die selbstverschattende Fassade reduziert hier die Sonneneinstrahlung um bis zu 30 Prozent, die Notwendigkeit interner Jalousien entfällt.


Die Fassade wirkt mit den versetzten Rahmen einheitlich, obwohl die Elemente an jeder Stelle speziell auf die unterschiedlichen Lichtsituationen abgestimmt sind. Leichte Richtungsänderungen bewirken die Reduzierung von Sonneneinstrahlung und Wärmeeintrag. Die im Durchschnitt knapp 70 Zentimeter tiefen Vorsprünge sind an der Nordseite, der Hauptsonnenrichtung der Südhalbkugel, horizontal ausgestellt. An der Ost- und Westseite sind sie dagegen um 16 Grad nach unten geneigt, um die tief stehende Morgen- und Nachmittagssonne besser abzuschirmen. Auch die Seiten der Rahmen schirmen als vertikaler Sonnenschutz Strahlen der tiefer stehenden Sonne ab. Zudem sind die Glaspaneele an der Nordfassade im oberen Bereich leicht geneigt, um Blendeffekte zu vermeiden.

Fassadenmontage

Nicht nur der Rohbau, sondern auch die Fassadenmontage erforderte andere Zeitabläufe als bei reinen Neubauprojekten, wo die Hülle gewöhnlich vier bis sechs Stockwerke unterhalb des Kernschalungssystems, also der Geschossbetonierung errichtet wird. Beim Quay Quarter Tower hingegen wurden zuerst die Fassaden am Altbauteil eingebaut, um am Neubau die notwendigen Setzungen zu erlauben, ohne den Zeitplan zu gefährden. Die Fassadenmontage am Neubauteil folgte dann jeweils etwa zwölf Stockwerke unterhalb der neu betonierten Geschossdecken.

Das Projekt erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Internationalen Hochhaus Preis 2022/23, ausgelobt von der Stadt Frankfurt am Main, dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) und der DekaBank.

Bautafel

Architekten: 3XN, Kopenhagen
Projektbeteiligte: Fred Holt, Kim Herforth Nielsen, Jeanette Hansen, Audun Opdal, Gry Kjær, Alyssa Muasaki Saltzgaber (Projektteam Architekten), BVN Architecture, Sydney (ausführende Architekten vor Ort), BG&E/ADG, Sydney (Tragwerksplanung), ARUP, Sydney (Haustechnik), ASPECT Studios, Melbourne/Perth (Landschaftsarchitekten), Tom Dixon DRS, London (Inneneinrichtung Sockelbereich), Ólafur Elíasson (Kunst am Bau)
Bauherr: AMP Capital, Sydney
Fertigstellung: 2022
Standort: 50 Bridge Street, Sydney NSW 2000, Australien

Bildnachweis: Adam Mørk, Kopenhagen; Phil Noller, Sydney; 3XN, Kopenhagen

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