Musikprobelokal in Haibach ob der Donau
Proben in der Ortsmitte
Zwischen Passau und Linz liegt die kleine, oberösterreichische Gemeinde Haibach ob der Donau mit rund 1.300 Einwohner*innen. Deren Ortsmitte hält alles bereit, was es für das gesellschaftliche Leben auf dem Lande braucht: eine noch aktive katholische Kirche, eine Gemeindeverwaltung samt Standesamt und eine Konditorei mit Freisitz. Seit 2025 gibt es hier außerdem einen weiteren Ort der Zusammenkunft, gestaltet von der ARGE Wimberger Schremmer und Gösta Nowak aus Linz. Vis-à-vis zur Kirche entwarfen sie ein Probelokal für den ortsansässigen Musikverein, dessen Geschichte bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht.
Eine einmalige Gelegenheit
Anstelle des heutigen Musikprobelokals befand sich auf dem Grundstück zuvor der sogenannte Kirchwirt, ein traditionelles Gasthaus. Laut Gemeinde konnte der Altbau allerdings nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden und so entschied sie sich für den Abbruch. Dadurch ergab sich die Gelegenheit, die Dorfmitte neu zu gestalten. Die Gemeinde nahm die Bauaufgabe selbst in die Hand und lobte einen Wettbewerb für den Neubau des Proberaums aus.
Neben dem Haus für den Musikverein entstand eine Bushaltestelle mit Ladestationen für Elektrofahrräder. Die Freiflächen versahen die Architekt*innen mit Aufenthaltsmöglichkeiten wie Sitzstufen und Bänken. Außerdem wurde eine große Wiese neben dem Proberaum freigehalten, die künftig für allerlei Festivitäten genutzt werden soll. Der historische Brunnen des vormaligen Gasthauses wurde erhalten und erinnert an die frühere Nutzung des Grundstücks.
Das Dorf als Zuschauer
Aufgrund seiner prominenten Lage sollte der Neubau nicht ausschließlich dem Musikverein dienen, sondern auch für andere Nutzungen offenstehen. Neben dem Probelokal umfasst der eingeschossige Bau Lagerräume, eine Gastroküche, WCs und ein kleines Archiv. Der Proberaum ist sowohl vom Foyer als auch vom Aufenthaltsbereich aus zugänglich und lässt sich mittels raumhoher Schiebetüren über seine gesamte Breite in Richtung Dorfplatz öffnen. Man kann sich gut vorstellen, dass hier auch die ein oder andere Generalprobe vor Publikum stattfindet. Gleichzeitig stiegen mit der Nutzungsflexibilität und dem großen Glasanteil die Anforderungen an die Raumakustik.
Basslastige Blasinstrumente
Die akustische Fachplanung übernahm Rohde Acoustics aus Wien. Auf Grundlage der ÖNORM B 8115-3: Schallschutz und Raumakustik im Hochbau - Teil 3: Raumakustik bzw. der ISO 23591: Akustische Qualitätskriterien für Musikproberäume und -säle wurde in der Planungsphase für den voll besetzten Zustand eine Nachhallzeit von 0,6 Sekunden angesetzt. Im rund vierzigköpfigen Ensemble kommen zahlreiche tief klingende Blasinstrumente zum Einsatz. Ziel war es daher, das Raumvolumen möglichst groß zu halten, um einen angenehmen Schallpegel beim gemeinsamen Musizieren zu erreichen. Mit einer Fläche von 130 Quadratmetern und dem ansteigenden First in Richtung Kirche erreicht der im Grundriss trapezförmige Proberaum seinen höchsten Punkt bei etwa fünf Metern.
Akustisches Konzept
Neben dem erhöhten Raumvolumen sahen die Planer*innen vor allem schallstreuende und schallabsorbierende Oberflächen vor. So kam im unteren Wandbereich umlaufend eine geschlitzte Holzkonstruktion mit dahinterliegender Mineralwolledämmung zum Einsatz. In der Giebeldecke ergänzen rund 50 m² gelochte Gipskartonflächen die Absorption.
Ursprünglich waren außerdem streuende Deckensegel vorgesehen. Sie hätten den Schall im Raum gezielt verteilt und damit für eine gleichmäßigere akustische Wahrnehmung gesorgt, konnten aus Kostengründen jedoch nicht umgesetzt werden. Stattdessen wurden andere Flächen genutzt, um den Schall zu streuen: Die hölzerne Wandbekleidung links und rechts des Dirigenten ist zickzackförmig ausgebildet. Die unregelmäßige Geometrie verhindert, dass der Schall gerichtet zurückgeworfen wird, und unterstützt so eine gleichmäßige Schallverteilung im Raum.
Zickzack und Mikroperforation
Eine Herausforderung bei tiefen Frequenzen ist die Ausbildung von Raummoden, also stehenden Wellen, die einzelne Frequenzen übermäßig verstärken und zu einem unangenehmen Dröhnen führen können. Deshalb wurden im hinteren Saalbereich zudem Kantenabsorber montiert, deren Oberflächen mit einer Mikroperforation versehen sind. Auch die dem Dirigenten zugewandten Flächen der Zickzack-Elemente sind mikroperforiert. Auf diese Weise lässt sich insbesondere die tieffrequente Nachhallkomponente beeinflussen.
Die große Glasfront mit Blick zum Dorfplatz kann bei Bedarf mit einem absorbierenden, lichtdurchlässigen Vorhang verkleidet werden. Hinter dem Dirigenten gibt es zudem die Möglichkeit, einen weiteren, besonders dichten Akustikvorhang aufzuziehen. Die Vorhänge schaffen damit eine gewisse Variabilität: Je nach Nutzung und gewünschter akustischer Wirkung kann die Absorption im Raum angepasst werden.
Ziel erreicht
Bei der Abnahmemessung wurde im unbesetzten, bestuhlten Raum mit geschlossenen Vorhängen eine Nachhallzeit von rund 0,75 Sekunden im mittleren Frequenzbereich gemessen. Simulationen zufolge reduziert die Besetzung mit etwa vierzig Musikerinnen und Musikern die Nachhallzeit im mittleren und hohen Frequenzbereich um etwa 0,15 bis 0,20 Sekunden. Damit liegt sie im besetzten Zustand voraussichtlich nahe dem angestrebten Wert von 0,6 Sekunden.
Bautafel
Projektbeteiligte: Rohde Acoustics, Wien (Akustikplanung)
Bauherr: Gemeinde Haibach
Fertigstellung: 2025
Standort: Kirchenplatz, Haibach ob der Donau, Österreich
Bildnachweis: Kurt Hörbst, Wien