Mondtor

Kreisrunde Öffnung als Rahmen

In der klassischen chinesischen Architektur geht es um eine Auseinandersetzung mit Gegensätzen wie innen zu außen, hell zu dunkel sowie natürlich zu geometrisch, die zu einer Einheit finden sollen. Ein perfekter runder Kreis, wie ihn der Vollmond zeigt, vereint beide Gegensätze und symbolisiert damit Vollkommenheit und Harmonie. Eine kreisrunde Türöffnung wird deshalb Mondtor genannt.

Mondtore finden sich seit der Ming-Dynastie, also seit dem 14. Jahrhundert, in palastartigen Gebäuden wie Hallen und Pavillons sowie auch in Mauern, die Gärten umgeben und gliedern (im Bild: Mondtor als Tür zu einem Schlafzimmer, farbiger Holzdruck auf Papier, ca. 1690-1720, Quing Dynastie, Suzhou, China).
Ein Mondtor ist viel mehr als eine bloße Türöffnung, sondern Teil einer visuellen Inszenierung (im BIld: Blick aus dem Eingangspavillon auf ein Mondtor in einem Wassertor; Chinesischer Garten im Botanischen Garten, Ruhr-Universität Bochum).
Das Mondtor rahmt und lenkt den Blick auf eine durchkomponierte Szene, zum Beispiel auf ein Wasserbassin und die Gartenmauer (Chinesischer Garten im Botanischen Garten, Ruhr-Universität Bochum).

Geschichte des Mondtors

Diese Mondtore finden sich seit der Ming-Dynastie, also seit dem 14. Jahrhundert, in palastartigen Gebäuden wie Hallen und Pavillons sowie auch in Mauern, die Gärten umgeben und gliedern. Kunst und Architektur der Ming-Dynastie gelten als eine kulturelle und wirtschaftliche Hochphase, die räumlich auch Handelsbeziehungen mit Portugal und Spanien umfasste und zeitlich bis in den europäischen Barock reichte. Auch in der nachfolgenden Dynastie, den Qing, wurden kaiserliche wie auch private Gärten und Pavillons weiter kultiviert und kunstvoll ergänzt, beispielsweise mit Fenstern, deren Konturen geometrisch stilisierten Blütenblättern ähneln.

Form, Anordnung und Ausprägungen

Ein Mondtor ist ein ursprünglich leerer Kreis, bei dem die Kontur eine farblich abgesetzte und betonte Laibung bildet. Der Kreis ist dabei etwa 20 cm über dem Boden angeordnet, so als würde er über einer Schwelle schweben. Die hohe Schwelle hat eine symbolische Bedeutung, denn als sogenannte Geisterschwelle verhindert sie, dass böse Geister und Dämonen durch das Tor und damit in ein Haus oder in einen Garten gelangen können. Allerdings gibt es auch nahezu schwellenlose Mondtore, die nach unten rechteckig erweitert sind. In diesen Fällen werden Geister und Dämonen mit anderen Mitteln wie beispielsweise Geistermauern oder Zickzackbrücken abgewehrt.

Der Kreis selbst berührt jedoch – im Gegensatz zu beispielsweise auch im Handel angebotenen heutigen Mondtoren als Gartendekorationen – niemals den Boden oder versinkt in ihm, denn dann wäre die vollkommende Geometrie der Kreisform gestört.

Türblätter, Flügel und Schiebetüren

Ursprünglich dienten bewegliche Wandscheiben wie Paravents als Türblätter. Sie wurden je nach Jahreszeit, Windrichtung und als Schutz vor Niederschlägen parallel dazugestellt. Im Laufe der Zeit wurden Türblätter integriert, die jedoch auf die besondere Geometrie reagieren. Sie sind meist zweiflügelige symmetrische Flügel oder wiederum kreisrunde Schiebetüren.

Visuelle Inszenierung

Ein Mondtor ist jedoch viel mehr als eine bloße Türöffnung, sondern Teil einer visuellen Inszenierung. Im Gegensatz zum europäischen Prinzip der Enfilade, das eine strenge lineare Sichtachse auf einen Endpunkt aufbaut, werden mit Mondtoren jeweils einzelne Bilder geschaffen, auf die sich die Betrachtenden konzentrieren sollen. Das Mondtor rahmt und lenkt den Blick auf eine durchkomponierte Szene, beispielsweise ein Tableau aus nach Form und Farbe ausgewählten Pflanzen, Wasserbecken, kostbarem Mobiliar und Architekturelementen. Kein Bild gleicht dabei einem anderen, zumal die Perspektive mit Nähe, Weite, Größe und Maßstab spielt. Der Duft der Pflanzen und die Töne, die die Regentropfen auf den Blättern oder in einem Wasserbassin erzeugen, erweitern dieses Bild, das sich je nach Jahreszeit wandelt.

Gerichteter Blick, auch im Botanischen Garten Bochum

Während westliche Architekturschaffende dieses geometrische Modell besonders in der Postmoderne zitieren, das ja typologisch Ochsenaugen und Himmelsfenstern ähnelt, basiert das asiatische Prinzip auf dem gerichteten Blick. Wer nicht nach Peking und Suzhou reisen und die von der UNESCO als Weltkulturerbe klassifizierten Gärten und Pavillons besuchen kann, findet einen authentischen chinesischen Garten mit Mondtoren in Bochum. Der Chinesische Garten im Botanischen Garten der Ruhr-Universität Bochum entstand 1990, wobei die Planung durch chinesische Fachleute und die Fertigung der wesentlichen Bauteile durch Facharbeiter in Wuxi erfolgte. Die einzelnen Elemente wurden per Schiff nach Bochum transportiert und dann zusammengesetzt. Der Garten enthält mehrere Mondtore und interpretiert architektonisch eine Sage eines chinesischen Dichters aus dem 5. Jahrhundert, der eine imaginäre und kontemplative Reise in ein Paradies aus Harmonie und Gelassenheit erzählt. -sj

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