MIND Museum, Dänemark

Re-Use-Transformation einer Nervenheilanstalt in ein Museum

Um die vorletzte Jahrhundertwende wurden in ganz Europa sehr viele Krankenhäuser gebaut. Zu dieser Entwicklung trugen eine Phase wirtschaftlichen Aufschwungs durch die Industrialisierung und die steigende Urbanisierung einhergehend mit Bevölkerungswachstum bei. Daraus resultierten soziopolitische Entwicklungen wie beispielsweise die Einführung von Krankenversicherungen und wissenschaftliche Ansätze für eine medizinische Versorgung der Bevölkerung.

Die Architektur: Ein Pastiche eines italienischen Renaissance-Palastes mit nordisch-klassizistischen Akzenten und typisch dänischen beige-gelben Backsteinen.
Das Middelfart Sindssygehospital (wortwörtlich Irrenanstalt) war eine Nervenheilanstalt ausschließlich für Frauen und beherbergte zeitweise bis zu 1200 Patientinnen.
Das Erdgeschoss, im Sinne eines italienischen Palastes ein Piano nobile, beinhaltet die ursprünglichen Krankenzimmer, die entlang eines breiten Korridors aufgefädelt sind.

Im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Armenhäusern, in denen die meisten kranken Menschen ohne Heilungsmöglichkeiten bis zum Tod vor sich hinvegetierten, und den medizinischen Zweckbauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten diese Krankenhäuser ein völlig anderes Konzept. Repräsentative Fassaden zitierten gemäß der damaligen Vorliebe für den Historismus Architekturelemente der Gotik, der Renaissance, des Klassizismus oder mischten diese als eklektizistische Collage. Die Krankenhäuser ähneln deshalb den zeitgleich ebenfalls gebauten Rathäusern, Schulen, Gerichten und Postämtern. Mit stabilen Konstruktionen, hohen Decken und weiten Räumen für Korridore und Treppen eignen sich diese Bauten heute sehr gut für Re-Use-Transformationen zu Hotels mit Design-Anspruch, gehobenen Eigentumswohnungen, Co-Working-Spaces und Museen, wie der Umbau zum MIND Museum von C.F. Møller Architects zeigt. 

Pastiche  

In Middelfart, einer Kleinstadt auf der dänischen Insel Fünen, errichtete 1888 der damals hochangesehene Architekt Vilhelm Valdemar Pedersen (1830-1913) als Teil eines größeren Krankenhaus-Ensembles eine Nervenheilanstalt. Pedersen, königlicher Bauinspektor, Professor an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen und vom dänischen König sogar zum Mitglied eines altehrwürdigen Ritterordens ernannt, entwarf ein Pastiche eines italienischen Renaissance-Palastes mit nordisch-klassizistischen Akzenten und typisch dänischen beige-gelben Backsteinen.  

Organisation und Transformation  

Das Middelfart Sindssygehospital, so der ursprüngliche Name, wortwörtlich Irrenanstalt, war eine Nervenheilanstalt ausschließlich für Frauen und beherbergte zeitweise bis zu 1200 Patientinnen. Erst 1999 wurde die psychiatrische Klinik aufgrund von Modernisierungen und Umstrukturierungen geschlossen. Charakteristisch sind die strenge Symmetrie einhergehend mit einer extrem klaren Organisation von Nutz- und Erschließungsflächen sowie die hierarchische Unterscheidung in die Bereiche für die Patientinnen und die Räume für Ärzte und Personal. Große vier- bis sechsflügelige Fenster dienen der Versorgung mit natürlichem Licht und frischer Luft gemäß des damals zunehmend wichtiger werdenden Mottos „Luft, Licht und Sonne“.  

Das Gebäude wurde in den 1970er Jahren teilweise überformt und seit 1993 bis 2007 schrittweise unter Denkmalschutz gestellt. Die Verwaltung des Krankenhaus-Ensembles, die Stadtverwaltung von Middelfart und mehrere Initiativen entschieden gemeinsam, das Gebäude zu einem Museum für Psychiatrie und geistige Gesundheit zu transformieren. Das Museum wurde MIND Museum getauft, eine Anspielung auf den menschlichen Geist. Es bildet gleichzeitig ein Akronym aus Museum, Information, Netzwerk (dänisch: Netværk) und Dialog.  

Rune Bjerno Nielsen, Partner im Büro C.F. Møller Architects und einer der verantwortlichen Architekten für die Transformation, erläutert: „Der Bestand enthielt bereits einen starken narrativen Rahmen. Wir begriffen sehr früh im Entwurfsprozess, dass die stärkste architektonische Geste darin bestehen würde, das bereits Vorhandene freizulegen und aufzuzeigen, anstatt es zu ersetzen. (...) Viele Museen erzählen Geschichten über Orte. Im MIND Museum ist der Ort selbst Teil der Geschichte. Das Gebäude zeugt physisch vom Wandel der Einstellungen zu psychischer Gesundheit, Behandlung und Gesellschaft. Unser Ziel war es, diese Spuren sichtbar und verständlich zu machen und zugleich ein Museum zu schaffen, das auch heute relevant und funktional ist.“ (Übersetzung SJ)  

Das Architekturteam bezeichnet die räumliche Analyse des Bestands deshalb als eine Erfassung der Gebäude-DNA als grundlegende architektonische Qualität. So sind die Fassaden, die räumlich-funktionalen Zusammenhänge, Materialien und Farben ebenso wie Fenster und Türen sehr sorgfältig aufgearbeitet. Neu hinzugefügt sind nur wenige Interventionen wie beispielsweise ein öffentliches Café und sogenannte Activity Rooms – multifunktionale Versammlungs- und Workshopräume. Insgesamt hat das Museum eine Nutzfläche von 1500 m².  

Raumprogramm, Türen, Fenster, Farbkonzept  

Das Erdgeschoss, im Sinne eines italienischen Palastes ein Piano nobile, beinhaltet die ursprünglichen Krankenzimmer, die entlang eines breiten Korridors aufgefädelt sind. Die Besucher*innen können nun diese Räume genauso erleben wie die damaligen Patientinnen. Die Türen, Laibungen und Sockelleisten sind aus heller, aber robust-massiver Eiche gefertigt. Zwischen ihnen bilden türhohe beige-gelbe Farbfelder eine Art gemalte Täfelung, möglicherweise das Zitat einer Spalliera. Spalliere sind schmückend bemalte Wandpaneele, wie beispielsweise von Sandro Botticelli für den Palazzo Pucci in Florenz. 1861 bis 1865 unternahm Pedersen, finanziert mit einem Stipendium, eine Bildungsreise u. a. nach Italien, dessen historische Architektur ihn nachhaltig beeindruckte.  

Die Fensterprofile sind zwar außenseitig grün lackiert, doch innenseitig ebenso wie die Laibungen weiß gestrichen zugunsten einer angenehmen Helligkeit. Sie wirken zusammen mit den warmen Farben der Wände und des Linoleums auf dem Fußboden harmonisch und beruhigend. Neu hinzugefügte quadratische Fensteröffnungen mit breiten Sitzlaibungen verknüpfen visuell die Korridore mit dem Eingangsbereich. Hier befindet sich die Rezeption mit der Ticketkasse und einer ebenfalls neu hinzugefügten Treppe zur besseren Einbeziehung von Souterrain und Obergeschoss in den Besucherleitweg. Ein Café nimmt das historische und italienisch anmutende Farbkonzept mit Gelb-, Ocker- und Orangetönen auf. Das Mobiliar aus hellen Hölzern verstärkt die warme und einladende Atmosphäre.  

Die grüne Farbe an der Außenseite der Fensterprofile basiert ebenfalls auf chemischen und bauphysikalischen Praktiken des Historismus. Grüne Lackfarben enthielten mit kupferhaltigen Pigmenten Grünspan, der aufgrund seiner Fungizidwirkung Hölzer vor Fäulnis und Schädlingen schützte. Grünspan wiederum bleichte nicht durch UV-Licht aus. Sie war damit dauerhaft und außerdem Symbol für die grünen Landschaften des legendären Arkadiens in der Antike.     

Das Obergeschoss wurde völlig anders gestaltet. Gemäß des Prinzip einer Whitebox entstand eine zeitgenössisch flexible Ausstellungsfläche mit neutral weißen Oberflächen an Wänden und Türen. Die umfangreiche Sammlung zeigt psychiatrische Exponate parallel zu Wechselausstellungen, die die Geschichte der Psychiatrie, geistiger Gesundheit und Wellness thematisieren. Das Museum möchte mit den Tabus, der Verschwiegenheit und dem Verstecken der sogenannten „Irren“ brechen. Es teilt deshalb Berichte von Patientinnen und ihren Angehörigen, zeigt im Krankenhaus entstandene Zeichnungen und Gemälde neben historischen Fotografien, erläutert Diagnosen und Behandlungsformen, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten. So werden nicht nur die verschiedenen Formen von psychischen Erkrankungen, sondern auch die vor der Öffentlichkeit verborgenen und tabuisierten Schicksale der Patientinnen sichtbar und nachvollziehbar.  

Im Souterrain befanden sich zuvor nicht zugängliche Infrastruktur- und Service-Funktionen, die nun als gemeinschaftlich nutzbare Räume der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. In weiteren Bauphasen werden auch die Höfe zwischen den einzelnen Bauten des Krankenhaus-Ensembles zu Sinn- und Skulpturengärten sowie die unterirdischen Verbindungstunnel umgestaltet und in das Museumskonzept einbezogen. -sj

Bautafel

Architektur: C.F. Møller Architects (Sanierung und Transformation); Vilhelm Valdemar Pedersen (Bestand 1888)
Projektbeteiligte: Dan Ljungar arkitekt MAA (Beratung); Søren Jensen Engineers (Ingenieure); Kumulus Agency (Kooperation)
Bauherr*in: Partnerselskabet MIND Danmarks Psykiatriske Museum
Standort: Middelfart, Dänemark
Fertigstellung: 2026
Bildnachweise: Kirstine Mengel, Aarhus (Bilder); C.F. Møller Architects (Pläne)


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