Messenachbericht Cevisama 2024
40. Jubiläum in schwierigen Zeiten
In diesem Jahr beging die spanische Fliesenfachmesse Cevisama, die alljährlich im Februar in Valencia stattfindet (Ausnahmen waren die Coronajahre 2021 und 2022), ihr 40. Jubiläum. Feierstimmung wollte aber nicht so recht aufkommen. Nicht nur glänzten viele Hersteller mit Abwesenheit und luden lieber parallel zu Hausmessen im eigenen Werk im nahegelegenen Castellon (eine Problematik, mit der auch die italienische Cersaie im vergangenen Jahr zu kämpfen hatte, wie hier zu lesen ist); es fehlten außerdem die mehrere Meter messenden Großformate, die Mamoroptiken, die extravaganten, farbintensiven Natursteininterpretationen, die goldenen und glitzernden Fliesendekore sowie die unendliche Varianz von Grautönen – all das, was in den vergangenen Jahren die Messestände dominiert hatte. Stattdessen wähnten wir uns bei unserem Rundgang in einer Interior-Ausstellung unter dem Motto „Living in beige“.
Beige, beige, beige sind alle meine Fliesen
Bei fast jedem Hersteller fanden sich die erwähnten, insgesamt dominierenden sandfarbenen Natursteinimitate – stets mit dezenten Maserungen und Einschlüssen, in matter Ausführung. Zum einen passt die matte Optik besser zum gewünschten soften, warmen und ruhigen Ausdruck der Fliesen, zum anderen, so erklärte man uns am Stand von Halcon, schwemmen polierte Fliesen aus Asien den Markt, weil diese einfach herzustellen seien. Die feine, matte Oberfläche der gezeigten Keramik hingegen sei Ausdruck hoher Qualität. Die Bedeutung hochwertiger Dekore und Oberflächen als „europäisches Alleinstellungsmerkmal“ bestätigte man uns auch bei Apavisa.
Sinnbildlich für diesen Trend war die Standgestaltung des Herstellers Roca: Inspiriert von minimalistischem, japanischem Design mit klaren Linien und naturnahen Materialien entführte eine Holzrahmenkonstruktion mit opaken, textilen Raumtrennern und großen Papierlampions die Besucher*innen nach Fernost. Mit dieser Gestaltung habe man ganz bewusst einen Gegenpol zum aktuellen Weltgeschehen, das von Unsicherheit und Krisen geprägt sei, setzen wollen, erklärte uns Paul Rubio von Roca.
Dass viele Menschen gerade ein Bedürfnis nach Ruhe und Einfachheit verspüren und die Hersteller mit ihrem Angebot einem Kundenbedürfnis entgegenkommen, ist sicher richtig. Andererseits zwingt die angespannte wirtschaftliche Lage die Unternehmen dazu, auf ausgefallene Neuheiten zu verzichten, die sich im Zweifel weniger gut verkaufen. Die Kosten für den Rohstoff Ton sind derzeit teilweise noch immer doppelt so hoch wie vor Beginn des Ukrainekrieges. Darüber hinaus ist der russische Exportmarkt weggebrochen, der besonders opulente Dekore wertgeschätzt hat.
Umsatzeinbruch in der europäischen Fliesenindustrie
Dazu ein paar Zahlen: 2023 ging die Nachfrage auf dem Markt ingesamt zurück. Der geschätzte Umsatz der Branche betrug 4.864 Millionen Euro, das entspricht einem Minus von 14,3 Prozent. Parallel zum Nachfragerückgang fiel die Produktion 2023 um 21 Prozent auf knapp unter 400 Millionen Quadratmeter. Trotz dieses negativen Trends bleibt Spanien damit in der Europäischen Union führend. „Allerdings macht Europa nur noch 8,4 Prozent der weltweiten Produktion aus“, schränkte der Präsident des Markenverbunds Ascer, Vicente Nomdedeu Lluesma, ein, „verglichen mit vor gerade einmal zehn Jahren, als wir den Sektor deutlich anführten. Unsere Produkte konkurrieren auf internationalen Märkten unter ungleichen Bedingungen im Vergleich zu anderen Produzenten, die weniger strenge Arbeits- oder Umweltauflagen erfüllen müssen [..].“ Insbesondere Indien ist auf dem Vormarsch und bereits heute der größte Fliesenproduzent weltweit. Zur Konsolidierung des Sektors soll die Ausbildung der Fliesenleger verbessert und für junge Menschen wieder attraktiver werden.
Die Trends
Innerhalb der aufgrund ihrer Homogenität etwas sedierend wirkenden Produktpalette kristallisierten sich dennoch ein paar Trends heraus. Zum einen ist das Format zu nennen: 60 x 60 cm, 60 x 120 cm oder 120 x 120 cm waren die vorherrschenden Maße. Nur wenige Hersteller zeigten noch größere Platten. Als weiterer Trend war die Kombination von matten und glänzenden Flächen innerhalb eines Dekors auszumachen. Das ist zwar kein ganz neuer Trend, doch die Anbieter scheinen diese Technik in den letzten Jahren verfeinert zu haben und präsentierten einige sehr gelungene Varianten. Zu nennen wäre die Kollektion Reggia von Apavisa, die die Patina alter Leinwände und Papiere auf Keramik bannt. Bemerkenswert auch die Serie Zero aus dem Hause Vives, die feinste schimmernde Partikel in dezente Natursteinoptiken integriert.
Häufig begegneten uns geriffelte Wandfliesen in Grau- oder Beigetönen, etwa bei Roca (Suite Balance) oder Peronda (Alchemy), die etwas Spannung in die reduzierte Farbpalette brachten. Bei Peronda gefielen uns auch die Natursteinoptiken der Kollektionen Lucca und Ghent mit fühlbarer Äderung. Die Fliesen sind zudem in zwei Varianten erhältlich, mit glatter und „gebrochener“ Kante, um einen unperfekten, gealterten Look zu erzielen.
Die Besonderheiten
Ein ausdrucksstarkes – ausnahmsweise tiefblaues bzw. bronzefarbenes – Natursteinimitat entdeckten wir bei Halcón: Piedra Bali in den Farbstellungen Azul und Oxido. Das Feinsteinzeug hat eine matte Oberfläche und eignet sich auch für den Außenbereich. Eine ebenso gelungene, aber hochglänzende dunkelblaue Natursteininterpretation gab es am Stand von Cicogres zu sehen (die Marke agiert ebenfalls unter dem Dach von Halcon): Fame Blue lässt an eine aufgewühlte stürmische See denken. Besonders dekorativ ist auch das ergänzende zwiebelförmige Mosaik Hojas Pulido. Eigentümlich erschien uns hingegen die Kartonnachbildung bei Aparici. Eine echte Besonderheit entdeckten wir am Stand von Apavisa: die 2,60 Meter hohen Platten in spiegelnder Metalloptik der Serie Mirror. Was aussieht wie getöntes Spiegelglas, ist tatsächlich reines Feinsteinzeug.
Die kleinen Bunten
Der überwiegende Teil der Hersteller hat sich produktionsbedingt entweder auf Groß- oder auf Kleinformate spezialisiert. Zu letzteren gehört zum Beispiel Equipe. Riemchenformate in kräftigen, satten Farben bildeten eine willkommene Abwechslung zwischen den beigefarbenen Natursteinimitaten. Mit ihren feinen dreidimensionalen Mustern im Art-déco-Stil blieben uns vor allem die Kollektionen Hopp, Island und Vitral in Erinnerung. Pflichtprogramm für Liebhaber kleiner, bunter Fliesen ist auch der Stand von Cevica. Neben Metrofliesen in allen Farben der RAL- und Pantonepalette bringt der Hersteller jedes Jahr neue, charmante Kollektionen heraus. Herausgestochen ist in diesem Jahr die Serie Waves. Sie umfasst schmale lange Wandfliesen in kräftigen Farben, darunter auch Gold und Bronze, mit glatter und gewellter Oberfläche oder dreidimensionalen Kreisen, die an Butzenscheiben erinnern.
Messestände und Besucherzahlen
Alljährlich zeichnet der Markenverbund Ascer den besten Messestand aus. Den Titel konnte in diesem Jahr das Unternehmen Vives holen. Der Stand war einer der wenigen, der mit kräftigen Farben und einer verspielten Präsentation der Fliesen auf sich aufmerksam machte. Am besten besucht war allerdings der Stand von Peronda bzw. vielmehr der Teil des Stands, der wie ein traditionelles, spanisches Bistro gestaltet war. In gemütlicher Atmosphäre bei Häppchen und Kaffee ließ sich hier der Messehektik entkommen – selbstverständlich mit passenden Retro-Fliesen des Herstellers, wie der Serie FS Star. Imposant war auch der Showroom von Keraben, der derzeit dauerhaft in einer der Messehallen untergebracht ist. Dennoch überlegt der Hersteller, künftig gänzlich der Messe fernzubleiben, wenn der hauseigene Showroom fertiggestellt ist.
Wie eingangs erwähnt war das Thema Hausmessen omnipräsent. Mit jedem Hersteller sprachen wir darüber und hörten teils große Sorge über diese Entwicklung, die den „Tod der Messe bedeute“ (bei Halcon); teils bekannten sich die Unternehmen, selbst eine Hausmesse in Erwägung zu ziehen. Ob sie dort annähernd so viele Besucher*innen willkommen heißen dürfen wie auf der Cevisama, ist zu bezweifeln.
Die diesjährige Ausgabe der Messe besuchten über 70.000
Menschen, wobei die Zahl der internationalen Einkäufer*innen sogar
um vier Prozent gestiegen ist; diese kamen vor allem aus
Frankreich, den USA, dem Vereinigten Königreich, Italien und
Deutschland. Allerdings ist dies ein leichter Rückgang im Vergleich
zur ersten Nach-Corona-Ausgabe im vergangenen Jahr (74.000) und ein
Rückgang um rund 24 Prozent im Vergleich zu 2020. Damals reisten
92.000 Fachbesucher*innen nach Valencia. Ob sich diese
Entwicklungen fortsetzen oder ob wir auch über das 50. Jubiläum der
Messe werden berichten können, bleibt abzuwarten.
-sas