Messenachbericht Cersaie 2018 - Teil II

Im ersten Teil des Messenachberichts zur Cersaie 2018 berichtete unser Autor Michael Spohr, warum es in diesem Jahr kaum wirkliche Neuheiten zu entdecken gab. Im zweiten Teil unseres erfahren Sie, wie das Kunsthandwerk Einzug in die Fliesenbranche hält und weshalb die Fliesenhersteller immer mehr zu Interior Designern werden.

Das Motiv wurde hier mittels digitalem Siebdruck auf die 300 x 100 cm große Platte aufgebracht
Auf maßgeschneiderte Fertigung setzte auch wieder der Parketthersteller Salis: Mit seiner Kollektion Officina 107 kombiniert er unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Werkstoffe wie Holz, Teppiche, Farbanstriche, PVC-Wandbeläge und Majolika- sowie Feinsteinzeug-Fliesen
Mit den geometrischen, abstrakten und figurativen Mustern der Kollektion Bottega 225 von Mirage wird die Fliese zum Hauptbestandteil des Designs im Raum

Tailormade Design sorgt für Innovationsschub

Wie in den Jahren zuvor tummelten sich auf der weltführenden Fliesenmesse auch wieder zahlreiche Anbieter anderer Materialien. Halle 22 beherbergt traditionell die Glas-, Naturstein-, Holz- und Tapetenhersteller. Darüber hinaus finden sich hier aber auch stets aufs Neue interessante Keramikanbieter.

Die auf Oberflächen-Dekorationen spezialisierte Target-Gruppe präsentierte an einem eigenen Messestand ihre neue Abteilung für Großaufträge und Ausstellungsräume unter dem Namen T progetto, zusammen mit der neuen Marke Fuoriformato (bedeutet etwa „außerhalb des Formates”). Hier soll eine echte Designer-Werkstatt entstehen, die dank einer perfekten Mischung aus industriellem Prozess und handwerklichem Können jeden Auftrag zu einem persönlichen und maßgeschneiderten Projekt macht. Als Beispiel für dieses „tailormade design” präsentierte das Unternehmen große Keramiktafeln im Format von 100 x 300 cm (6 mm stark) als neutrale Basis für professionelle Designer, die die Platten mit verschiedenen Oberflächen-Techniken und einzigartigen Texturen und Bildern dekorieren können, um ihre Projekte so zu einzigartigen, maßgeschneiderten Lösungen zu machen. Einige am Messestand anwesende Designerinnen stellten ihre künstlerischen Entwürfe vor, die mithilfe digitaler Drucktechnik auf den Platten verewigt werden. Sie arbeiten hierbei beispielsweise mit Serigrafie (Siebdruck) und bringen zunächst eine Struktur auf die Feinsteinzeug-Oberfläche auf, die anschließend im Digitaldruck-Verfahren weiter bearbeitet wird. Eine weitere Verfahrensweise erinnert an das Kunsthandwerk der Töpferei: Die Platten werden hierbei manuell mit sich wiederholenden standardmäßig im Katalog erfassten Entwürfen bemalt und anschließend gebrannt. Der Kunde kann also nach Katalog bestellen, erhält aber auf dem Industrieprodukt ein Unikat in Form eines kunsthandwerklichen Finishs. Zusätzlich ist es nach Angaben des Unternehmens möglich, nach Kundenentwürfen zu arbeiten.

Auf maßgeschneiderte Fertigung setzte auch wieder der Parketthersteller Salis: Mit seiner Kollektion Officina 107 kombiniert er unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Werkstoffe wie Holz, Teppiche, Farbanstriche, PVC-Wandbeläge und Majolika- sowie Feinsteinzeug-Fliesen.

Probleme im Wandbereich bereiten den keramischen Fliesen und Platten zunehmend die Tapetenkollektionen von Herstellern wie Londonart oder Wall & Deco, die es fugenlos mit fortlaufendem Rapport und sogar für den Einsatz in Dauernassbereichen gibt. Auch hier sind dank neuer Produktionstechniken unendlich viele Dekorationsmöglichkeiten realisierbar. Die italienischen Feinsteinzeug-Hersteller ABK und Mirage versuchen hingegen ihrerseits in die Tapetendomäne einzudringen, indem sie mit den neuen Kollektionen Wide & Style sowie Bottega 225 tapetenartige Bilder für Wandanwendungen offerieren. Darüber hinaus sind fünf Designer-Sammlungen erhältlich, die mit einem optionalen Sekundärbrandverfahren angeboten werden, welches sie resistent gegen Chemikalien und UV-Strahlung macht.

Glas – insbesondere in Form von Mosaik – wurde früher häufig mit Fliesen kombiniert. Hersteller wie Vetrocolor, Bisazza und Sicis bieten es heutzutage jedoch ebenfalls als Fliesen- und Plattenware an.

Ein optisches Feuerwerk auf der Cersaie zündete in diesem Jahr Sicis mit seinen großformatigen Gem Glass-Platten. Die 6 mm starken Wand- und 10 mm starken Bodenplatten mit Rutschhemmung R 10 hat der Hersteller in allen Farben um eine R 12-Variante ergänzt. Vetrite gibt es in verschiedenen Finishes. Zudem bietet der Glasmosaik-Spezialist seit Neustem auch 12 oder 14 mm starke Tischplatten aus Vetrite an, die mindestens zu 70 Prozent aufliegen müssen. Neu sind daneben auch Übergrößen in 18 Farben, die es zusätzlich zum Standardformat 120 x 280 cm im Format 138 x 290 cm geben wird.

Pibamarmi, Petra Antiqua und TWS gehen dem Naturstein-Wettbewerb auf  der Marmomac in Verona aus dem Weg und verzeichnen seit Jahren gute Erfolge mit ihren Naturstein-Präsentationen auf der Cersaie. Ähnliches gilt auf dem Holzbodensektor für die Aussteller Parchettificio Garbelotto, Bruno Parquet, Giacobazzi Parquet, Original Parquet, Ravaioli Legnami und Mardegan Legno. Echte Terrazzofliesen von Grandinetti, Lehmputze von Matteo Brioni, Echtmetall von De Castelli, handgefertigte und -kolorierte Fliesen von Cotto Etrusco sowie handglasierte Keramikfliesen und Sanitärobjekte von Pecchioli rundeten das Produktportfolio ab.

Interior Design von Fliesenherstellern

Um neue Märkte konzentriert anzugehen, haben einige Hersteller eigene Marken bzw. Geschäftsbereiche ins Leben gerufen, beispielsweise die Florim-Gruppe mit ihrer eigens für den Absatz von Arbeitsplatten gegründeten neuen Unternehmenssparte Florim Stone. Die Atlas Concorde-Gruppe ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat mit Infinity einen neuen Geschäftsbereich geschaffen, der sich auf die Verarbeitung der großen Platten in allen Stärken zu dekorativen Einrichtungselementen oder als Außenverkleidung auf geklebten oder hinterlüfteten Fassaden konzentrieren soll – und zwar mit technischer Unterstützung bei der Planung.

Eine weitere Möglichkeit der Profilierung im Wettbewerb stellen die bereits erwähnten Fertigarbeiten dar. Die spanische Porcelanosa-Gruppe hat hierzu mit der Premium Collection ein nahezu vollständiges Komplettprogramm für die hochwertige Inneneinrichtung aufgelegt. Es umfasst – neben den eigentlichen Wand- und Bodenfliesen der Gruppe – die Naturmaterialien-Kollektionen der Marke L’antic Colonial (unter anderem mit Naturstein), die Badausstattungs-Produkte der Marken Noken sowie Systempool, das Mineralwerkstoff-Portfolio der Marke Krion sowie die Küchen der Marke Gamadecor. Porcelanosa wird damit vom Fliesenhersteller zum Vollsortimenter für interior design.

Porzellankeramik-Hersteller Cotto d’Este hat es geschafft, seine Platten bei einigen namhaften Einrichtungsmarken unterzubringen und zeigte beispielsweise einen von Scavolini designten Waschtisch auf seinem Messestand. Eigene Bad-Design-Kataloge haben ABK und Flaviker ebenso herausgebracht wie Ariana.

Auch Agrob Buchtal hat sich einen Fertigungsbetrieb ins Boot geholt. Das von dem Schwarzenfelder Hersteller seit neuestem vermarktete System Surf by Gerloff beinhaltet von dem Badsystem-Anbieter Gerloff gefertigte keramische Waschtische und ein keramisches Duschbodensystem. Im Zusammenspiel mit den Wand- und Bodenfliesen von Agrob Buchtal ermöglichen diese Komponenten schlüssige Gesamtkonzepte für die Badeinrichtung. 

Agrob Buchtal wartete am Cersaie-Messestand in diesem Jahr noch mit einer weiteren Neuheit jenseits der reinen Kollektionsaktualisierungen auf – mit den DryTiles zur losen Verlegung von Fliesenbelägen. Die DryTile-Fliesen verfügen über eine rückseitig aufgesinterte 2,5 mm starke Korkgranulat-Schicht, die allseitig definiert übersteht, so dass sich beim Aneinanderstoßen eine exakte Schmalfuge ergibt, die mit einer speziell entwickelten System-Fugmasse (mit besonders hoher Flankenhaftung) zu verfüllen ist. Erfunden haben das System die Brüder Rainer und Harald Kneidinger, deren Unternehmen Trison für das neue Verlegesystem eine Systempartnerschaft mit Agrob Buchtal eingegangen ist. Die Brüder Kneidinger übrigens kommen ursprünglich gar nicht aus der Fliesenverlegung, sondern betreiben in Hauzenberg im bayerischen Wald den Betrieb Kneidinger Naturstein.

Nach den Angaben von Pressechef Werner Ziegelmeier soll DryTile die herkömmliche Verlegung nicht ersetzen, sondern ergänzen und Projekte erschließen, bei denen die Entscheider Keramikfliesen bis dato nicht unbedingt „auf dem Schirm“ hatten. Das könnte aufgeschlossenen Fachhandwerkern und Händlern neue Potenziale ermöglichen, so Ziegelmeier. Auf geeigneten ebenen Untergründen ermögliche der DryTile-Einsatz eine bis zu achtfach schnellere Verlegung als beim herkömmlichen Fliesenlegen, so die Presserklärung der Deutschen Steinzeug.

Keramische Fliesen und Platten in Zukunft

Wie die Zukunft der keramischen Fliese aussehen kann, lässt sich alle zwei Jahre in Rimini auf der Tecnargilla erahnen, der internationalen Messe für Technologie und Accessoires in der Keramikindustrie, die in diesem Jahr parallel zur Cersaie stattfand und bereits die Fliesen zeigte, die vielleicht im kommenden oder im übernächsten Jahr in Bologna zu sehen sein werden. Auf der Tecnargilla tummeln sich Anlagen- und Maschinenbau-Unternehmen ebenso wie Rohstofflieferanten und Anbieter digitaler Dekorationen, Farben und Glasuren. Die Veranstaltung richtet sich außerdem nicht ausschließlich an Fliesenhersteller, sondern auch an die Ziegelindustrie und die Hersteller von Sanitärobjekten sowie von Geschirr aus Keramik.

Was indes die Fliesenproduktion angeht, standen in diesem Jahr an den Messeständen sowie in der Sonderausstellung Ceramic Age Großformate bis zum Format von 480 x 180 cm, Geometrien mit bis zu 2 mm hohen Reliefs, dreidimensionale Effekte und das Spiel mit unterschiedlichen Dicken im Fokus. Die führenden Anlagenbauer Sacmi, Siti und System, Rohstoff-Lieferanten wie Torrecid, LB und Colorobbia sowie die Hersteller industrieller Drucksysteme wie Durst oder Xaar präsentierten hier ihre neuesten technologischen Innovationen.

Und auch auf dem 10. ACIMAC-Jahrestreffen, der Konferenz der italienischen Vereinigung der Keramikmaschinen- und Anlagenhersteller, mit der die Tecnargilla traditionell eröffnet wird, standen die neuesten Entwicklungen bei Materialien und Technologien für die Herstellung der „Keramik der Zukunft“ im Mittelpunkt. Dies sind Endlosfertigungen, dekoriert mit volldigitalen Systemen und hergestellt in smarten Fabriken, die die Kriterien von Industrie 4.0 erfüllen.

Erstmals befasste sich die Konferenz – aus aktuellem Anlass – aber auch mit umweltfreundlichen Verfahren zur Produktion innovativer Oberflächen in Längen von drei Metern und mehr. Die Kohlendioxid-Emissionen aus der Keramikindustrie sind in den europäischen Emissionshandel einbezogen, so dass die Firmen Emissionsrechte kaufen können bzw. müssen. Zudem befürchten die Hersteller, dass in der europäischen Union Planungen umgesetzt werden, die Anzahl der zur Verfügung stehenden Emissionsberechtigungen (und damit die Emissionen selbst) in den kommenden Jahren sukzessive deutlich weiter zu verringern.

Zum anderen sind negative Umweltauswirkungen durch die Digitaldruck-Technik in letzter Zeit verstärkt in den Fokus gerückt. Die Rohstoff-Hersteller setzen daher vermehrt auf umweltfreundliche(re) Produkte, um Lösungen zur Einhaltung der zukünftigen Emissionsgesetzgebung und anderer Umweltauflagen anbieten zu können. Torrecid etwa warb bei seinem Cersaie-Messeauftritt für die erste Produktionslösung, die keramische Großplatten in einem vollständig digitalen Prozess auf Wasserbasis (statt wie bisher auf Lösemittel-Basis) glasiert und dekoriert. EcoInk-Cid ist eine Lösung für die Keramikindustrie, die auf jeder digitalen Druckmaschine eingesetzt werden kann.

Mehr Fliesen, mehr Besucher

Die jährliche Produktionsmenge keramischer Fliesen und Platten steigt weiterhin an, zumindest in Italien. Wie der stellvertretende Vorsitzende der Confindustria Ceramica, Emilio Mussini während der Eröffnungs-Pressekonferenz mitteilte, habe es in 2017 zum siebten Mal in Folge eine Wertsteigerung gegeben sowie zum sechsten Mal in Folge auch eine Steigerung der Produktionsmengen auf aktuell 422 Milionen Quadratmeter. Sechs Jahre nach der Krise sind zwar noch nicht wieder die alten Produktionszahlen erreicht, aber die Unternehmen investieren wieder in Produktionskapazitäten.

Was die Besucherzahlen angeht, verzeichnete die Messe noch einmal einen Minianstieg um 0,04 Prozent (112.104 gegenüber 111.604 im Vorjahr); dieser resultiert aus 1,6 Prozent mehr ausländischen Besuchern; die Zahl italienischer Besucher um 0,6 Prozent sank. Die Zahl der Aussteller auf der 156.000 qm großen Ausstellungsfläche stieg um 17 Prozent auf 869 Firmen im Vergleich zu 2016. Stärkste Warengruppe waren wie stets die Keramikfliesen mit 457 Ausstellern, gefolgt von den Badezimmerausstattern, die mit 197 Unternehmen ebenfalls traditionell eine wichtige Stellung im Messeangebot einnehmen.

Die Messe Cersaie ist seit einigen Jahren auch für die Ausrichtung einer thematisch definierten Sonderschau bekannt. In diesem Jahr stellten die Kuratoren Angelo Dall’Aglio und Davide Vercelli die Schau unter das Thema Musik. „Der Zeitraum von 1976 bis 1983 war einer der musikalisch und sozial betrachtet phantasievollsten Momente“, schwärmt Angelo Dall’Aglio, „die Entstehung und die Koexistenz unterschiedlichster Stilrichtungen haben diese Jahre zu einer wahren Fundgrube gemacht, aus der wir mit vollen Händen schöpfen.“ Die rund 700 qm große Ausstellung in der funkelnagelneuen Halle 30 beschäftigte sich mit dem Konzept der ‚Ambientemusik‘ mit ikonischen Bildern dieser Jahre. 

Und schließlich erneuerte sich auch die Partnerschaft zwischen der Cersaie und der Bologna Design Week (BDW) zum vierten Mal. Gemeinschaftlich zelebrierte man im historischen Stadtkern von Bologna die Woche der Keramik für Architekturobjekte und Badezimmerausstattung. BDW-Kreativdirektorin Elena Vai unterstrich in ihrer Eröffnungsrede, dass „dieser jährliche Termin das Thema der Projektkultur fördert und die Rolle des Designs als Innovationsinstrument für den kontinuierlichen, kulturellen und nachhaltigen Wandel der Stadt analysiert“. Historische Paläste, Kunstgalerien, entweihte Kirchen, ungewöhnliche Standorte und Showrooms öffneten sich für keramische Programmevents.

Pollution 2018 RefleAction

Ein besonderes Projekt inszenierte die Iris Ceramica-Gruppe mit ihren Marken an der historischen Piazza Santo Stefano im Herzen Bolognas. Unter dem Namen Pollution hatte die Gruppe sich hier bereits 1972 des Themas Umweltverschmutzung angenommen, als dieses noch gar nicht als gesamtgesellschaftliches Problem gesehen wurde.

46 Jahre später veranstaltete sie auf demselben Platz erneut ein Projekt unter dem Namen Pollution 2018 – RefleAction. In Zusammenarbeit mit einer Gruppe junger Architekten der SOS – school of sustainability unter der Leitung von Mario Cucinella ließ sie einen kleinen Wald innerhalb einer verspiegelten Installation errichten. Vor und in dieser Installation fanden allabendlich während der Cersaie musikalische Darbietungen, Lesungen und Performances zum Thema Umweltverschmutzung statt – zum Teil von denselben Künstlern wie im Jahr 1972. Absicht des Projekts war es, Architektur, Kunst und Landschaft zu verbinden und die Wahrnehmung des urbanen Raums als Ort der Versöhnung zwischen Mensch und Natur zu verstärken.

Text: Michael Spohr, Essen

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