Mehrfamilienhaus im Hunsrück

Schieferdeckung für ein neu interpretiertes Quereinhaus

Zur historischen Baukultur in der Region rund um das Rheinische Schiefergebirge, also unter anderem im Saarland, in der Eifel, im Hunsrück oder im Raum Trier, gehört das Quereinhaus – ein langes, quergeteiltes Bauernhaus. Dabei reihen sich unter einem Dach und durchlaufendem First das Wohnhaus, der Stall und die Scheune parallel zur Dorfstraße. Die traufständigen, einheitlich gestalteten Gebäude zeugen aufgrund der Erschließung und Fensteröffnungen von den unterschiedlichen Nutzungsbereichen. Ein solches historisches Quereinhaus befand sich auch im Zentrum der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Birkenfeld, bevor das Haus einem Brand vollständig zum Opfer fiel.

Position und Kubatur aber allen voran die traufständige Ausrichtung orientieren sich am Vorgängerbau.
Die Gestaltung kennzeichnet eine monolithische Gebäudehülle aus Schieferplatten in Bogenschnittdeckung oberhalb des Sockels.
Am Dach verschmelzen die dunkle Naturschiefereindeckung und die PV-Module optisch miteinander.

Anstelle dessen entstand bis 2025 ein Mehrfamilienhaus nach Plänen des regional ansässigen Büros PUR+ Architekten aus Kasel bei Trier. Angelehnt an die Position, Kubatur und Ausrichtung des Vorgängers schuf das Planungsteam einen langgestreckten Baukörper, der nun auf drei Geschossen neun Wohn- und eine Gewerbeeinheit beherbergt. Rückseitig entstand ein zusätzliches, kleineres Haus, das zwei Maisonettewohnungen aufnimmt und über das durchgehende Erdgeschoss, einer überdachten Parkgarage, auch baulich mit dem Haupthaus verbunden ist.

Fortgeschriebener Regionalismus in Konstruktion und Gebäudehülle

Im Vergleich zum Vorgängerbau, der sich in historischen Bildern mit einer horizontalen Gliederung aus Putzfassade, Schindelkleid bzw. Fachwerkgiebel und Ziegeldach zeigt, greift der Neubau auf ein weiteres Merkmal regionaler Baukultur zurück. Oberhalb des Sockels ist das Ensemble mit Schiefer bekleidet, der monolithisch von der Fassade in die Dachdeckung übergeht. Konstruktiv greift der Nachfolger jedoch wiederum auf das typologische Vorbild zurück und schichtet eine Leichtbauweise – diesmal als Holztafelbauweise statt der Fachwerkkonstruktion – auf den massiven Sockel – diesmal in Stahlbeton statt Bruchstein. Die nun eingesetzten Massivholzdecken werden zum elementaren Teil der Tragstruktur.



Die Schiefereindeckung an Dächern oder Fassaden ist ein typisches Merkmal der Hunsrückhäuser, bedenkt man die regionale Verfügbarkeit und raue Witterung, der sie ausgesetzt sind. Das Mehrfamilienhaus in Birkenfeld greift das Material ebenfalls großflächig auf. Dabei gehen die Decksteine fließend von den Fassadenflächen über die Traufe in die Dachflächen über. Die als Bogenschnittdeckung ausgeführte Gebäudehülle wirkt monolithisch und homogen.


Integrierte Photovoltaik

Das mit einer steilen Neigung von 45° ausgeführte Dach wird zur verlängerten Fassade. Straßenseitig nach Süden zeigt sich zunächst eine dichte Reihe von Dachflächenfenstern und drei Dachloggien, während zum First hin zwei Reihen Photovoltaik montiert sind. Optisch verschmelzen die Fensterflächen und die in die Dachfläche integrierten Module mit der dunklen Schiefereindeckung. „So verbindet die Gebäudehülle regionale Identität mit den Anforderungen an ein energieeffizientes und zukunftsfähiges Wohngebäude“, wie die Architekt*innen ihren Entwurf selbst beschreiben.

Handwerkliche Dachausführung

Die hinterlüftete Dachkonstruktion setzt sich aus vorgefertigten, hochgedämmten Holzelementen zusammen. Dabei sind eine Zwischensparrendämmung und eine zusätzliche Aufdachdämmung aus Holzfasern kombiniert. Von innen nach außen bildet den Dachaufbau der Raumabschluss aus 12,5 mm Gipskarton, eine 30 mm tiefe Installationsebene, eine 22 mm dicke OSB-Platte, die zwischengedämmten Sparren mit 300 mm, eine 60 mm dicke Holzweichfaserplatte, eine Unterspannbahn, die Konter- und Traglattung mit jeweils 30 mm sowie die Schieferplatten beziehungsweise die in die Dachfläche integrierte PV-Anlage.



Am First treffen Schiefer-, PV- und Metallelemente konstruktiv aufeinander und sind über sorgfältig ausgearbeitete Anschlussdetails miteinander verbunden. Das regional ansässige Holzbauunternehmen, das auch für die elementierte Vorfertigung zuständig war, übernahm die Montage vor Ort inklusive der Traufausbildungen und Firstanschlüsse. Der Dachdecker konnte anschließend die Schiefereindeckung vornehmen sowie die PV-Module in die Flächen integrieren.

Bautafel

Architekten: PUR+ Architekten, Kasel (bis 2023 Architekten Stein Hemmes Partner)
Projektbeteiligte: ZBI Zimmermann Ingenieure (Tragwerksplanung), Ochs GmbH (Holzbau), Markus Schlarb GmbH (Dachdeckung), Schneider Bau GmbH (Betonbau), GEWG Bauphysik GmbH (Bauphysik), Ingenieurbüro Josef Schleimer GmbH (TGA), Brandschutz Friedrich (Brandschutzplanung), Josef Barth GmbH (HLS), Schneider Elektro GmbH (Elektroplanung), Werle & Fröhner GmbH (Garten- und Landschaftsbau)
Bauherr: privat
Standort: 55765 Birkenfeld
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Linda Blatzek, Julie Lorang (Bilder nach Fertigstellung), PUR+ (Baustellenbilder und Pläne)

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