Maria-Ward-Schule in Nürnberg
Offene Lernräume für eine zeitgemäße Pädagogik
Die katholische Maria-Ward-Schule in Nürnberg hat eine bewegte, rund 170 Jahre alte Geschichte und musste sich in dieser Zeit immer wieder räumlich und pädagogisch verändern. Seit 1961 besetzt sie ein prominentes Grundstück am Ufer der Pegnitz, zwischen Technischer Universität und Innenstadt. Die Nachkriegsgebäude galten als marode und nicht funktional für eine zeitgemäße Pädagogik. So wurden sie abgerissen und 2022 durch einen Neubau von H2M Architekten abgelöst.
Neubau: kompaktes Hofgebäude
Das kompakte Hofgebäude steht am östlichen Grundstücksrand und lässt damit Platz für einen Pausenbereich auf den nun freigeräumten Flächen. Über vier Geschosse verteilen sich drei Schulzweige – Grundschule, Realschule und Gymnasium – und zehn Funktionsbereiche: 65 Klassenräume, Fachräume, einen Fachlehrsaal, eine Lehrendenbibliothek, Verwaltungs- und diverse Technikräume, einen Musikbereich, eine Ganztagesschule, eine Aula und Pausenflächen im Hof und auf der Dachterrasse. Hinzu kommt eine unterirdische Dreifachsporthalle. Die Mensa mit Küche kam im Erdgeschoss des benachbarten, sanierten Konvents unter, der über einen verglasten Gang mit dem Neubau verbunden ist.
Pädagogisches Konzept
Die Schule lehrt nach dem Marchtaler Plan, der reformpädagogische Elemente enthält. Wichtig sind die gelebte Gemeinschaft in Ritualen, Morgen- und Abschiedskreisen, das fokussierte, selbstbestimmte Arbeiten sowie der fächerverbindende Unterricht und dessen Verknüpfung mit demokratischen und christlichen Werten. Konkret bedarf die Pädagogik offener und flexibler Räume für individuelle, zeitgleich stattfindende Lernformate: hier ein Kind in konzentrierter Stillarbeit, dort eine altersgemischte Diskussionsgruppe. Zudem braucht es Räume für die Zusammenkünfte und Feste der Schulgemeinde.
Lernlandschaft und Brandschutz
Das Architektenteam organisiert die Räume in Schichten, die einen Innenhof und ein benachbartes Atrium einrahmen: An der Außenfassade liegen die Klassenzimmer, die sich über Verbindungstüren zusammenschalten lassen. Das ermöglicht ihre flexible Nutzung und sichert zudem den zweiten Fluchtweg sowie den Zugang zu einem der fünf Treppenhäuser. Im Gegenzug bleiben die Gänge entlang der Hoffassade und die Galerien im Atrium frei von Brandschutzanforderungen und lassen sich somit als Aufenthaltsräume nutzen. Entlang der Klassenzimmer weiten sich die Flure zu offenen Bereichen, gegliedert durch vereinzelte Wandelemente mit Sitznischen. Sie ordnen den Klassen jeweils individuell möblierbare Lernzonen zu, die durch die Glaswände der Unterrichtsräume gut einsehbar sind.
Akustik und Beleuchtung
Den Schallschutz sichern Akustikbaffel, die durchgängig in gleichmäßigem Rhythmus von der Decke hängen – in den Klassenräumen wie in den Gemeinschaftsflächen. Langfeldleuchten hängen bündig zwischen den Akustikbaffeln und sind zusätzlich an die Decke montiert, wo sie die Raumkanten akzentuieren. Auf diese Weise sorgt die Beleuchtung nicht nur für gleichmäßige Helligkeit in den Fluren und Lernbereichen. Sie hebt auch die Ausrichtung und Dreidimensionalität der Deckenstruktur hervor, betont die Zonierung der Flächen und verbessert die Orientierung im Gebäude.
Auftakt mit Atrium und Treppe
Für mehr Tageslicht und Raumbezüge in der Vertikalen sorgt das ovale, viergeschossige Atrium, das den Hof mit dem Nordeingang des Gebäudes verbindet. Zusammen mit einer Wendeltreppe bildet es einen einladenden Auftakt beim Betreten der Schule. Die Treppe stützt sich auf ein kreisförmiges Betonpodest mit hölzernen Sitzflächen und einer bodenseitigen VSG-Verglasung, die das schmale Treppenauge nachzeichnet. Von dort wendelt sie sich ellipsenförmig durch alle Geschosse und findet im dachseitigen Oberlicht ihren gestalterischen Endpunkt.
Die Treppe ist freitragend, lediglich am Boden verdübelt und an den Podesten auf die Geschossdecken aufgesetzt. Die dafür notwendige Stabilität ergibt sich aus den zu einer statischen Einheit fest verschweißten Stahlbauteilen: die brüstungshohen Flachstahlwangen, die Faltwerk-Kastenstufen, die Zwischenpodeste und die bündige Untersichtsverkleidung. Um die Treppe in den Rohbau zu befördern, wurde sie in vorgefertigten Einzelteilen geliefert, die vor Ort miteinander verschweißt, geschliffen und lackiert wurden.
Vertikale Durchdringung
Die Geschosskanten sind mit Zargen aus Flachstahl verkleidet, die so weit nach unten überstehen, dass sie bündig mit den Akustik-Baffeln abschließen. Oberseitig schließen Ganzglasbrüstungen an, die mit U-Profilen im Boden eingeklemmt und mit einem Edelstahlhandlauf vor Kantenbrüchen geschützt sind. Die Glasflächen bringen mehr Tageslicht in den Treppenraum und ermöglichen weite Sichtbezüge. Die Treppe selbst hat auf beiden Seiten einen Handlauf aus Eichenholz, der über eine Lichtvoute hell angestrahlt wird. Das ergibt in der Ansicht eine besondere Wirkung: Die Treppe schraubt sich präzise, elegant und mit Leichtigkeit empor und durchdringt dabei die Betondecken, die wegen der abgehängten Baffeln massiver wirken, als sie tatsächlich sind.
Bautafel
Architektur: H2M Architekten, Kulmbach/München
Projektbeteiligte: Konzeptlicht, Berlin (Lichtplanung), Freese Fußbodentechnik, Bremen (Bodenbeläge); METALLART Treppen, Salach (Treppen); Gustav Biedenbacher Garten- und Landschaftsbau, Kammerstein (Außenanlagen); Schindler Fenster + Fassaden, Roding (Fassadenbau); Vetrotech Saint-Gobain / Lindner, Arnstorf (Glastrennwände); CLIMAplusSECURIT / Vandaglas Eckelt / Saint-Gobain Glass (Verglasungen)
Bauherr*in: Erzdiözese Bamberg
Fertigstellung: 2022
Standort: Keßlerplatz 2, 90489 Nürnberg
Bildnachweis: Ralf Dieter Bischoff; Laura Thiesbrummel; Linus Lintner, H2M Architekten
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