Holzrotonda in Rotenburg bei Bremen
Villa in Faserzement
Sie gilt als Idealentwurf der Renaissance: die Villa Rotonda bei Vicenza. Mit einem Einfamilienhaus, 40 Kilometer östlich von Bremen, nehmen Wirth Architekten ironisch Bezug auf Palladios berühmte Villa aus dem späteren 16. Jahrhundert. Die Holzrotonda soll aber auch ein kritisches Statement sein zu dieser nach wie vor vielfach präferierten Wohnform und dessen Flächenverbrauch.
Bei dem Entwurf der Bremer Architekten geht es keineswegs, wie bei Palladio, um Proportionen und ideale Formen, wenngleich auch hier eine Kreisform ins Zentrum des allerdings nur annähernd quadratischen Grundrisses gestellt ist. Das in einem peripheren Einfamilienhausgebiet in Rotenburg an der Wümme gelegene Haus, das sich deutlich von seinen Nachbarn abhebt, ist um eine schmale Stahl-Spindeltreppe herum organisiert.
Wohnen auf kleinem Fuß
Das Erdgeschoss misst nur 25 Quadratmeter und beschränkt sich auf Garderobe, Gäste-WC und einen Abstellraum. Das pilzartig auskragende Obergeschoss mit 110 Quadratmetern wird von zehn schlanken, umlaufenden Stahlstützen gehalten, die auf einem Ringfundament stehen.
Oben befinden sich – diagonal gegenüber – der Wohnbereich im Südosten und der Koch- und Essbereich im Nordwesten. Hinzu kommen zwei Kinderzimmer im Westen und Südwesten, das Bad im Nordosten und das Elternschlafzimmer im Osten. Über der Treppe, am höchsten Punkt des Hauses, befindet sich eine Gäste-Galerie mit zwei seitlichen Schlafnischen und einem annähernd quadratischen, großen Gitterrost mit Durchblick nach unten.
Vorgefertigte, demontierbare Holzrahmenelementen bilden die Primärstruktur des Hauses. Die Wandoberflächen im Inneren sind weitestgehend in roher OSB-Optik, die Decken hingegen weiß gehalten. Große Panoramafenster im Wohn- und Essbereich sorgen für eine großzügige, offene Atmosphäre bei bewusst eingeschränktem Flächenangebot.
Fassade: Villa in Faserzement
So minimalistisch wie der Grundriss gibt sich auch die Fassade: Das Erdgeschoss wurde mit zementgebundenen Spanplatten, das auskragende Obergeschoss und das sehr flache, gekappte Zeltdach mit grauen Faserzement-Wellplatten verkleidet. Dabei gehen Dach und Wand des Obergeschossvolumens ohne Überstand und ohne Dachrinne ineinander über. Selbst auf einen außenliegenden Sonnenschutz wurde verzichtet.
Bis auf die südwestseitige Straßenansicht, wo sich drei stehende Lochfenster befinden, sind alle Fassaden asymmetrisch gestaltet. Die Nordwest- und Südostfassade zeigen jeweils ein großes, außermittig gesetztes Panoramafenster, die Nordostfassade zwei kleinere Fenster für Bad und Küchenzeile.
Bautafel
Architektur: Wirth Architekten, Bremen
Projektbeteiligte: Jan Wirth und Benjamin Wirth (Projektleitung), Sebastian Meier, Yuqa Septiani, Fiona Weidenfeller, Roman Balzer (Mitarbeiter Architekturbüro), Josef Schaller, Cordes Holzbau, Rotenburg (Bauleitung), Dipl.-Ing. M. Oberhokamp, Lemgo (Tragwerksplanung)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2024
Standort: Rotenburg (Wümme)
Bildnachweis: Caspar Sessler, Bremen (Fotos); Wirth Architekten, Bremen (Pläne)
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