Hochhaus One in Frankfurt am Main
Tanzende Lisenen mit windstabilem Metallbehang
Was wäre Frankfurt am Main ohne seine Hochhäuser? 2022 ergänzte der Hotel- und Büroturm One die Skyline. Entworfen wurde das 190 Meter hohe Gebäude von Meurer Architektur + Stadtplanung; die Innenraumgestaltung übernahm das Büro Rafael de la-Hoz.
Am Rande des ehemaligen Hauptgüterbahnhofs gelegen, ist der Turm Teil einer seit über zwanzig Jahren voranschreitenden, massiven Transformation: Ab den frühen 1990er-Jahren zog sich der Bahnbetrieb schrittweise zurück und der Containerverkehr wurde an den Ostbahnhof verlagert. Anfang der 2000er-Jahre rückten die Abrissbagger an und schufen Platz für das Europaviertel.
Auf den freigewordenen Flächen entstanden zunächst zwei Hallen für das benachbarte Messegelände. Jahr für Jahr folgten dann Wohnblöcke, Hotels, Bürotürme und ein Park. Unmittelbar neben den Messehallen, umgeben von weiteren Bürotürmen und dicht an eine riesige Shoppingmall gerückt, stehen nun das Hochhaus One und dazu ein achtgeschossiges Parkhaus mit 470 Park- und 600 Fahrradstellplätzen.
Gliedernde Versprünge
Der schlanke Turm steht mit der Schmalseite zur Straße. Unten ist die Front abgeschrägt, darüber weist ein kantiger Kopf – eine Auskragung ab dem 34. Obergeschoss – Richtung Nordosten. Er nimmt damit Bezug auf die benachbarten Hochhäuser Kastor und Pollux und den dazwischen gelegenen Platz der Einheit – das als Tor zum Europaviertel fungiert.
Auf der Rückseite findet sich analog dazu im 15. Obergeschoss ein schräger Rücksprung, durch den eine Dachterrasse entstand. Auf diese Weise ist der Gebäudekörper gut sichtbar in drei Abschnitte gegliedert. Durch die weiße, rhythmisch gerasterte Fassade erscheinen die einzelnen Geschosse leicht zueinander verschoben.
Gemeinsame Lobby, getrennte Erschließung
Ziel des Entwurfes ist die konsequente Trennung der Funktionsabläufe der beiden Nutzungen. So gibt es zwar eine gemeinsame „Shared Lobby“ im Erdgeschoss, jedoch separate, repräsentative Eingänge und Aufzüge. Neben Büro- und Hotelempfang befinden sich hier eine Lounge, eine Cocktailbar und ein Café. In den ersten 14 Obergeschossen sind die 375 Hotelzimmer, ein Konferenzbereich, ein Restaurant, ein Fitnessraum und ein Wellness-Bereich angesiedelt.
Die Geschosse 15 bis 21 beherbergen Co-Working-Bereiche und Technikräume. Darüber stapeln sich wiederum Büroflächen sowie Zonen für informellere Besprechungen und Arbeitssituationen. Im 47. Geschoss befindet sich eine öffentlich zugängliche Skybar mit umlaufender Dachterrasse, von der aus man einen eindrucksvollen Ausblick auf Frankfurt hat. Dank der acht Hochgeschwindigkeitsaufzüge sind die oberen zwei Drittel des Turms in nur wenigen Sekunden erreichbar.
Optionsreiche Büroflächen
Erschließungs-, Technik- und Sanitärräume sind in einem länglichen, zentral gelegenen Kern angeordnet, sodass zur Fassade hin eine flexible Raumaufteilung möglich ist. Jede Büroebene lässt sich in vier Mieteinheiten unterteilen, die unabhängig ausgebaut werden können: vom Zellenbüro bis hin zum frei möblierbaren Großraumbüro. An vordefinierten Stellen reversible Deckenplatten erlauben, mehrere Bürogeschosse zu verbinden und Lofts oder Maisonetten zu schaffen – von den Architekt*innen Skylobbies genannt. Kurze Umbauzeiten und individuellen Komfort gewährt der Einsatz individuell steuerbarer Hybridkühlsegel an den Decken. Gelüftet wird mechanisch und über die Fenster.
Fassade: Module unterwegs auf der Monorail
Ein Netz aus scheinbar unregelmäßigen weißen Lisenen legt sich um den Baukörper. Wer näher tritt, erkennt das Auf und Ab der horizontalen und vertikalen Glieder, das die lebendige, vielschichtige Oberflächenstruktur erzeugt. Hinter diesem Effekt verbirgt sich eine einschalige, elementierte Fassade. Bei den Lisenen handelt es sich um gekantete Aluminiumprofile mit integriertem außenliegenden Sonnenschutz. Sie liegen vor der thermischen Hülle und rahmen die raumhohen Fenster.
Lisenen, Fenster und Sonnenschutz wurden als geschosshohe Einheiten vorgefertigt. Pro Geschoss wurden etwa 80 von ihnen benötigt. Jeweils früh morgens erreichten sie die Baustelle. Dort hob ein Brückenkran die Module nacheinander in die Höhe. Oben nahmen Bauarbeitende sie entgegen und hängten sie an die Transportbühne einer Monorail-Anlage. Mit ihrem am Rohbau befestigten, horizontalen Schienensystem brachte sie die Fassadenelemente präzise und unabhängig von den Rohbauarbeiten in Position – in der Regel 12 pro Tag.
Windstabiler Sonnenschutz
Um den Energieaufwand bei
der Gebäudekühlung bestmöglich zu reduzieren, muss der Sonnenschutz
außenliegend angebracht sein. Bei Gebäuden dieser Höhe ist das
normalerweise nicht üblich, da hier enorme Windkräfte angreifen,
denen herkömmliche Systeme nicht standhalten. Zum Einsatz kam daher
der Metallbehang s_enro von MHZ. Die feingliedrigen
Aluminium-Lamellen bieten dem Wind kaum Angriffsfläche und erlauben
mit einem Öffnungsanteil von 24 % selbst im geschlossenen Zustand
den Durchblick nach draußen. Ab einem Sonnenstand von 21° über dem
Horizont ist keine direkte Einstrahlung zu verzeichnen. Dank des
geringen Winkeldurchmessers und der rollgeformten Aluminium-Profile
benötigt der Behang außerdem wenig Platz im Fassadenaufbau.
Bautafel
Architektur: Meurer Generalplaner, Frankfurt am Main
Projektbeteiligte: omniCon Gesellschaft für innovatives Bauen, Frankfurt am Main (Construction Management); Schmidt Plöcker Architekten, Frankfurt am Main (Mitwirkung Ausführungsplanung); Rafael de la-Hoz, Madrid (Interior Design); RSP Remmel + Sattler Ingenieurgesellschaft, Frankfurt am Main (Statik); Ingenieurbüro Liebert Versorgungstechnik, Hüfingen (TGA); K. Dörflinger, Gesellschaft für Elektroplanung, Eschborn (Elektroplanung); Ingenieur Consulting Rücker, Darmstadt (Brandschutz); Die Landschaftsarchitekten, Bittkau-Bartfelder + Ingenieure, Wiesbaden (Außenanlagen); Jappsen Ingenieure, Oberwesel / Rhein (Fördertechnik); ITA Ingenieurgesellschaft für technische Akustik, Wiesbaden (Bauphysik); DS-Plan Ingenieurgesellschaft, Stuttgart (Fachplanung Fassade); Wacker Ingenieure, Wind Engineering Consultants, Birkenfeld (Windgutachter); Patrick Lange, Frankfurt am Main (Smart Building und Digitalisierung); Hochtief Infrastructure, Frankfurt am Main (DGNB Audit); BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung, Aachen (Verkehrsplanung); Kardorff Ingenieure Lichtplanung, Berlin (Lichtplanung); SGS Sachverständigenbüro, Groß-Umstadt (Lüftungssachverständiger); Prof. Quick und Kollegen Ingenieure
und Geologen, Darmstadt (Fachplanung Tiefbau); MHZ (Hersteller Metallbehang s_enro)
Bauherr*in: CA Immo Deutschland, Frankfurt am Main
Fertigstellung: 2022
Standort: Brüsseler Straße 1-3, 60327 Frankfurt am Main
Bildnachweis: Klaus Helbig, nhow Frankfurt (Fotos); Meurer Generalplaner (Pläne)
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