Galerie Atipografia in Arzignano

Zeitgenössische Kunst in ehemaliger Druckerei

1907 beschrieb Arnold van Gennep in Les Rites des Passage die Schwelle als etwas Doppeldeutiges: Unter dem Begriff verstand der Anthropologe sowohl eine Grenzlinie als auch einen Verbindungsraum. Einerseits markiert sie den Ort, an dem außen und innen, öffentlich und privat voneinander abgetrennt werden. Andererseits stellt sie jene Stelle dar, an der diese Grenze übertreten werden kann. Genau mit dieser Zweideutigkeit spielte das Büro Amaa beim Umbau einer ehemaligen Druckerei in eine Kunstgalerie im norditalienischen Arzignano.

Stück für Stück gibt das Tor den Blick auf die umgebaute Druckerei frei.
Das Metalltor ist auf Rollen geführt und ohne sichtbare Griffe ausgeführt.
Eine runde Öffnung erlaubt einen ersten Blick auf die Galerie.

Schwelle und Schatz

Laut Angabe des im akademischen Kontext angesiedelten Architekturbüros bezieht sich der Projekttitel Schwelle und Schatz auf die Auslegung dieser beiden Begriffe in Bezug Kunst und Architektur. Das erklärte Ziel des Projekts ist es, die Rolle von Ausstellungsräumen wie Galerien als Schwellen zur Kunst zu hinterfragen und somit auch das Verhältnis von Exponat und umgebender Architektur neu zu verhandeln. Diese Intention spiegelt sich in den Eingriffen wider, die das Planungsteam 2022 in dem ehemaligen Industriebau vorgenommen hat.

Historische Bausubstanz aus zwei Epochen

Der überwiegende Teil der historischen Bausubstanz stammt aus dem 19. Jahrhundert. Zum Bestand gehören eine zweigeschossige Stadtvilla – dem ehemaligen Wohnsitz des Druckereibesitzers – mit einem für die Region typischen Walmdach und einer ebenfalls zweigeschossigen Halle, in der sich einst die Druckerei befand. Zwischen Villa und Halle befindet sich ein eingeschossiger Verbindungsbau aus Beton, der bei einer früheren Erweiterung im 20. Jahrhundert ergänzt wurde. Die nun vollständig sanierten und in Teilen umgebauten Bestandsbauten besitzen eine Gesamtfläche von knapp 1.000 Quadratmetern.

Behutsame Interventionen

Der Weg aufs Grundstück führt durch ein neues Eingangsportal in einer leicht konkav nach innen gewölbten, skulpturalen Einfassung aus Sichtbeton. Wie ein Rahmen umschließt sie ein metallenes Schiebetor, das an einen Tresor denken lässt. Hier wird das Motiv der Schwelle zum ersten Mal ausgegriffen. Nach dem Durchschreiten des Tors gelangt man in den ersten Hof. Links liegt die historische Villa, die heute temporäre Residenzen für Künstler*innen beherbergt, geradeaus der eingeschossige Verbindungsbau. Auf seinem Dach wurde ein Garten angelegt, der über eine Außentreppe erschlossen wird.

Über den Dachgarten geht es in das neue Obergeschoss der einstigen Druckerei. Unter seinem flach geneigten Satteldach ist ein großzügiger, schlichter Atelierraum eingerichtet. Im Erdgeschoss darunter befindet sich der Hauptausstellungsraum der Galerie. Er wurde weitestgehend entkernt und öffnet sich mit einem gläsernen Anbau zum zweiten Hof mit Kiesboden. Von der früheren Wand blieben lediglich die Stützen erhalten. Im hinteren Bereich wurde ein kleines Betonvolumen eingestellt, das die Toiletten aufnimmt.

Übergänge, in Szene gesetzt

Orten des Übergangs kommt in der Kunstgalerie eine wichtige Rolle zu. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Gestaltung der Eingänge sowie den physischen Interaktionen, die sich an ihnen abspielen. Diese Inszenierung beginnt beim Haupteingang: Das unten laufende Metall-Schiebetor ohne sichtbare Griffe verdeckt die Sicht auf die Galerie. Erst nach Betätigung des Tores rollt es langsam zur Seite und gibt Stück für Stück den Blick auf den ersten Innenhof frei.

Aus Metall sind auch die Rahmen der bodentiefen Fenster des Verbindungsbaus sowie des U-förmigen, gläsernen Anbaus zwischen ehemaliger Druckereihalle und Nachbargebäude. Hier allerdings ist es bronzefarben und kontrastiert mit der groben Struktur des Mauerwerks und dem Kies des Bodens im Hof.

Der Eingang zum Atelierraum im Obergeschoss der Halle, ist ebenfalls effektvoll gestaltet worden. Vom Dachgarten kommend, muss erst ein metallenes Schiebetor betätigt werden. Dahinter befindet sich eine aluminiumgerahmte Pivot-Tür. Der Beschlag beziehungsweise das Scharnier ist als Drehpunkt mittig im Türblatt eingelassen. Der Vorteil einer mittig platzierten Drehachse besteht darin, dass an den Beschlägen keine waagerechten Zugkräfte auftreten, die gerade bei größeren Drehflügellasten äußerst massive Beschläge erfordern. In einer Wendestellung von 90° gibt der Flügel nahezu die ganze lichte Öffnungsbreite frei. -np

Bautafel

Architektur: AMAA, Arzignano
Projektbeteiligte: Claudio Lorenzetto (Tragwerksplanung); Sinergo, Venedig (Brandschutz); Aig / Elettroimpianti (Elektro); Stefano Faggion (Ingenieurbüro); Viabizzuno (Lichtplanung); Luca Dal Cengio, Arzignano (Akustikplanung); Angelo Renna, Prato (Landschaftsarchitektur); Wolf Fenster (Beschläge)
Bauherr*in: Atipografia (Elena Dal Molin)
Standort: Via Campo Marzio 26, 36071 Arzignano, Italien
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Simone Bossi (Fotos); Elena Pellizzer (Fotos Modell); AMAA (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Pivot-Türen sind eine besondere Form der Drehtür. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Verb pivoter (= schwenken, schwingen) her (im Bild: geöffneter Zustand einer Aluminium-Holz-Pivot-Tür in einem Atrium in Amsterdam).

Pivot-Türen sind eine besondere Form der Drehtür. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Verb pivoter (= schwenken, schwingen) her (im Bild: geöffneter Zustand einer Aluminium-Holz-Pivot-Tür in einem Atrium in Amsterdam).

Türarten

Pivot-Tür

Schiebetor zum Musuem der Citânia de Santa Luzia, einer eisenzeitlich-römischen Höhensiedlung nahe der portugiesischen Stadt Viana do Castelo.

Schiebetor zum Musuem der Citânia de Santa Luzia, einer eisenzeitlich-römischen Höhensiedlung nahe der portugiesischen Stadt Viana do Castelo.

Torbeschläge

Schiebetorbeschläge

Wendeflügelbeschläge

Fensterbeschläge

Wendeflügelbeschläge