Dali Transformer Theater in Yunnan
Glasflächen mit wellenförmigem Sonnenschutz
Wer Dali hört, denkt vermutlich zuerst an Salvador Dalí und nicht an die südwestchinesische, 800.000 Einwohner*innen zählende Stadt Dali in der Provinz Yunnan. Hier haben Atelier Alter Architects am Nordrand der historischen Altstadt eine aufgegebene Transformatorenfabrik in das 13.000 Quadratmeter große Dali Transformer Theater verwandelt. Aus Werkstätten, Lagern und Verwaltungsräumen entstand ein Ensemble aus Theater, Kunst, Gastronomie und digitalen Erlebniswelten, das die industrielle Vergangenheit nun mit kulturellen Nutzungen und architektonischen Ergänzungen verbindet.
Die unterschiedlichen Bauten der ehemaligen Fabrik wurden durch ein System von Stegen, Rampen und Plattformen zu einer begehbaren Dachlandschaft zusammengefügt. Unter den zeitgenössischen Eingriffen sind die Industrieanlagen jedoch weiter erkennbar. Das aufgestockte, rund 30 x 80 Meter große Hauptgebäude der Montagewerkstatt befindet sich 300 Meter südwestlich der Pagode des nördlichen Stadttors und überragt nunmehr die flache Bebauung der historischen Altstadt. Eine neue Dachterrasse öffnet den Blick zum Cangshan-Gebirge im Westen und über die Stadt und den Erhai-See im Osten.
Auch im Inneren wurden die verschiedenen Bereiche der Fabrik theatralisch inszeniert. Die ehemalige Eisenwerkstatt ist heute ein Ausstellungsraum für Handwerk. Das ehemalige Lager im Südosten des Areals heißt nun Heaven’s Bookstore. Direkt nördlich davon befand sich einst eine Werkstatt mit Schlaf- und Unterkunftsräumen für die Beschäftigten. Hier entstand nach dem Haus-im-Haus-Prinzip ein lichtgeschütztes Filmarchiv, ergänzt durch bewegliche Boxen im Erdgeschoss.
Multimediales Theater
Das große, ehemalige Montagegebäude im Westen des Areals wurde durch schräge Wand- und Bodenauschnitte in vier Zonen aufgeteilt: Da ist zunächst die Heart-beat Factory – tagsüber ein schwebender Garten, nachts ein Raum für Performances, mit Radios, die den eigenen Herzschlag übertragen. Die zweite Zone bildet die Mirroring Bar mit Verspiegelung und spontanen Aufführungen, die dritte Zone der Awakening Space für Puppenspiel. Zuletzt wurde hier das Mood Hospital angesiedelt, das der Auseinandersetzung mit Gefühlen oder Stimmungen gewidmet ist.
Die vier Zonen sind sowohl theatrale als auch kommerzielle Räume und sind getrennt oder gemeinsam nutzbar. Zugleich gehen Innen- und Außenraum durch das System aus Stegen und Rampen fließend ineinander über. Mittels Holografie, Projektionen auf Gewebestrukturen sowie 3D-Technologien wird der physische Raum digital erweitert. Die Medienkunst macht das Theater immersiv.
Fassade: Schmetterlingsziegel und Marmorplatten
Die ursprünglichen Tragstrukturen bleiben an vielen Stellen sichtbar, während neue Verglasungen die Gebäude zur Stadt öffnen. An der ehemaligen Eisenwerkstatt wurden neue Fassadenelemente ergänzt: Angelehnt an Baizu-Häuser, die traditionellen Hofhäuser der lokalen Bevölkerungsgruppe Bai, wurden die tragende Natursteinwand und die leichte Stahlrahmen-Konstruktion des Bestands mit einer Vorhangfassade und einem neuen Dach kombiniert. Ehemalige Fensteröffnungen sind so zu Schaufenstern geworden, die die ausgestellten Handwerksobjekte inszenieren.
Das wohl prägendste Gestaltungselement der Fassade sind dünne, gebogene Keramikelemente, die in Metallrahmen vor der Verglasung angeordnet sind und als außenliegender Sonnenschutz. Ihre Form erinnert an die Hudie-wa-Dachziegel aus der Bai-Architektur. Es handelt sich dabei um schlichte, graublaue Tonziegel, umgangssprachlich Schmetterlingsziegel, die traditionell ähnlich dem europäischen Mönch-Nonne-Prinzip verlegt werden. Auf dem Theatercampus werden Dachziegel abstrahiert und vertikal oder horizontal gereiht in eine zeitgenössische Fassadenstruktur übersetzt. Sie filtert einerseits das Sonnenlicht und erzeugt andererseits ein bewegtes Spiel aus Licht und Schatten.
Andere Fassadenbereiche erzeugen durch vorgehängte dünne Marmorplatten, durch die nachts das Licht nach außen durchscheint, einen fragilen Eindruck. Auch der Marmor stellt einen Bezug zu den Häusern der Altstadt her. Beim ehemaligen Lager ersetzen Ziegel die verputzten Wandflächen, während Fenster und Türen an ihren ursprünglichen Positionen erhalten bleiben. Reflektierende Oberflächen lassen Teile des Bestands optisch mit der Umgebung verschmelzen.
Insgesamt machen die Fassaden die Geschichte der Anlage sichtbar, ohne sie museal zu konservieren. Das Neue ist klar erkennbar und schreibt die industrielle Architektur zeitgemäß fort.
Bautafel
Architektur: Atelier Alter Architects, New York / Peking
Projektbeteiligte: Yingfan Zhang, Xiaojun Bu, Zhenwei Li, Ping Jiang, Si Miao, Teng Xue, Xinchen Yang, Yalan Tan, Jiaming Mei, Lidong Song, Li Jiang, Chunbiao Cao, Zhen Ni, Xiaoyan Liu, Jiayan Duan (Projektteam Architekturbüro), Beijing Institute of Architectural Design, Peking (assoziiertes Architekturbüro, LDI), Guangzhou Bosha Institute of Architectural Design, Guangzhou (Innenausbau), YZscape (Landschaftsarchitektur), MOUJITI ART+TECH, Peking (Medienkunst, Signaletik), Tao Xiangju Film and Television Studio in Ningbo Xiangbao Cooperation Zone, Ningbo (Bühnengestaltung), GD Lighting Design, Shenzhen / Peking (Lichtplanung), Chongqing Yinqiao Engineering Design (Group), Chongqing (Fassadenberatung)
Bauherr*in: OCT Group, Dali
Fertigstellung: 2023
Standort: 671003 Dali, Yunnan, China
Bildnachweis: Xia Zhi, Highlite Images, Jin Weiqi, Atelier Alter Architects (Fotos); Atelier Alter Architects (Pläne)
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