Besucherzentrum Primeo Energie Kosmos in Münchenstein

Zirkuläres Bauen als Narrativ für Bildung

Als Teil einer Studie des Schweizer Bundesamts für Energie möchte der Neubau des kürzlich fertiggestellten Primeo Energie Kosmos in Münchenstein bei Basel Energieeffizienz und Ressourcenmanagement illustrieren. Mit seiner Bauweise vermittelt das Gebäude vom Basler Büro Rapp Grundsätze der Zirkularität. Räumlich ergänzt es das Angebot des bestehenden Elektrizitätsmuseums in der ehemaligen Zählerwerkstatt von 1932 um interaktive Ausstellungsbereiche und Workshops. 

Das Elektrizitätsmuseum befindet sich im Haus der ehemaligen Zählerwerkstatt von 1932.
Die Pläne für den Neubau stammen vom Basler Büro Rapp.
Neben dem interaktiven Raumprogramm soll auch das Gebäude Wissen vermitteln...

Die Energiewende niedrigschwellig vermitteln

Zum 125-jährigen Bestehen der Elektra Birseck Münchenstein (EBM, heute Primeo Energie) sollte das Elektrizitätsmuseum modernisiert und durch einen Neubau erweitert werden. Ziel war, das Bildungsangebot um interaktive Konzepte zu erweitern, und gleichzeitig die Wissensvermittlung niedrigschwelliger zu gestalten. Insbesondere Schulklassen soll ein visuell eindrücklicher Lernort für die akuten Themen Energie, Klimawandel und „Nachhaltigkeit“ geboten werden. Der Neubau wurde im geladenen Wettbewerb dabei selbst zum didaktischen Element erhoben: Seine Konstruktion sollte größtenteils auf recycelte oder nachwachsende Bauteile zurückgreifen. Die Architekt*innen realisierten den Neubau schließlich mit etwas mehr als zwei Dritteln Bauteile dieser Art. Inhaltlich unterstützt wurde das Projekt vom Structural Xploration Lab der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) und gefördert vom Schweizer Bundesamt für Energie.

Ausrangierte Hochspannungsmasten

Zum Einsatz kamen unter anderem Holzdielen eines alten Bootshauses, gebrauchte Waschbecken, Küchenmodule und Leuchten aus Abrissobjekten. Wo neue Teile nötig waren, versuchte man auf sortenreine und Produkte regionalen Ursprungs zu achten, um die Grauenergie weitestgehend zu drosseln. Nebenbei schaffte man durch die Konstruktion die Grundlage für zukünftige Weiterverwertung der Komponenten, indem man neue Materialien größtenteils unbehandelt ließ. Innen gesellen sich zu dem offenen Holzskelettbau teils massive, teils geschichtete materialgleiche Wände und Decken. Alles Funktionale tritt hier deutlicher in Erscheinung, ohne aufdringlich zu wirken: Eine Stahlspindel mit Stufen der vorübergehenden Bautreppe und einem neuen Falzgeländer, sporadisch vernagelte Sanitärboxen und eine Galerie, deren Brüstung größtenteils aus Teilen ausrangierter Hochspannungsmasten besteht.

Neue Wege der Wertschöpfung

Die stabilen Hochspannungsmasten sollten ursprünglich auch als tragende Konstruktion für die umlaufenden Laubengänge dienen. Hemmnissen in der Genehmigung verdanken sie ihre jetzige Rolle als Rankgerüst – das Fassadengrün soll bald für natürliche Verschattung und behagliches Raumklima sorgen. Aus statischen Gründen griff man auf klassischen, werkfrischen Profilstahl zurück. Die eigentliche Gebäudehaut mit ihren unterschiedlichen Plattenformaten besteht aus Verschnitt eines anderen Bauprojekts – ein geometrisches Fügungsrätsel, das die Architekt*innen mit digitalen Tools bewältigten.

Letztlich verlangt das Planen mit Bestandsmaterialien natürlich ein Umdenken in vertrauten Abläufen, schließlich orientiert sich der Entwurf viel stärker an dem, was gerade verfügbar ist und bedient sich damit aus einem ständig wechselnden Angebot an Bausteinen. Allerdings liefert die Methodik auch einen wichtigen Mehrwert. Und zwar für das Bauen an sich, indem sie nicht nur die Verzahnung von Planung und Handwerk fördert, sondern auch die Bereitschaft zum Experiment und zur Prozesshaftigkeit in die Praxis zurückkehren lässt. Und sogar für die marktseitige Wertschöpfung zeigen sich Vorteile: Obwohl der Planungsaufwand in Münchenstein höher war, konnten die Materialkosten am Ende deutlich reduziert werden.

Flachdach

Die Abdichtung von Flachdächern erfordert den Einsatz von nicht nachwachsendem Material. Wo möglich, wurde beim Dachaufbau des Primeo Energie Kosmos aber auch auf Suffizienz geachtet. So bestehen zum Beispiel Teile der Unterkonstruktion aus wiederverwendeten Dreischichtplatten und auch die Gittermasten-Überreste ranken sich bis über die Attika. Das Flächengerüst aus Profilstahl trägt PV-Kollektoren, die bei einem Gebäude zum Thema Energiemanagement natürlich nicht fehlen dürfen. Ein keramischer Oberbelag ermöglicht schließlich das nähere Betrachten der Energiegewinner.

Dachaufbau im Detail

  • Dreischichtplatte 60 mm
  • Dampfbremse
  • Mineralwolle 150 mm
  • PIR-Dämmung 90 mm Gefälle
  • Zweilagige Bitumenbahn
  • Stelzlager
  • Keramikbelag 30 mm
  • Tragkonstruktion aus Profilstahl
  • Photovoltaik-Module

Bautafel

Architektur: Rapp, Basel
Projektbeteiligte: Bryum, Basel (Masterplan, Landschaftsarchitektur); EPFL Structural Xploration Lab, Lausanne (Forschung); Waldhauser+Hermann, Münchenstein (Gebäudetechnik); Pro Engineering, Basel, Bellprat Partner, Zürich (Elektroplanung); Anima Engineering, Basel (Sanitärplanung); aventron, Zürich (Solar)
Bauherrschaft: Primeo Energie, EBM (Elektra Birseck Münchenstein) 
Fertigstellung: 2022
Standort: Münchenstein, Schweiz
Bildnachweis: Beat Ernst, Basel

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