Archiv der Avantgarden in Dresden

Schwebender Betonkubus in barocker Hülle

Der deutsch-italienische Kunstsammler und Verleger Egidio Marzona schenkte dem Freistaat Sachsen 2016 ein umfangreiches Archiv mit rund 1,5 Millionen Objekten aus der Zeit der Avantgarde. Dazu gehören neben Kunst, Designgegenständen, Zeichnungen, Plänen und Möbeln auch Schriftstücke, Fotografien, Schallplatten oder Filme, die dem Futurismus, Dadaismus, Konstruktivismus und dem Surrealismus zugerechnet werden. Seit 2023 hat die Sammlung mit dem von Nieto Sobejano Arcquitectos entworfenen Archiv der Avantgarden eine neue Heimat gefunden.

Luftbild mit Blick über das Archiv der Avantgarden und die Elbe. Im Hintergrund zu sehen sind die Frauenkirche, das Stadtschloss und die Schlosskirche.
Die sanierte barocke Hülle lässt das überraschende Innenleben kaum erahnen.
Ausstellung „Archiv der Träume. Ein surrealistischer Impuls“ kurz nach Fertigstellung des Umbaus.

2018 lobte der Freistaat einen Architekturwettbewerb aus und legte das historische Blockhaus, das sich am Fuß der Augustusbrücke gleich gegenüber der berühmten Dresdner Altstadt befindet, als neue Heimat für das Archiv fest. Das ab 1732 nach Plänen von Zacharias Longuelune errichtete Gebäude hatte da bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb lediglich eine ausgebrannte Ruine des Barockbaus übrig, die erst ab Ende der 1970er Jahre getreu der ursprünglichen Form wieder aufgebaut wurde. 2013 nahm das Bauwerk wiederum erheblichen Schaden durch das Elbhochwasser. Die jüngste Sanierung, die im Herbst 2023 abgeschlossen war, bescherte dem Bauwerk nun einen spektakulären Umbau im Inneren. 

Vermittlung zwischen Historie und (baulicher) Avantgarde

Aus dem Wettbewerb ging das in Madrid und Berlin beheimatete Büro Nieto Sobejano Arcquitectos als Sieger hervor. Der Entwurf sah eine originalgetreue Sanierung der barocken Hülle und eine nahezu komplette Entkernung des Gebäudes vor. Im Inneren fügten die Architekten einen scheinbar schwebenden, dreigeschossigen Betonkubus ein, der das Erdgeschoss für Ausstellungen, Veranstaltungen oder Kongresse freilässt. Das im Mai 2024 eingezogene Archiv der Avantgarden– Egidio Marzona (ADA) wird von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden betrieben. 

Zu den Wettbewerbsauflagen gehörte der Erhalt der denkmalgeschützten Fassade sowie einer tragenden Wand im Untergeschoss, ferner die Einhaltung der Baulinie, Kubatur und Firsthöhe. Die behutsame Sanierung wahrt das äußere Erscheinungsbild und den historischen Zustand. Die radikale bauliche Umgestaltung im Inneren hingegen zeugt von Mut und architektonischer Konzeptstärke. 

Neben Archiv- und Ausstellungsbereichen bieten die insgesamt rund 2.000 Quadratmeter Nutzfläche auch Raum für Forschungstätigkeiten. Somit öffnet sich die Institution nicht nur kunstinteressierten Gästen, sondern auch dem Fachpublikum. „Das Projekt erwächst aus dem Dialog zwischen Gedächtnis und Avantgarde,“ wie das Architekturbüro seine Gestaltungsprämissen beschreibt. „Die feine Provokation und das Gedankenspiel, das der Institutionsname impliziert, wird in diesem Projekt als Ausgangspunkt verstanden,“ lautete die Antwort der Jury auf den erstprämierten Entwurf.

Scheinbar schwebender Kubus aus Beton im entkernten Blockhaus 

Der geschlossene Betonkörper, der das Archiv beherbergt, scheint in der Luft zu hängen. Im zweiten Obergeschoss rahmen ebenso massive Galerien den Kubus, von ihm getrennt durch eine Lichtfuge. Auf zwei Seiten nehmen Erschließungskerne die Last der Sammlung auf. Das äußere Tragwerk ist aus Stahlbeton, das innere als Stahlkonstruktion mit Vierendeelträgern ausgeführt. Das Eigengewicht des Betonwürfels selbst nehmen wiederum Konsolen und Verbundstützen in den Gebäudeecken auf, die zwischen dem oberen Ringbalken aus Stahl und dem unteren Ringbalken statisch vermitteln.

Die repräsentativen Bereiche dieser inneren Betonfassade sind in der höchsten Sichtbetonklasse SB4 ausgeführt. Dabei bleibt die Holzmaserung der Brettschalung in hoher gestalterischer Ausführungsqualität sichtbar. Rund 30 Musterplatten gingen dem gewünschten Ergebnis voraus. Nach Angaben des Bauherrn war es den Verantwortlichen wichtig, eine fast nahtlose Oberfläche zu erzielen, ohne Versätze und Farbunterschiede. So sollte etwa der Sand für die Betonmischung aus einer Charge stammen, das Holz sortenrein und geflammt sein, jedes Schalungsbrett geschliffen und möglichst wenige Astlöcher aufweisen.

Wendeltreppe als ausdrucksstarkes Element

Auf der südlichen Seite des Gebäudes zeichnet eine Wendeltreppe eine markante Form in den Raum. Auch hier zeugt die brettergeschalte Sichtbetonoberfläche von einem hohen gestalterischen Anspruch. Die Treppe selbst ist freitragend und ohne Wendelstein ausgeführt, was wiederum den schwebenden Charakter unterstreicht und die Schwere des Baustoffs konterkariert. Die schmale innere Wendelung war statisch sowie hinsichtlich des Betoniervorgangs herausfordernd. 

Nach mehrmonatiger Planung im 3D-Modell entstand eine Hilfskonstruktion mit einem spiralförmigen Stahlrohr mit 40 Zentimeter Durchmesser – was der späteren Wendelung entsprach. Daran wiederum wurden die Armierungselemente für die Stahlbetontreppe befestigt. Für die brüstungshohen Wangen kam ebenfalls eine vertikale Bretterschalung zum Einsatz, die den Treppenverlauf zusätzlich inszeniert. Die restlichen Sichtbetonflächen im Raum sind mit horizontal angeordneten Brettern geschalt. So lebt das ausdrucksstarke Ambiente im Archiv der Avantgarden von vielen subtilen Kontrasten.

Bautafel

Architektur: Nieto Sobejano Arquitectos, Berlin/Madrid
Projektbeteiligte: Nieto Sobejano Arquitectos, AWB Architekten (Ausschreibung und Bauüberwachung), TP Management (Projektsteuerung), Brendel Ingenieure Dresden (TGA), Wetzel & von Seht (Tragwerksplanung), Prof. Rühle, Jentzsch & Partner (Brandschutzgutachten), Müller-BBM Building Solutions (Bauphysik, Bau- und Raumakustik), Kretzschmar & Partner Freie Landschaftsarchitekten (Freianlagenplanung), Helen Stelthove (Grafik)
Bauherr*in: Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement – Niederlassung Dresden I
Standort: Große Meißner Straße 19, 01097 Dresden
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Roland Halbe (Bilder 1 bis 4); Archiv der Avantgarden, SKD, Foto: Klemens Renner (Bilder 5 bis 7); Nieto Sobejano Arquitectos Berlin/Madrid (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Die Wahl der Schalung hat entscheidenden Einfluss auf die Erscheinung der Sichtbetonflächen (Abbildung: St. Canisius-Kirche in Berlin; Architektur: Büttner, Neumann, Braun).

Die Wahl der Schalung hat entscheidenden Einfluss auf die Erscheinung der Sichtbetonflächen (Abbildung: St. Canisius-Kirche in Berlin; Architektur: Büttner, Neumann, Braun).

Grundlagen Schalungen

Flächengestaltung durch Schalungen

Schalhautklassen

Grundlagen Schalungen

Schalhautklassen

Beim Sichtbeton übernehmen die Ansichtsflächen eine gestalterische Funktion.

Beim Sichtbeton übernehmen die Ansichtsflächen eine gestalterische Funktion.

Grundlagen Schalungen

Sichtbeton

Wendeltreppe mit brüstungshohen Stahlwangen im Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) des Berliner Max-Delbrück-Centrums

Wendeltreppe mit brüstungshohen Stahlwangen im Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) des Berliner Max-Delbrück-Centrums

Treppenformen

Wendeltreppen

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Schalungen und Gerüste sponsored by:
PERI | Kontakt 07309 / 950-0 | www.peri.de