43 Viviendas Sociales auf Ibiza
Sozialwohnungen mit Passivhausstandard
Low-Tech auf Ibiza: 2022 wurde in der Inselhauptstadt ein fünfgeschossiges Wohngebäude in Passivhausbauweise errichtet, das aus einem Wettbewerb der Regierungsbehörde Institut Balear de l'Habitatge (IBAVI) hervorging. Die 43 Sozialwohnungen bieten das ganze Jahr hindurch ein angenehmes Raumklima, ohne dass eine Heizung oder Klimaanlage notwendig wäre. Mit Lehmsteinen und Holz gelang es den Architekt*innen von Peris + Total zudem, den CO2-Fußabdruck gegenüber konventionellen Bauweisen um 60 Prozent zu senken.
Wohnen im Würfelberg
Der Wohnkomplex befindet sich an der Südküste Ibizas, in einem Umfeld ohne klar definiertes Stadtgefüge. Auf der Nordseite begrenzt ein Viertel mit Einfamilienhäusern das Grundstück, während es zum Strand hin von großen Hotels und Diskotheken gesäumt wird. Die Planer*innen entschieden sich, auf beide Größenordnungen einzugehen und schufen einen terrassierten Gebäudekörper, der aus verschieden hoch gestapelten Würfeln zu bestehen scheint. Der Eindruck täuscht nicht, denn tatsächlich wurde konsequent ein Raummodul von 4 mal 3 Metern auf Wohnräume, Treppenhäuser und Atrien angewandt. Zur Aussteifung des Tragwerks sind einige der Modulreihen leicht aus dem Raster verschoben.
Das tiefe Gebäudevolumen ist in drei Einheiten mit je eigenem Treppenhaus unterteilt. Jede Einheit gliedern wiederum teils überdachte Innenhöfe mit Galerien, die als Wintergärten und Gemeinschaftsorte dienen. Pro Geschoss legen sich bis zu vier Wohnungen um einen dieser Höfe. Erschlossen werden die Wohnungen von einer gemeinsamen Lobby, die Treppenhaus und Wintergarten verbindet. Innen wie außen haben die Architekt*innen solche Passagen und Nischen angelegt, um dem nachbarschaftlichem Leben Raum zu geben. Daneben befinden sich Kiesflächen, aus denen etwa kleine Bäume wachsen.
Die Wohnungen bestehen aus vier bis sechs der Raummodule. Jedes von ihnen misst 12 Quadratmeter – unabhängig von seiner Nutzung. Auf diese Weise bilden sie verschachtelte Enfiladen, mit nur vereinzelten flurartigen Engstellen. Die Wohnküche liegt stets in der Mitte der Raumkette. Dies soll dazu beitragen, Hausarbeit sichtbar zu machen und alte Geschlechterrollen aufzubrechen. Die übrigen Räume sind vor- oder anchgeschaltet. Große Türöffnungen ermöglichen, dass Küche und Essbereich von den anderen Räumen aus belichtet und belüftet werden. Zudem gibt das sonst dominierende Wohnzimmer einen Teil seiner Fläche an andere Räume ab, was zu einer größeren Flexibilität und Anpassungsfähigkeit führt und den Grundriss für größtmögliche Vielfalt an Wohnformen optimiert.
Per Luftzug klimatisiert
Angesichts des mediterranen Klimas, das von milden Wintern und heißen Sommern mit hoher Luftfeuchtigkeit geprägt ist, setzten die Planer*innen auf Luftbewegungen zur Klimatisierung der Wohnungen. Das Gebäude ist zum nahen Meer hin ausgerichtet, wodurch sich tagsüber die Meeresbrise und nachts die Terrassenbrise nutzen lässt. Zudem vervielfachen die zahlreichen Abstufungen der Dachterrassen und Gründächer die Anzahl der Gebäudekanten, wodurch sich die Luftgeschwindigkeit erhöht.
Im Sommer lassen sich die Dächer der Atrien öffnen, um einen Kamineffket zu erzeugen: Die heiße Luft steigt dann nach oben und entweicht, während der Zug die Wohnräume auf natürliche Weise kühlt. Diese Methode, war früher im Mittelmeerraum weit verbreitet, bevor sie von Klimaanlagen verdrängt wurde. Werden die Dachfenster im Winter geschlossen, dann staut sich die Sonnenwärme und kann zum Heizen der Wohnungen genutzt werden, die sich zu den Atrien hin öffnen. Ähnlich funktionieren die verglasten Loggien: Bei geschlossenen Glastüren und hochgezogenen Außenjalousien fangen sie die Sonnenwärme ein. Sind alle Fenster geöffnet, lässt sich die Wohnung per Querlüftung kühlen.
Zusammenspiel natürlicher Materialien
Während die Fassaden mit Kalkmörtel verputzt sind, um den Lehm vor der Witterung zu schützen, liegen die Blöcke in den Wohnräumen frei. In den Treppenhäusern kamen vorgefertigte Lehmplatten mit einem Putz aus Lehm und Stroh zum Einsatz. Sie verdecken einerseits die Versorgungsleitungen und unterstützen andererseits die Feuchtigkeitsregulierung. Für Trennwände und Tischlerarbeiten verwendete man aus dem Baskenland stammendes Lärchenholz, das mit der Rohheit der Lehmblöcke kontrastiert. Dieses Holz ist ebenfalls bei der Dachkonstruktion der mit Polycarbonat gedeckten Atrien zu finden.
Lehmsteine im mediterranen Klima
Um den Passivhausstandard zu erreichen, musste unbedingt die hohe Luftfeuchtigkeit auf Ibiza berücksichtigt werden, die im Sommer auf über 80 Prozent ansteigen kann. Gesucht war ein dichtes Baumaterial mit guter hygrothermischer Leitfähigkeit. Die Planer*innen entschieden sich gegen Beton und stattdessen gepresste, stabilisierte Lehmsteine (CSEB) aus Katalonien. Bei Fertigstellung war der Wohnkomplex sogar das höchste mit CSEB errichtete Gebäude Spaniens.
Anstelle von Zement wurden die gepressten Blöcke mit hydraulischem Kalk stabilisiert, bei dessen Herstellung weniger Kohlenstoffdioxid ausgestoßen wird. Der CO2-Fußabdruck von kalkstabilisierten CSEB ist etwa halb so groß wie der von gebrannten Tonziegeln oder Betonblöcken. Die Zugabe des hydraulischen Kalks macht die gepressten Lehmsteine wasserbeständig und erhöht ihre Druckfestigkeit. Ohne diese Stabilisierung dürfen die Steine nur für niedrigere Gebäude genutzt werden, die zudem eine großen Traufüberstand haben und mit einem Kalkmörtel verputzt sind.
Nutzung der Trägheit statt ausgiebiger Dämmung
Mit den CSEB wurden die 20 cm dicken, tragenden Wände gemauert. Die Steine weisen eine Dichte von ca. 2.000 Kilogramm pro Kubikmeter auf und zeigen eine hohe thermische Trägheit. Somit halten die Wände die Innentemperaturen über lange Phasen konstant, während die Außentemperaturen schwanken. Lehm ist zudem hygroskopisch, das heißt, er absorbiert Feuchtigkeit aus der Luft und reduziert auf diese Weise die Umgebungsfeuchtigkeit.
Dank der hohen Masse bieten die Lehmwände außerdem ausreichend Schallschutz, der in einem so dichten Wohnblock mit 43 Einheiten besonders wichtig ist. Entsprechend konnte auf teure Schallschutzwände verzichten werden und erfüllt dennoch alle Vorschriften und Normen.
Bautafel
Architektur: Peris +Toral Arquitectes, Barcelona
Projektbeteiligte: Bernúz Fernández (Tragwerksplanung); L3J Tècnics Associats (Technische Gebäudeausrüstung); José Luis Velilla (Bauleitung); Societat Orgànica (Umweltberatung); Àurea Acústica (Akustik)
Bauherr*in: Institut Balear de l'Habitatge (IBAVI)
Fertigstellung: 2022
Standort: Calle Maria Teresa de Leon 8-14, 07800 Ibiza, Spanien
Bildnachweis: José Hevia, Txema Salvans (Fotos); Peris + Total, Barcelone (Pläne)
Fachwissen zum Thema
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