Wohnhaus im Bayerischen Wald

Von Beton umschlossene Innenhöfe

Die Kurstadt Bad Kötzting im Oberen Bayerischen Wald ist nicht nur für die umgebende Naturlandschaft und als Kneippheilbad bekannt. Seit Jahrhunderten versammeln sich an Pfingstmontag bis zu 1.000 Reiter zu einer feierlichen Prozession, dem Pfingstritt zu Bad Kötzting. Dieser Tradition wird mit einem Museum in der Kirchenburg sowie zahlreichen über die Stadt verteilten Kunstwerken gehuldigt. Nun kam ein Fassadenrelief hinzu – ausgerechnet inmitten eines Wohngebiets. Das Haus plante der Architekt und Denkmalpfleger Andreas Mühlbauer gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Andreas und Alexander auf einem privaten Grundstück.

In das regelmäßige Fugenmuster der Sichtbetonfassade nach Westen fügt sich fast unmerkllich eine Betontür ein.
An der Westseite verschmilzt eine Betontüre mit der Fassade.
An der Nordseite begrenzt ein wiederverwendetes, altes Garagentor die Öffnung des Kaminzimmers.

Der Neubau hebt sich von der umgebenden Bebauung in einer Einfamilienhaussiedlung im Osten der Stadt stilistisch klar ab. Nach außen tritt das Wohngebäude als eingeschossige, geschlossene Betonstruktur mit drei Meter hohen Außenwänden aus Sichtbeton in Erscheinung. „Das Haus ist ohne Kontext gebaut. Es ist von seiner Umgebung komplett abgeschlossen,“ erklärt Alexander Mühlbauer den Entwurf. Betrachtet man die Kunst am Bau zur Kaitersbergerstraße hin – ein Betonrelief mit fünf lebensgroßen Pfingstreitern – öffnet sich das Wohnhaus durchaus zur Stadt und schlägt eine Brücke zwischen der lokalen Tradition und einer zeitgenössischen, brutalistischen Architektur.

Introvertiertes Konzept mit viel Licht und Grün

Das Innere ist erstaunlich offen strukturiert und zum Außenraum orientiert. Zwei begrünte Atrien werden zu zentralen Elementen des Raumprogramms und der Erschließung. Der südwestlich gelegene Hauseingang – eine von nur drei Öffnungen im geschlossenen Betonquader – führt über einen Windfang zum größeren Innenhof. Dieser wird von einem Kaminzimmer nach Westen sowie dem rund 90 Quadratmeter großen Wohn- und Schlafbereich flankiert. Nach Osten grenzt an die privaten Räume ein kleinerer Innenhof, der wiederum mit der reliefierten Außenwand zur Straße hin abschließt. Weite Glasfronten mit Schiebeelementen sorgen für größtmöglichen Lichteinfall aus den Höfen ins Innere. Die mal üppige, mal zurückhaltende Bepflanzung mit heimischer Flora ist das Werk des Berner Landschaftsarchitekten Maurus Schifferli.

Wenige, gezielte Kontraste zum Beton

Nicht nur nach außen, sondern auch im Innenraum wurde die raue Oberfläche des Betons gänzlich sichtbar belassen. Der gegossene Boden sowie Sichtbetondecken mit kleinteiligem Schalungsbild vervollständigen das monolithische Erscheinungsbild. Lediglich die Fensterprofile, raumhohe Schiebeelemente und ein Küchenblock aus Lärchenholz bilden einen Materialkontrast. Ebenfalls wird die Natur zur Protagonistin: „Die Gärten sind physische Manifestation einer sichtbaren Welt, wie sie ist, und unsere Einwirkung kann keine völlig andere aus ihr machen“ erklärt der Schweizer Landschaftsarchitekt Schifferli dazu. Als eine der wenigen Öffnungen innerhalb der wehrhaften Ummauerung fand ein altes Garagentor Verwendung, wodurch sich aus dem Kaminzimmer letztlich doch noch der Blick in den Bayerwald eröffnet.

Entstehung der Kunst am Bau

Das Pfingstritt-Motiv an der Straße füllt die 11 Meter lange und 3 Meter hohe Außenwand fast gänzlich aus. Der mittlerweile über 80 Jahre alte, frühere Kunstlehrer des Architekten, Hans Sailer, lieferte die zeichnerische Vorlage für das spätere Relief. Im Architekturbüro wurde die Zeichnung digitalisiert, sodass ein Schreiner eine Strukturmatrize aus Holz in der entsprechenden Form fräsen konnte. Im Ergebnis zeigt sich eine realistische Darstellung von fünf Reitern mit Kreuz, Fanfare oder Fahne, die die geistliche Prozession symbolisieren. Die Ausführung der Betonarbeiten übernahm das in der Region beheimatete Unternehmen Alt Bau, das bereits am Konzerthaus von Peter Haimerl im benachbarten Blaibach beteiligt war.

Bautafel

Architektur: BÜRO MÜHLBAUER, Ingolstadt
Projektbeteiligte: Alexander Mühlbauer, Andreas Mühlbauer, Andreas Josef Mühlbauer, Lukas Westner (Architektur), Prof. Maurus Schifferli, Bern (Landschaftsarchitektur), Hans Sailer, Kirchdorf am Inn (Kunst am Bau), Alt Bau, Pemfling (Betonbau)
Bauherr*in: privat
Standort: Kaitersbergstraße 8, 93444 Bad Kötzting 
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Mikael Olsson, Göttingen (Fotos); BÜRO MÜHLBAUER, Ingolstadt (Pläne)

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